Beschreibung, Erklärung, Theorie

12/01/2010 - 12:18 von Philo | Report spam
Immer wieder liest man die Floskel "Physik beschreibt, sonst nichts".
Ich denke, dass nahezu jeder Mensch, der diese Aussage erstmals hört,
sie zumindest anfangs für glatten Unsinn hàlt. Das schleift sich ab,
sobald eine solche Person zum "Fachmann" wird und damit zustàndig für
die Darlegung des wissenschaftlichen und damit allein zulàssigen
Standpunkts, jedenfalls für Personen, die in wissenschaftlichen
Kreisen ernst genommen werden wollen. Ich möchte vorab bemerken, dass
dieser Standpunkt nicht einmal unter Fachphysikern unwidersprochen
bleibt. Natürlich muss man sich dazu ein wenig in der Welt umsehen und
nicht alles für bare Münze nehmen, was einem so in de.sci.physik und
anderswo aufgetischt wird. Das Beschreibungsgerede ist eine der vielen
Sprachregelungen, die es in jeder Wissenschaft gibt und die speziell
Neulinge verwenden sollten, um nicht sofort unangenehm aufzufallen als
der wissenschaftlichen Fachsprache nicht màchtig. Etablierte
Wissenschaftler müssen das nicht fürchten und hàngen solchen
Vereinfachungen nicht unbedingt an, auch nicht in der Öffentlichkeit.

An anderer Stelle hatte ich bezüglich der Hohlwelttheorie auf die
Erkenntnis des verstorbenen Wiener Relativisten Sexl verwiesen: die
Hohlwelttheorie ist logisch nicht widerlegbar, sie beschreibt die Welt
ebenso wie die herkömmliche Ansicht. Die sogenannten Fachleute, Sexl
eingeschlossen, ziehen daraus für sich selbst wie üblich keine
Konsequenzen. Bestenfalls verlegen sie sich auf die Ausrede, es sei
"bequem", bei der herkömmlichen Ansicht zu bleiben. Und wie früher
schon erwàhnt gibt es viele Beschreibungen über diese oder jene
Geschehnisse, die logisch nicht widerlegbar sind und dennoch von den
meisten Leuten instinktiv für ausgemachten Unsinn gehalten werden.

Bekannt ist beispielsweise, dass die Bewegung der Himmelskörper oder
die Bewegung eines Autofahrers auf die eine oder andere Weise
kinematisch beschrieben werden kann. Dynamisch ist es aber keineswegs
gleichgültig, ob der Autofahrer beschleunigt wurde oder die Garage und
die ganze Welt, nur der Autofahrer nicht. "Einfachheit der
Beschreibung" ist dafür kein Kriterium. Einstein übrigens erkennt zwar
an, dass die Bewegung der Erde zwar eine größere Einfachheit der
Beschreibung ermöglicht, doch ist dies für ihn ohne Belang, wenn es um
die Verteidigung seiner Theorie geht. Die Unbequemlichkeiten der ART
müssen wir nach Einstein "willig auf uns nehmen". Auch Sexl wollte
lieber bei der unbequemen ART bleiben, nur die Hohlwelt war ihm wohl
zu kompliziert. Doch es geht mir hier nicht um die Irrationalitàten
der vorgeblichen Rationalisten.

Beschreibung = Erklàrung ist weder in Richtung => noch <= zutreffend.
Es gibt Beschreibungen, die niemand als Erklàrung empfinden wird (ich
hatte schon früher auf die Listen der mesopotamischen Astronomie
verwiesen) und es gibt Erklàrungen, die nicht zu Beschreibungen
führen. Um ein Beispiel für letzteres zu liefern: Es gibt bekanntlich
kleine Kinder oder, seltener, erwachsene Menschen, die überzeugt sind
sich an frühere Leben zu erinnern, mit teilweise verblüffenden
Ergebnissen. Eine sehr einfache Erklàrung wàre, dass es Wiedergeburt
tatsàchlich gibt. Mit dieser Erklàrung ist weder eine Beschreibung
noch eine Vorhersage von Messergebnissen verbunden. Eine andere
Erklàrung wàre: geistige Störung verbunden mit zufàlligen
Übereinstimmungen. Auch das ist keine Beschreibung. Allerdings wird
ein Physiker an dieser Stelle vielleicht bemerken, Erklàrungen dieser
Art seien ja auch nicht Sache der Physik. In der Physik jedenfalls sei
Beschreibung = Erklàrung. Ich komme darauf gleich zurück.

Was ist eine Beschreibung? Was ist eine Erklàrung? Was ist eine
Theorie?

