Artikel aus Spiegel 18-2008: Unsichtbarer Unimog

28/04/2008 - 02:47 von Anonymous Sender | Report spam
W A F F E N T E C H N I K


Unsichtbarer Unimog


Ein deutscher Erfinder hat in der Wüste Arabiens eine Radar-
Tarnfarbe gebraut. Ein Institut bei Bonn testete sie. Der
erstaunliche Befund: Sie funktioniert.


In die Wüste kam er, weil er einen Wurm gezüchtet hatte, mit dessen Exkrementen
sich selbst in trocknem Sand Radieschen ziehen lassen. Das beeindruckte die
Scheichs: ein Erfinder, noch dazu ein deutscher, der ihr Land urbar machen könnte.
Werner Nickel, 67, ein an den Rollstuhl gebundener Tüftler aus Berlin, zog um in
die Vereinigten Arabischen Emirate.

Das Projekt begann verheißungsvoll. Pràchtig gediehen die Gurken, Rettiche und
Bohnen auf Nickels Testfeld vor den Toren Abu Dhabis. Doch der Wurm-Verschleiß
war hoch: 3000 Stück pro Quadratmeter, irgendwann wurde das seinen Gastgebern
zu teuer.

Nickel, vor Ideen sprühend, sattelte einfach um: Diesmal beschloss er, eine Farbe
zusammenzubrauen, einen Tarnanstrich, der Panzer, Schiffe und Flugzeuge für das
Radar unsichtbar machen soll wie sonst nur die aufwendige Technik der Tarnkappen-
jets. Einen Namen für seinen Wunderlack hat Nickel schon: „AR 1“.
Seither haben die Würmer Ruhe. Nur noch zwei ausgetrocknete Vivarien stehen in
Nickels Institut an der Scheich Mohammed Bin Salem Road im Emirat Ras al Cheima.
Manchmal kriegt er Besuch: „Die Leute klopfen an die Scheibe und sind sauer, wenn
sich die Würmer nicht sofort aus der Erde kringeln“, sagt Nickel. „Die haben eben
keine Geduld.“

Nickel hatte sie. In Abertausenden Laborstunden hat er an seiner Farbe gemixt.
Dann schickte er einen Eimer voll an Helmut Essen. Der ist bei der Forschungsge-
sellschaft für Angewandte Naturwissenschaft (FGAN) bei Bonn zustàndig für Radar-
technik. Er hat Nickels Farbe untersucht und stellte verblüfft fest: Sie funktio-
niert – „und zwar für alle militàrisch relevanten Frequenzen“, wie der Strahlen-
physiker beteuert.

Ein Haus, ein Schiff oder ein Auto, das ohne Nickels Anstrich auf dem Radarschirm
hell leuchten würde, verschwindet, mit AR 1 beschichtet, im Dunkel – sehr weitge-
hend jedenfalls. Warum das so ist, hat Essen bisher nicht klàren können: Mögli-
cherweise handle es sich um eine Art des sogenannten Jaumann-Absorbers, der die
auftreffenden Radarwellen so reflektiert, dass sie sich gegenseitig auslöschen.
Es könnte auch mit mikroskopisch kleinen magnetischen Teilchen zu tun haben, wel-
che die Energie der Strahlen absorbieren. Wie gesagt: Essen weiß es nicht.

Dass Nickel einen solchen Lack zusammengerührt hat, scheint Essen „kaum erklàr-
lich“. Dort, in der Wüste, habe er doch praktisch keine Forschungsmöglichkeiten.
Und doch absorbierte jede Probe, die im Laufe der Jahre eintraf, noch ein bisschen
besser als die letzte. „Wie macht der Mann das nur?“, grübelt der Radarexperte.

Inzwischen kennt Essen die ganze Geschichte des Wüstentüftlers: Als der anfing,
sich erstmals mit Tarnfarben zu befassen, war Kalter Krieg. Ein Freund, ein Jugos-
lawe vom Konsulat in West-Berlin, brachte ihn mit Rüstungsexperten zusammen; Nickel
geriet an einen Amerikaner, der eine Villa in der Clayallee bewohnte. Anfang der
achtziger Jahre lud der Nickel ein auf ein militàrisches Sperrgebiet, wo er eine
mit seiner ersten Farbe beschichtete Aluminiumkugel vorführen sollte. Die Ergeb-
nisse waren verheerend. „Take it easy“, meinte der Amerikaner. „Sie haben nur
eine Schlacht verloren, nicht den Krieg.“ Nickel tüftelte weiter.

