Amithlon - erzählt mal

26/12/2007 - 01:02 von Ludwig Maetzke | Report spam
Hallo und frohes Fest,

was ist aus dieser tollen Sache (Amiga-System mehr oder weniger emuliert
auf Linux-Basis) geworden? Man liest ja nicht mehr viel dazu. Es gab
doch mal eine Version 2? Wer hier hatte das? Hat's gefallen? Wurden die
Komponenten der PC's (Sound, Grafik usw.) gut unterstützt? Wie wurde
gedruckt (mit einem Drucker natürlich, aber ich will es genauer wissen).
Mich interessiert das, weil ich selbst mal eine Atari-Bootdiskette
(ST-System-Datei, Emulator TOSBOX auf DR-DOS und einige
Atari-Essentials) für x86-PC's gebastelt habe. Bitte jetzt nicht schlagen;-)

Viele Grüße, Ludwig
 

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#1 Uwe Seifert
26/01/2008 - 15:21 | Warnen spam
Ludwig Maetzke schrieb am Wed, 26 Dec 2007 01:02:14 +0100:

Hallo und frohes Fest,



Hi Ludwig. Danke für die Glückwünsche, auch Dir (nachtràglich) das
gleiche!

Sorry, daß ich jetzt erst was schreibe, aber ich war (und bin noch)
mit dem umziehen (nicht Klamotten sondern Haus ;-) ) beschàftigt.

was ist aus dieser tollen Sache (Amiga-System mehr oder weniger emuliert
auf Linux-Basis) geworden? Man liest ja nicht mehr viel dazu.



Entwicklung und Verkauf wurden AFAIK aufgrund irrer Streitereien
zwischen den beteiligten Partnern komplett eingestellt. :-(
Ich hatte das Glück, damals eines der letzten Originale bei meinem
Hàndler zu erwerben.

Auch der Support durch dritte ist mittlerweile auf ein Minimum
geschrumpft. :-(

Es gab
doch mal eine Version 2? Wer hier hatte das? Hat's gefallen? Wurden die
Komponenten der PC's (Sound, Grafik usw.) gut unterstützt? Wie wurde
gedruckt (mit einem Drucker natürlich, aber ich will es genauer wissen).



Version 2 oder Umilator oder wie das Teil hàtte heißen sollen wurde
AFAIK nie veröffentlicht. Nur einige Teile haben es über offizielle
und inoffizielle Wege (div. Updates, auch von Dritten) noch in die
Öffentlichkeit geschafft.

Ich nutze Amithlon seit mehreren Jahren sehr intensiv. Auf geeigneter
Hardware (siehe unten) fühlt sich das ganze (fast) wie ein sehr
schneller Amiga an. Grafik (sehr schnell), Sound, drucken (per
Parallelport, USB soll auch gehen), DSL (über 100MBit LAN + Router),
früher auch Analog-IN per Modem (über die serielle Schnittstelle),
div. IDE- und SCSI-Geràte, USB (1.1 und 2.0) usw. funktionieren mehr
oder weniger problemlos.

Ich kann damit nahezu alle erforderlichen Tàtigkeiten, und vor allem
auch diejenigen, die nicht "erforderlich" sind, aber Spaß machen,
erledigen und habe dabei das wunderbare OS3.9 (schnell, schlank,
übersichtlich, extrem robust) als Basis, kein wackliges, aufgeblasenes
und unübersichtliches Gerümpel wie bei manch anderem OS.

Dabei ist auch das Amiga-Feeling weitgehend erhalten geblieben, nur
die PC-typische Ruckeligkeit ist trotz über 2GHz noch ein wenig zu
spüren. Will sagen: Ein echter Amiga làuft etwas flüssiger,
gleichmàßiger, auch wenn er nur mit 1/40 getaktet ist. Anscheinend
gibt es beim Amiga weniger (durch die Hardware verursachte??)
kurzzeitige Blockaden. Trotzdem ist der Amithlon-PC im Gesamteindruck
vergleichsweise erheblich schneller.

Ob man mit den Amiga-Anwendungen auskommt oder den Schnickschnack,
der auf den "modernen" <hust, röchel> OS immer verbreiteter ist
benötigt, muß jeder selbst wissen. Ich persönlich benutze jedenfalls
meinen Win-Kasten nur recht selten, da es nur sehr wenige Dinge
gibt, die ich am Amithlon nicht angenehmer erledigen könnte.

Ein Problem ist allerdings die Surferei im Netz. Die Amiga-Browser
haben mit der irren Fortentwicklung der Browser anderer Plattformen
nicht mithalten können. Es gibt deshalb so manche Webseite, die etwas
seltsam aussieht oder auch gar nicht zu benutzen ist (was aber eher
selten vorkommt).