Wenn ein Schriftsteller den Sonnenuntergang am Meer oder den Fall von
Blàttern im Herbststurm beschreibt, wenn ich einem Passanten den Weg
zum Bahnhof beschreibe, dann sind das eben Beschreibungen. Es handelt
sich einfach um die Darlegung von Tatsachen. Auch die persönlichen
Empfindungen des Schriftstellers beim Anblick des Sonnenuntergangs
lassen sich beschreiben. Dieser oder jener Stern erscheint dann und
dann im Jahresverlauf. Das ist auch eine Beschreibung. Wenn eine Folge
von Messergebnissen durch eine stetige mathematische Funktion
verbunden wird, dann gilt auch das als Beschreibung, obwohl es mehr
ist als eine Darlegung von Tatsachen. Denn die Zwischenwerte sind
unbeobachtet. Eine Ausgleichsgerade zu einigen Messergebnissen ist
vielleicht ganz und gar eine Fiktion. Aber auch sie wird als
Beschreibung durchgehen. Eine physikalische Theorie wie beispielsweise
"Wàrme entsteht durch Teilchenbewegungen" oder "Wàrme ist eine
Substanz", ist dagegen keine Beschreibung. Es handelt sich vielmehr um
ein Denkmodell, aus dem eine Vielzahl von Schlüssen gezogen werden,
die dann auf mehr oder minder plausible Weise in ein möglichst
kohàrentes mathematisches Modell verwandelt werden. Die Verwandlung in
ein mathematisches Modell ist aber keineswegs notwendig für
wissenschaftliche Erkenntnisse (siehe Faradays Forschungen) und
richtige Schlüsse. Es soll derartige Schlüsse ja nur unterstützen, mal
mehr, mal weniger. In der überwiegenden Mehrzahl der Wissenschaften
ist eine umfangreiche Mathematisierung gar nicht möglich. Denkmodelle
sind immer die wesentlichen Bestandteile von Wissenschaften und ihren
Randgebieten bis hin zur Astrologie oder magischen Vorstellungen und
Handlungen. Die Existenz mathematischer Modelle sagt über ihre
Korrektheit und Brauchbarkeit nichts aus. Man kann den gröbsten Unsinn
in Mathematik gießen.

Wenn Physiker also von "Beschreibungen" sprechen, dann von
mathematischen Modellen, nicht etwa von dem, was landlàufig unter
Beschreibung verstanden wird. Das, was gewöhnlich als Beschreibung
gilt, lassen Physiker gerade nicht als wissenschaftliche Beschreibung
gelten. Warum eigentlich? Darüber nachzudenken, fàllt vielen nicht
ein. Oder es werden Platitüden abgelassen: Hat sich bewàhrt, ist
einfach, gilt für eine Vielzahl von Fàllen, bla und bla.

Das mathematische Modell muss keineswegs alle Eigenschaften des
Denkmodells haben. Auch können demselben mathematischen Modell
verschiedene Denkmodelle zugrunde liegen. Manchmal kann dasselbe
Denkmodell in verschiedene mathematische Modelle umgesetzt werden. Es
ist falsch, die aus einem Denkmodell gezogenen Schlussfolgerungen als
Beschreibung von Tatsachen auszugeben. Schon das Fallgesetz beschreibt
keineswegs Tatsachen. Der wirkliche Fall von Körpern auf der Erde
(Feder, Papier, Baumblàtter) entspricht nicht oder nur nàherungsweise
dem Fallgesetz, denn bekanntlich liegt dem Fallgesetz eine
Idealisierung zugrunde, eben das Denkmodell. Trotzdem ist der Fall
solcher Körper kausal festgelegt, gesetzmàßig. Es ist natürlich nicht
so, dass Denkmodell und mathematisches Modell zeitlich
aufeinanderfolgend entstehen müssen. Ganz und gar nicht, wie die
Wissenschaftsgeschichte zeigt. Bei der Quantenphysik wird ja als
Mangel empfunden, dass sie weder aus einem geschlossenen Denkmodell
entstanden ist noch von ihm begleitet wird. Ihr liegt eine Art
mathematisches Ratespiel zugrunde, dessen Ergebnisse nicht oder nur
teilweise mit bestimmten Denkmodellen verbunden werden können.