Irgendwann begannen sich Interessenten zu melden. Anfang 2002 sprach ein Mann aus
Bagdad vor: Saddam Husseins Regime dachte daran, seine Wehranlagen vor dem Radar
der US-Luftpatrouillen zu verstecken. „Wir entbieten Ihnen unsere Grüße“, heißt es
in einem Schreiben aus Bagdad vom 20. Màrz 2002, „und laden Sie zum Besuch unserer
Produktionsstàtten ein.“ 18 Millionen Dollar, sagt Nickel, hàtten die Iraker ihm
geboten, die Hàlfte davon in Öloptionen. „Als sie uns dann Zimmer im Raschid-Hotel
in Bagdad buchten, wurde mir die Geschichte zu heiß“, so Nickel heute.

2007 klopften die Chinesen an. Eine G.S Holding aus Shanghai zeigte sich „sehr
interessiert an Ihrem Produkt“ und versprach Profite auf dem „riesigen chinesischen
Markt“. Das Angebot habe ihm geschmeichelt, im Mai erwarte er eine Delegation des
chinesischen Verteidigungsministeriums, sagt Nickel. Doch am Ende seien ihm „ver-
nünftige Leute aus meiner Heimat dann doch lieber“.

In Deutschland weiß man seit langem von Nickels Arbeit. 2004 hatte er der FGAN,
die vor allem für die Bundeswehr arbeitet, erste Proben geschickt. Die „Effektivi-
tàt“ von AR 1, bescheinigte ihm das Institut, gehe „weit über das Maß hinaus, wel-
ches wir jemals an àhnlichen Farbproben erzielen konnten“. 2005 ließ die FGAN einen
Unimog mit Nickels Farbe beschichten und führte das Tarnkappengefàhrt Wehrexperten
vor. Es kamen Delegationen aus Singapur, den Emiraten und den Niederlanden. Nur die
Bundeswehr, so schien es, interessierte sich nicht recht.

Im Juli 2007 beschwerte sich Nickel beim Bundesverteidigungsminister: „Vorsorglich
weise ich darauf hin, dass in der Zwischenzeit verschiedene auslàndische Staaten
Kaufinteresse bekundet haben.“ Die Beamten wandten sich an Essen: „Die riefen hier
an und wollten sich bestàtigen lassen, dass der Nickel ein Spinner sei. Aber mit
dieser Auskunft konnte ich leider nicht dienen“, erzàhlt der.

Seither bekommt Nickel sehr freundliche Post, von der Rüstungsschmiede Rheinme-
tall („wirklich beeindruckend“), vom Tarnnetzhersteller Tec-Knit („begeistert von
den Dàmpfungswerten“), vom Ministerium selbst und von der Wehrtechnischen Dienst-
stelle für Schutz- und Sondertechnik (WTD 52). In der nàchsten Woche will Essen
die neue Tarnkappenfarbe der internationalen Presse vorstellen.

„Sie könnte militàrisch durchaus nützlich sein“, sagt der FGAN-Abteilungsleiter.
Das gelte für Land- wie Luftstreitkràfte; für die Marine will die WTD 71 in Eckern-
förde nun prüfen, ob der Anstrich auch für den Einsatz auf hoher See taugt. Aller-
dings sei Tarnung heute bei den Militàrs nicht mehr sehr hoch im Kurs. „Im Kalten
Krieg war das ein großes Thema“, meint Essen. „Aber heute làuft das eher unter
,nice to have‘.“ Das Problem: Bei den Auslandseinsàtzen der Bundeswehr gehe es
heutzutage ja oft geradezu darum, besonders gut sichtbar zu sein.

Höher sei vermutlich der zivile Nutzen von Nickels Erfindung: Weltweit beklagen
Piloten und Fluglotsen den Störeffekt, den Flughafen-Gebàude auf dem Radarschirm
auslösen. Mit Nickels Farbe angestrichen, ließen sie sich weitgehend ausblenden.
„Ich versuche ihm seit langem klarzumachen, dass er eher in der Luftfahrt reich
wird als beim Militàr“, sagt Essen.

In einer Hinsicht allerdings fàllt seine Auskunft enttàuschend aus: Radarfallen
werden die Autofahrer auch künftig nicht entrinnen. „Ein bewegtes Objekt bei so
kurzer Entfernung – da hilft selbst der beste Tarnlack nichts.“

Bernhard Zan
 

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#1 Jakob Krieger
29/04/2008 - 00:27 | Warnen spam
- Anonymous Sender

Anonyme verdienen keine Antwort.

Und weg.


no sig

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