Das liegt aber IMNSHO weniger an den, zugegebenermaßen, etwas betagten
Amiga-Browsern, sondern mehr an unfàhigen Webdesignern, die ihren Murks
nur, wenn überhaupt, auf den neuesten Browsern ausprobieren. Wer hier
nicht auf ein wenig Kompatibilitàt achtet ist IMHO einfach nur ein
ignoranter Versager. Einen Online-Shop so einzurichten, daß ein Teil
der Kundschaft erst gar nicht durch die "Türe" kommt, ist einfach nur
Blödheit. Zu erwarten, daß sich diejenigen einen anderen Rechner
zulegen, nur um die Unfàhigkeit des Webdesigners zu kompensieren, ist
dagegen eine Unverschàmtheit.
Hier dràngt sich der Vergleich mit dem alten Auto auf, welches auf einer
neuen Straße nicht mehr fahren kann, weil ein paar Idioten die Straße
nur noch 1m breit gebaut haben, weil ja die "modernen" Autos nur noch
max. 99cm breit sind. ;-)
Auf der anderen Seite wird solcher Blödsinn wie ein Filesystem
verbrochen, daß Dateinamen doppelt ablegt, um zu antiquierten
8.3-Dateinamen kompatibel zu bleiben, die schon vor zwanzig Jahren
ein Witz waren (selbst der C64 konnte schon 15.3).
Naja. Daß es auch anders geht beweisen Seiten wie die von Amazon,
welche auch mit Amiga-Browsern gut zu benutzen ist.

Wie dem auch sei: Gelegentlich, aber nur gelegentlich, muß hierzu
mal der Win-Kasten herhalten. Zu 95% komme ich aber auch mit den
Amiga-Browsern zurecht. Oder ich verzichte z.B. auf eine nicht
funktionierende Seite und kaufe eben z.B. bei Amazon ein.

Was man auf AOS aber ziemlich vergessen kann ist DVD-Videobearbeitung,
hier gibt es nur ein paar mehr oder weniger (un)brauchbare Shell-Tools.

CD- und DVD-Brennen an sich funktioniert aber völlig problemlos,
auf jeden Fall einfacher und ohne einen Großteil des Ärgers, den man
auf anderen Plattformen hat.

Ansonsten vermisse ich w.g. so gut wie nichts, umgekehrt ist das auf
dem Win-Rechner aber sehr wohl der Fall. Denn ich hasse OS, die an
sich selbst herummachen, dabei den User gàngeln, nicht informieren
was sie eigentlich tun und dadurch extrem unübersichtlich und fast
unwartbar sind. Bei AOS ist das zum Glück nicht der Fall, trotzdem
sind alle erforderlichen Funktionen vorhanden, und sogar einige, die
auf anderen OS nach wie vor fehlen oder, wenn vorhanden, nur in
seltsamer Form vorliegen. Alles IMHO, versteht sich.

Zur Hardware-Kompatibilitàt:

Die aktuellsten PCs kann man hier vergessen. Wenn Amithlon überhaupt
darauf làuft, dann nur recht eingeschrànkt. Am geeignetsten sind IMHO
AMD-Rechner der Generation Athlon / Athlon XP (auch der kleine Bruder
Duron) mit Taktraten um ein bis zwei GHz. Intel-Rechner dieser
Generation können auch ohne weiteres benutzt werden, allerdings mußte
ich feststellen, daß hier die Performance deutlich niedriger ist. Ich
kann nur vermuten, daß Amithlon für AMD optimiert wurde.

Zum Motherboard kann ich nur sagen: Ausprobieren! Die meisten aus der
genannten Generation können benutzt werden, es kann aber sein, daß
die eine oder andere Onboard-Komponente nicht oder nicht richtig will.
Z.B. funktioniert UDMA nicht immer, wobei hier neuerer Kernels (siehe
unten) oft für Abhilfe sorgen.

An GraKas liefen bisher alle AGP-Karten, die ich in die Finger
bekam. Am geeignetsten sind etwas àltere nVidia- und Matrox-Karten,
denn hier kommt auch die 2D-Hardwarebeschleunigung voll zum Tragen
und man kann auch beliebig seine eigenen Modi definieren und bei den
vordefinierten die Frequenzen hochdrehen. Die meisten anderen Karten
(auch leider die meisten ATI) laufen zwar auch, allerdings oft nur mit
einigen wenigen Modi, nur mit 60Hz und ohne Beschleunigung.

Soundkarten werden mittlerweile recht viele unterstützt, allerdings
nur über die Kerneltreiber aus den Updates, und die haben oft ein
paar Probleme (z.B. Störgeràusche beim Screenwechsel). Von den
originalen Amithlon-Treibern werden dagegen nur, wenn ich mich recht
entsinne, einige SB128 und die Onboard-AC97 der Generation 82C686
richtig unterstützt.