Schwieriger ist es, den Begriff Erklàrung zu erklàren. Schon an diesem
Satz erkennt man das Problem. Im Deutschen gibt es den schönen
Ausdruck "etwas als Erklàrung empfinden". Das Wort Empfindung ist der
Schlüssel. Erklàrungen sind subjektiv. Eine Erklàrung ist eine innere
Empfindung, die unserer kausalitàtsverhafteten Denkweise entspringt,
eine Darlegung, die einen Sachverhalts kausal oder logisch
verstàndlich werden làsst, wenn auch vielleicht nicht auf Anhieb. Eine
Erklàrung gibt eine Antwort auf die Frage: Warum ist etwas so wie es
ist? Eine sinnvolle Antwort erzeugt in uns eine Resonanz: aha,
natürlich, so muss es sein. Alles vorher Unverstàndliche ordnet sich
in unserem Geist nun ganz von selbst. Tatsache ist weiter, dass
erfahrungsgemàß sehr viele Subjekte dieselbe Darlegung als Erklàrung
empfinden. Kein Wunder, da es zwischen den Subjekten große biologische
und geistige Ähnlichkeiten gibt, womit eine Erklàrung dieses Phànomens
geliefert wàre. Dennoch ist nicht sicher, was eine einzelne Person im
konkreten Fall als Erklàrung empfindet. Gute Lehrer wissen das und
richten sich darauf ein. Die Tatsache, dass eine Erklàrung eine innere
Empfindung ist, erklàrt (!) auch den anfangs erwàhnten Sachverhalt,
dass der Spruch "Physik beschreibt, sonst nichts" von einem "Laien"
erstaunt aufgenommen, ja geradezu für einen dummen Witz gehalten wird.
Selbstverstàndlich nehmen auch Physiker ihn außerhalb von
Sonntagsreden und Forenbeitràgen gar nicht ernst, schon gar nicht im
Alltag. Denn natürlich denken auch sie in Denkmodellen, nicht nur in
mathematischen Gleichungen oder Computerprogrammen. Selbst in RT und
QT werden Analogien bemüht, wird um ein Verstàndnis des Formalismus
gerungen. Feynmans "niemand versteht die Quantentheorie" beruht eben
auf diesem fehlenden Aha-Erlebnis, forsche "Beschreibungs"-Sprüche
konnten die innere Leere auch bei Mr. Feynman nicht ausfüllen.

Helmholtz sagte, er müsse sich immer ein mechanisches Modell machen,
um etwas zu verstehen. Warum sagte er nicht, er müsse sich ein
elektrisches oder mathematisches Modell machen? Warum hat Maxwell eine
mechanische Äthermaschine ersonnen, warum hielt man überhaupt so etwas
wie den Äther für notwendig? Warum haben gerade mechanische Modelle
solche Anziehungskraft? Weil wir sinnliche Wesen sind. In allem was
wir tun wirken wir auf die Umwelt und die Umwelt wirkt auf uns zurück.
Wir müssen nicht darüber nachgrübeln, warum uns der Fuß schmerzt. Das
"Warum" ist unmittelbar gegenwàrtig: wir sind gestolpert. Die
vorwiegend mechanische Wechselwirkung zwischen Umwelt und mir ist
unmittelbar sinnlich erfahrbar, ohne jede zwischengeschaltete Instanz,
ohne jede Verstandesoperation. Die Erklàrung "Wàrme entsteht durch
Teilchenbewegung" leuchtet ein, weil wir beispielsweise durch Reibung
Wàrme erzeugen können. Ein mechanisches Modell ist immer ein
Denkmodell, eine innere Nachbildung von Erfahrungen. Ein "elektrisches
Denkmodell" kann es daher nur begrenzt in Form von Analogien geben. Um
kein Missverstàndnis zu erzeugen: Sinnesorgane und Gehirnfunktionen
sind verschiedene Dinge. Aber *ich bin* die "Gehirnfunktion",
jedenfalls in meinem Zustand als lebender Mensch, und ohne *diese*
Gehirnfunktion bin ich ein anderer. Ob ICH Produkt der Gehirnfunktion
bin oder die Gehirnfunktion mindestens teilweise ein Produkt des ICHs,
kann dahingestellt bleiben. Ein Demenzkranker ist jedenfalls nicht
mehr der, der er mal war. Für einen schweren Autisten sieht die Welt
anders aus als für einen extravertierten Partygànger.
Gehirnverletzungen können zu kompletten Charakterànderungen führen,
wie man aus der Medizingeschichte weiß. Alles außer unseren eigenen
Empfindungen ist nur indirekt zugànglich, wir selbst, unser innerer
Empfindungskern, wie ich es nennen möchte, ist dagegen über die
Sinnesverarbeitung direkt mit der Welt verbunden, jedenfalls mit
denjenigen *Aspekten der Welt*, die uns sinnlich zugànglich sind. Ein
außersinnlich begabter Hellsichtiger oder ein Chakren-Sensitiver hat
offenbar weitere Zugànge, die ein gewöhnlicher Mensch nicht
nachvollziehen kann. Wenn überhaupt irgendwo, dann ist hier in uns
selbst ein winziges Fenster zum Wesen der Welt. Die Welt ist in diesem
Sinne eine duale Erscheinung als innen und außen, "die Welt als Wille
und Vorstellung", wie Schopenhauers Hauptwerk heißt. Die uns
zugànglichen Aspekte der Welt (ihre Wechselwirkungen und das Echo, das
sie in unserem Geist erzeugen) sind nicht gleichzusetzen mit einer
numinosen "Realitàt als solcher", aber sie sind *für uns* real, so
real, wie nur irgend etwas sein kann.

Denkprozesse können sich von Sinneswahrnehmungen zwar lösen, man denke
an Logik und Mathematik, aber zur Orientierung in der àußeren Welt
sind Sinneswahrnehmungen für uns unverzichtbar. Wir setzen sie in
mentale Muster um: klein, groß, hart, weich, sauer, rot, blau.
Bestimmte Kombinationen von Mustern werden zu Gegenstànden, die sich
in bestimmter Weise verhalten. Das sind die uns zugànglichen Aspekte
der Welt. Ein Film als eine Art gesteuerte Sinnestàuschung kann
bekanntlich àhnliche Reaktionen auslösen wie eine echte Situation.
Niedere Tiere "denken" in derart einfachen Mustern, dass sie leicht zu
verwirren sind.

Kurz und gut: Eine Erklàrung als innere Empfindung gibt immer eine
Antwort auf die Frage nach dem Warum, selbst dann, wenn sie grober
Unsinn ist wie das relativistische Gummituch oder die Analogie der
Perspektive bei der Erklàrung der gegenseitigen relativistischen
Zeitdehnung. Es handelt sich in diesen Fàllen um (fehlerhafte)
Analogien, Denkmodelle, die entsprechende Aha-Empfindungen auslösen
und genau deswegen werden sie ja vorgebracht. Die Frage, welche
Erklàrung denn nun die richtige sei, ist allerdings in einer absoluten
Form gar nicht zu beantworten, weil uns die Totalitàt der Welt
unzugànglich ist. Das ist ja der Grund, weshalb "Physik ist nur
Beschreibung" so attraktiv wirkt: man zieht sich auf eine vermeintlich
mathematisch-empirische Gewissheit zurück, alles andere wird als
philosophisches Geschwàtz.diffamiert. Dabei wird übersehen, dass die
mathematische Gewissheit keine inhaltliche sondern eine rein formale
ist und die angebliche Beschreibung gar keine Beschreibung ist sondern
wie beim Fallgesetz eine reduktionistische Wenn-Dann-Beziehung
ausdrückt: Unter diesen oder jenen angenommen Umstànden ist das und
das zu erwarten. Wenn das Erwartete nicht eintritt (und in der Form
idealisierten Annahme tritt es nie ein), wenn die angebliche
Beschreibung ersichtlich keine ist, dann gibt es diverse
Rückzugsmöglichkeiten, wie gerade aktuell die Diskussion um die dunkle
Materie oder Energie beweist. Das Newtonsche Gravitationsgesetz làsst
sich eben durch die beobachtete Galaxienrotationen nicht widerlegen.
Es wird ja auch durch fallende Blàtter nicht widerlegt und natürlich
schon gar nicht durch die Merkur-Periheldrehung.

Der Anteil der wirklichen Beobachtungsdaten an physikalischen Theorien
mag manchmal nur in homöopathischen Größenordnungen auszudrücken sein,
der Rest besteht aus bearbeiteten Daten, wobei der Bearbeitung selbst
schon Theorien zugrunde liegen und/oder mehr oder minder guten
Erfindungen.

Wenn es bei einer Erklàrung aber nicht um absolute Gewissheiten geht,
um was dann? Um ein kohàrentes Weltverstàndnis, das mit unserer
sinnlichen und intellektuellen Natur in Übereinstimmung steht, um ein
Verstàndnis derjenigen Aspekte der Welt, so wie sie uns in weitestem
Sinne sinnlich zugànglich sind, also auch durch Erweiterungen der
Sinnesorgane wie Mikroskope, Fernglàser oder Geigerzàhler. Es ist gar
nicht erforderlich, dass das Denkmodell in einem absoluten Sinne wahr
ist, in einem Sinne, das vom Menschsein abstrahiert und gewissermaßen
alles vom göttlichen Niveau betrachtet. Das geht nicht. Ebensowenig
geht aber das Gegenteil, von der sinnlich-anschaulichen Natur des
Menschseins zu abstrahieren, sie zu diskreditieren, um "beschreibend"
durch logisch-mathematische Gedankenwelten zu wandern. Da verliert man
den Boden unter den Füßen und endet in abstrakten Wahnwelten. Wobei
die Wanderer die mathematische Gedankenwelt oft nur umrissartig kennen
und gern nach dem Motto verfahren: Was nicht passt, wird passend
gemacht. Aber es ist auch vom Prinzip her der reinste Unsinn, weil die
empirischen Daten nun einmal nur durch die Sinne und die "erweiterten
Sinne" der Messinstrumente zugànglich sind, die wiederum selbst so
konstruiert wurden, dass sie mit unserer anschaulich-sinnlichen
Struktur kompatibel sind: Die "Raumzeit" kann weder durch ein Teleskop
betrachten noch sich anschaulich vorstellen. Wenn also ein Relativist
von der Raumzeit redet, dann redet er nur von einer Abstraktion. Es
gibt kein Raumzeit-Messinstrument. Wenn ein Physiker von Energie
redet, dann redet er von einer Abstraktion. Energie làsst sich nicht
messen sondern nur aus bestimmten sinnlich erfahrbaren Wirkungen
errechnen, was dann salopp als Energiemessung bezeichnet wird.