LAN-Karten können über verschiedene Wege (Amithlon-Original-Treiber,
Kernel-Treiber oder auch über die openpci.library) eingebunden werden.
Die meisten 10- und 100MBit-Karten werden dabei unterstützt. Ob GBit
funktioniert, weiß ich nicht.

Infos zu unterstützter Hardware finden sich im Netz, z.B. auf
<http://www.garycvl.f2s.com/amithlon.html>, wo auch die neuesten
(inoffiziellen) Kernel-Versionen und Hardwaretreiber zu finden sind.

Die neueren Kernel-Versionen (zumindest den aus irgendeinem der
offiziellen Updates) sollte man auch nutzen, denn der Original-Kernel
von der Amithlon-CD hat noch so manche Einschrànkung. Z.B. können damit
die aktuellen Hardware-Treiber (für Sound, LAN, Grafik) nicht benutzt
werden und es gehen auch nur Festplatten bis 128GB oder so.

Zur Software-Kompatibilitàt:

Sauber programmierte Anwendungen laufen in der Regel problemlos. Wozu
selbst einige uralte Teile zàhlen. Man kann sagen, daß das meiste, das
auf einem echten Amiga auf GraKa làuft, auch auf Amithlon làuft. Sound
funktioniert, soweit er über AHI làuft, zu praktisch 100%. Sound über
Chipset (Paula) funktioniert nur teilweise, da keine Paula-Emulation
vorhanden ist (man kann aber über Puh einiges auf die Soundkarte
umleiten und damit zum Funktionieren bringen).
Spiele, vor allem die ganzen alten, die direkt auf die Hardware
zugreifen, funktionieren in der Regel nicht. Man kann sie aber evtl.
auf einem UAE, der wiederum auf Amithlon làuft, zum Laufen bringen.

Zur Stabilitàt:

Das ganze System hat hier leider nie ganz die Stabilitàt echter Amigas
erreicht. Der Rechner làuft zwar in der Regel den ganzen Tag
problemlos durch, aber wenn gewisse Programme benutzt werden, kann
es hier und da zu Abstürzen kommen, die auf einem echten Amiga so
nicht passiert wàren. Auch scheinen Emulation und/oder darunter
liegendendes Linux gelegentlich die Segel zu streichen, in so
einem Fall hilft dann nur noch ein Hardware-Reset.

Trotzdem: Im großen und ganzen hat man ein recht gut nutzbares
System. Und zwar eines, bei dem man nicht alle paar Monate irgendwas
"neu installieren" <würg> muß! ;-) Das ist übrigens auch ein Grund,
warum ich auf der Win-Kiste nur das nötigste installiert habe, weil
sonst wieder mal das OS im Eimer ist.

Noch ein Wort zum Haupt-Konkurrenten Win-UAE: Auf einem Rechner, auf
dem aufgrund seltsamer Hardware nur Win làuft (wie auf meinem Laptop),
stellt er eine Alternative dar. Für Spiele ist er sicher besser
geeignet, da auch das Chipset emuliert wird (was mir persönlich aber
egal ist, denn ich spiele nicht viel, und wenn doch, dann benutze
ich dazu einen echten Amiga). Für Anwendungen ist er dagegen weniger
geeignet als Amithlon, da er merklich tràger ist und anscheinend die
CPU des Hostrechners immer zu 100% auslastet, auch wenn der emulierte
Amiga im Leerlauf làuft (was bei Amithlon so nicht der Fall ist).
Außerdem ist es sehr làstig, immer erst Win booten zu müssen und
die Ruckelei zu ertragen, wenn Win im Hintergrund wieder mal
irgenwelchen Unfug treibt. Will sagen: WinUAE ist für mich eine
Notlösung, wenn Amithlon auf dem besagten Rechner nicht will.

Ach ja, und da wàre ja auch noch AROS. Es handelt sich dabei um ein
nativ auf x86 laufendes Amiga-artiges OS. Mittlerweile hat es auch
einen benutzbaren Entwicklungsstand erreicht. Sein Hauptnachteil ist
IMHO die fehlende 68k-Kompatibilitàt (kein integrieter JIT oder auch
nur Interpreter), was die Nutzbarkeit stark einschrànkt, denn native
AROS-Programme sind leider (noch?) nicht sehr viele verfügbar.

Mich interessiert das, weil ich selbst mal eine Atari-Bootdiskette
(ST-System-Datei, Emulator TOSBOX auf DR-DOS und einige
Atari-Essentials) für x86-PC's gebastelt habe. Bitte jetzt nicht schlagen;-)



Warum sollte ich. Ich hatte nie was gegen den Atari. War/ist neben
dem Amiga eines der wenigen brauchbaren Computersysteme, die die
Welt gesehen hat.


Uwe Seifert

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