Es ist wohl nicht ernsthaft zu bestreiten, dass unser
Erkenntnisvermögen gewissen Regeln folgt und gewissen Beschrànkungen
unterliegt, und zwar anderen Regeln und Beschrànkungen als das
Erkenntnisvermögen eines Pferdes, eines Insekts oder möglicherweise
einer außerirdischen.Intelligenz. Eine der elementarsten Regeln ist
übrigens das Kausalgesetz. Wer versucht, sich eine ursachenlose
Umgebung wirklich vorzustellen, der wird damit ernste Probleme haben.
Warum der weit überwiegende Teil aller Menschen nicht an eine Hohlwelt
glaubt, liegt nicht an ihrer angeblichen Kompliziertheit. Das ist eine
Rationalisierung. Es liegt primàr an der Tatsache, dass die innere
Verarbeitung der Sinnesdaten (die "Anschauung") eine ganz andere
Vorstellung erzeugt und es einer gewaltigen mentalen Anstrengung und
einer gewissen Überredungskunst bedarf, sich aus diesen Sinnesdaten
eine Hohlwelt zu basteln. Das geht natürlich, andere glauben
schließlich auch an die gekrümmte Raumzeit, studieren jahrelang diesen
Quatsch und geben entlegene Beobachtungen als fulminante Bestàtigungen
dafür aus, obwohl sie eine abenteuerliche Kette von Hypothesen
ersinnen müssen, um auch nur eine entfernte Beziehung zwischen den
Beobachtungen und der gekrümmten Raumzeit herzustellen. DIES ist eben
keine Erklàrung sondern nur mathematisierendes Gestammel, weshalb
Gummitücher und Leitern als Ersatz herhalten müssen. Ich sage hier
bewusst Gestammel, weil die Relativisten gern so tun, als ob SRT und
ART identisch sind mit den mathematischen Werkzeugen (Lorentz-Gruppe,
Pseudo-Riemannsche-Geometrie), die von ihnen verwendet werden. Nur
gegenüber Laien làsst sich damit Eindruck schinden. Diese Werkzeuge
sind schon in Ordnung, ihre Verwendung und ihre Interpretation ist es
nicht. Auch Newtons Mechanik und die euklidische Geometrie sind nicht
dieselbe Sache.

In der Physik geht es eben nicht um logische Widerspruchslosigkeit,
die sollte eine Selbstverstàndlichkeit sein, aber nicht mal die bringt
die RT zustande. Es geht auch nicht um Einfachheit, denn darunter
verstehen verschiedene Leute Verschiedenes, ein allgemein
verbindliches Kriterium gibt es nicht. Es geht auch nicht
ausschließlich um möglichst gute Rechenergebnisse, je genauer, desto
besser die Theorie. All das spielt eine Rolle, wer wollte es
bestreiten, aber nichts davon ist allein maßgebend. Letztlich und
endlich maßgebend ist die Verbindung bekannter Tatsachen mit der
inneren Anschauung, die uns sagt: so könnte es sein, so sieht es
richtig aus. Es gibt ausreichend Studien von Wissenschaftshistorikern,
die zeigen, dass der Wechsel wissenschaftlicher Meinungen manchmal so
wenig rational verstehbar ist wie der plötzliche Richtungswechsel
eines ganzen Vogelschwarms. Erst hinterher wird der Wechsel
rationalisiert: aus diesem oder jenem Grunde wàre er zwingend gewesen.
Eine Erklàrung ist also eine für uns verstehbare, sinnlich-
intellektuell, vielleicht aber nur in Analogien nachvollziehbare
Begründung für die Regelhaftigkeit der àußeren Welt. Das ist etwas
ganz anderes als eine reine Beschreibung, vor allem etwas anderes als
eine mathematische Beschreibung, die einerseits immer irgendwelche
Zutaten enthàlt, andererseits bestimmte Sachverhalte weglàsst und
überhaupt nur reine Größenbeziehungen kennt, keine Kausalbeziehungen.

Hier noch ein anderer Aspekt, aus dem ebenfalls hervorgeht, wie wenig
eine reine Beschreibung einem Menschen bedeutet. Die Beschreibung
eines Verbrechens ist himmelweit verschieden von seiner Erklàrung. Wir
können uns ein Verbrechen erklàren, wenn wir die Motive des Tàters
verstehen. Und die verstehen wir vor allem dann, wenn uns selbst diese
Motive vertraut sind: Hass, Rache, Gier, Not. Weniger verstàndlich
sind Taten, deren Motive für uns höchstens intellektuell
nachvollziehbar sind, nicht gefühlsmàßig. Wer noch nie Hunger hatte,
der kann den Diebstahl eines Apfels eventuell nicht verstehen.
Gerichte interessieren sich daher nicht nur für den Hergang einer Tat
sondern immer auch für die Motive des Tàters. Sie haben Einfluss auf
das Strafmaß.

Wissenschaftler, speziell Naturwissenschaftler, haben die Angewohnheit
entwickelt, sich das Màntelchen der Objektivitàt umzuhàngen, sich als
"exakte Wissenschaftler" zu geben, als strenge Logiker und
mathematisch geschulte Rationalisten, die alles von sich weisen, was
irgendwie den Geruch der Subjektivitàt tràgt: Esoterik, Astrologie,
Scharlatanerie in jeder Form. Scharlatane sind insbesondere
diejenigen, die meinen, in der exakten Wissenschaft gebe es noch
anderes als bloß exakte Messungen, durchrationalisierte Theorien und
mathematische Beschreibungen. Solche Ansichten blenden die
Wirklichkeit des Menschseins aus, auch die Wirklichkeit der Forschung.
Ein solcher Mensch verleugnet im Grunde sein eigenes Wesen, er gibt
sich als etwas aus, was er nicht ist und nie sein kann. Ein
Wissenschaftler bemerkte mir gegenüber, er selbst sei eine Art
intelligenter Schleim. Ich finde nicht, dass diese Aussage von
besonderer Intelligenz zeugt.
 

Lesen sie die antworten

#1 Stefan Sprungk
12/01/2010 - 12:35 | Warnen spam
Philo schrieb:
Immer wieder liest man die Floskel "Physik beschreibt, sonst nichts".
Ich denke, dass nahezu jeder Mensch, der diese Aussage erstmals hört,
sie zumindest anfangs für glatten Unsinn hàlt. Das schleift sich ab,
sobald eine solche Person zum "Fachmann" wird und damit zustàndig für
die Darlegung des wissenschaftlichen und damit allein zulàssigen
Standpunkts, jedenfalls für Personen, die in wissenschaftlichen
Kreisen ernst genommen werden wollen. Ich möchte vorab bemerken, dass
dieser Standpunkt nicht einmal unter Fachphysikern unwidersprochen
bleibt. Natürlich muss man sich dazu ein wenig in der Welt umsehen und
nicht alles für bare Münze nehmen, was einem so in de.sci.physik und
anderswo aufgetischt wird. Das Beschreibungsgerede ist eine der vielen
Sprachregelungen, die es in jeder Wissenschaft gibt und die speziell
Neulinge verwenden sollten, um nicht sofort unangenehm aufzufallen als
der wissenschaftlichen Fachsprache nicht màchtig. Etablierte
Wissenschaftler müssen das nicht fürchten und hàngen solchen
Vereinfachungen nicht unbedingt an, auch nicht in der Öffentlichkeit.

An anderer Stelle hatte ich bezüglich der Hohlwelttheorie auf die
Erkenntnis des verstorbenen Wiener Relativisten Sexl verwiesen: die
Hohlwelttheorie ist logisch nicht widerlegbar, sie beschreibt die Welt
ebenso wie die herkömmliche Ansicht. Die sogenannten Fachleute, Sexl
eingeschlossen, ziehen daraus für sich selbst wie üblich keine
Konsequenzen. Bestenfalls verlegen sie sich auf die Ausrede, es sei
"bequem", bei der herkömmlichen Ansicht zu bleiben. Und wie früher
schon erwàhnt gibt es viele Beschreibungen über diese oder jene
Geschehnisse, die logisch nicht widerlegbar sind und dennoch von den
meisten Leuten instinktiv für ausgemachten Unsinn gehalten werden.

Bekannt ist beispielsweise, dass die Bewegung der Himmelskörper oder
die Bewegung eines Autofahrers auf die eine oder andere Weise
kinematisch beschrieben werden kann. Dynamisch ist es aber keineswegs
gleichgültig, ob der Autofahrer beschleunigt wurde oder die Garage und
die ganze Welt, nur der Autofahrer nicht. "Einfachheit der
Beschreibung" ist dafür kein Kriterium. Einstein übrigens erkennt zwar
an, dass die Bewegung der Erde zwar eine größere Einfachheit der
Beschreibung ermöglicht, doch ist dies für ihn ohne Belang, wenn es um
die Verteidigung seiner Theorie geht. Die Unbequemlichkeiten der ART
müssen wir nach Einstein "willig auf uns nehmen". Auch Sexl wollte
lieber bei der unbequemen ART bleiben, nur die Hohlwelt war ihm wohl
zu kompliziert. Doch es geht mir hier nicht um die Irrationalitàten
der vorgeblichen Rationalisten.

Beschreibung = Erklàrung ist weder in Richtung => noch <= zutreffend.
Es gibt Beschreibungen, die niemand als Erklàrung empfinden wird (ich
hatte schon früher auf die Listen der mesopotamischen Astronomie
verwiesen) und es gibt Erklàrungen, die nicht zu Beschreibungen
führen. Um ein Beispiel für letzteres zu liefern: Es gibt bekanntlich
kleine Kinder oder, seltener, erwachsene Menschen, die überzeugt sind
sich an frühere Leben zu erinnern, mit teilweise verblüffenden
Ergebnissen. Eine sehr einfache Erklàrung wàre, dass es Wiedergeburt
tatsàchlich gibt. Mit dieser Erklàrung ist weder eine Beschreibung
noch eine Vorhersage von Messergebnissen verbunden. Eine andere
Erklàrung wàre: geistige Störung verbunden mit zufàlligen
Übereinstimmungen. Auch das ist keine Beschreibung. Allerdings wird
ein Physiker an dieser Stelle vielleicht bemerken, Erklàrungen dieser
Art seien ja auch nicht Sache der Physik. In der Physik jedenfalls sei
Beschreibung = Erklàrung. Ich komme darauf gleich zurück.

Was ist eine Beschreibung? Was ist eine Erklàrung? Was ist eine
Theorie?

Wenn ein Schriftsteller den Sonnenuntergang am Meer oder den Fall von
Blàttern im Herbststurm beschreibt, wenn ich einem Passanten den Weg
zum Bahnhof beschreibe, dann sind das eben Beschreibungen. Es handelt
sich einfach um die Darlegung von Tatsachen. Auch die persönlichen
Empfindungen des Schriftstellers beim Anblick des Sonnenuntergangs
lassen sich beschreiben. Dieser oder jener Stern erscheint dann und
dann im Jahresverlauf. Das ist auch eine Beschreibung. Wenn eine Folge
von Messergebnissen durch eine stetige mathematische Funktion
verbunden wird, dann gilt auch das als Beschreibung, obwohl es mehr
ist als eine Darlegung von Tatsachen. Denn die Zwischenwerte sind
unbeobachtet. Eine Ausgleichsgerade zu einigen Messergebnissen ist
vielleicht ganz und gar eine Fiktion. Aber auch sie wird als
Beschreibung durchgehen. Eine physikalische Theorie wie beispielsweise
"Wàrme entsteht durch Teilchenbewegungen" oder "Wàrme ist eine
Substanz", ist dagegen keine Beschreibung. Es handelt sich vielmehr um
ein Denkmodell, aus dem eine Vielzahl von Schlüssen gezogen werden,
die dann auf mehr oder minder plausible Weise in ein möglichst
kohàrentes mathematisches Modell verwandelt werden. Die Verwandlung in
ein mathematisches Modell ist aber keineswegs notwendig für
wissenschaftliche Erkenntnisse (siehe Faradays Forschungen) und
richtige Schlüsse. Es soll derartige Schlüsse ja nur unterstützen, mal
mehr, mal weniger. In der überwiegenden Mehrzahl der Wissenschaften
ist eine umfangreiche Mathematisierung gar nicht möglich. Denkmodelle
sind immer die wesentlichen Bestandteile von Wissenschaften und ihren
Randgebieten bis hin zur Astrologie oder magischen Vorstellungen und
Handlungen. Die Existenz mathematischer Modelle sagt über ihre
Korrektheit und Brauchbarkeit nichts aus. Man kann den gröbsten Unsinn
in Mathematik gießen.

Wenn Physiker also von "Beschreibungen" sprechen, dann von
mathematischen Modellen, nicht etwa von dem, was landlàufig unter
Beschreibung verstanden wird. Das, was gewöhnlich als Beschreibung
gilt, lassen Physiker gerade nicht als wissenschaftliche Beschreibung
gelten. Warum eigentlich? Darüber nachzudenken, fàllt vielen nicht
ein. Oder es werden Platitüden abgelassen: Hat sich bewàhrt, ist
einfach, gilt für eine Vielzahl von Fàllen, bla und bla.

Das mathematische Modell muss keineswegs alle Eigenschaften des
Denkmodells haben. Auch können demselben mathematischen Modell
verschiedene Denkmodelle zugrunde liegen. Manchmal kann dasselbe
Denkmodell in verschiedene mathematische Modelle umgesetzt werden. Es
ist falsch, die aus einem Denkmodell gezogenen Schlussfolgerungen als
Beschreibung von Tatsachen auszugeben. Schon das Fallgesetz beschreibt
keineswegs Tatsachen. Der wirkliche Fall von Körpern auf der Erde
(Feder, Papier, Baumblàtter) entspricht nicht oder nur nàherungsweise
dem Fallgesetz, denn bekanntlich liegt dem Fallgesetz eine
Idealisierung zugrunde, eben das Denkmodell. Trotzdem ist der Fall
solcher Körper kausal festgelegt, gesetzmàßig. Es ist natürlich nicht
so, dass Denkmodell und mathematisches Modell zeitlich
aufeinanderfolgend entstehen müssen. Ganz und gar nicht, wie die
Wissenschaftsgeschichte zeigt. Bei der Quantenphysik wird ja als
Mangel empfunden, dass sie weder aus einem geschlossenen Denkmodell
entstanden ist noch von ihm begleitet wird. Ihr liegt eine Art
mathematisches Ratespiel zugrunde, dessen Ergebnisse nicht oder nur
teilweise mit bestimmten Denkmodellen verbunden werden können.

Schwieriger ist es, den Begriff Erklàrung zu erklàren. Schon an diesem
Satz erkennt man das Problem. Im Deutschen gibt es den schönen
Ausdruck "etwas als Erklàrung empfinden". Das Wort Empfindung ist der
Schlüssel. Erklàrungen sind subjektiv. Eine Erklàrung ist eine innere
Empfindung, die unserer kausalitàtsverhafteten Denkweise entspringt,
eine Darlegung, die einen Sachverhalts kausal oder logisch
verstàndlich werden làsst, wenn auch vielleicht nicht auf Anhieb. Eine
Erklàrung gibt eine Antwort auf die Frage: Warum ist etwas so wie es
ist? Eine sinnvolle Antwort erzeugt in uns eine Resonanz: aha,
natürlich, so muss es sein. Alles vorher Unverstàndliche ordnet sich
in unserem Geist nun ganz von selbst. Tatsache ist weiter, dass
erfahrungsgemàß sehr viele Subjekte dieselbe Darlegung als Erklàrung
empfinden. Kein Wunder, da es zwischen den Subjekten große biologische
und geistige Ähnlichkeiten gibt, womit eine Erklàrung dieses Phànomens
geliefert wàre. Dennoch ist nicht sicher, was eine einzelne Person im
konkreten Fall als Erklàrung empfindet. Gute Lehrer wissen das und
richten sich darauf ein. Die Tatsache, dass eine Erklàrung eine innere
Empfindung ist, erklàrt (!) auch den anfangs erwàhnten Sachverhalt,
dass der Spruch "Physik beschreibt, sonst nichts" von einem "Laien"
erstaunt aufgenommen, ja geradezu für einen dummen Witz gehalten wird.
Selbstverstàndlich nehmen auch Physiker ihn außerhalb von
Sonntagsreden und Forenbeitràgen gar nicht ernst, schon gar nicht im
Alltag. Denn natürlich denken auch sie in Denkmodellen, nicht nur in
mathematischen Gleichungen oder Computerprogrammen. Selbst in RT und
QT werden Analogien bemüht, wird um ein Verstàndnis des Formalismus
gerungen. Feynmans "niemand versteht die Quantentheorie" beruht eben
auf diesem fehlenden Aha-Erlebnis, forsche "Beschreibungs"-Sprüche
konnten die innere Leere auch bei Mr. Feynman nicht ausfüllen.

Helmholtz sagte, er müsse sich immer ein mechanisches Modell machen,
um etwas zu verstehen. Warum sagte er nicht, er müsse sich ein
elektrisches oder mathematisches Modell machen? Warum hat Maxwell eine
mechanische Äthermaschine ersonnen, warum hielt man überhaupt so etwas
wie den Äther für notwendig? Warum haben gerade mechanische Modelle
solche Anziehungskraft? Weil wir sinnliche Wesen sind. In allem was
wir tun wirken wir auf die Umwelt und die Umwelt wirkt auf uns zurück.
Wir müssen nicht darüber nachgrübeln, warum uns der Fuß schmerzt. Das
"Warum" ist unmittelbar gegenwàrtig: wir sind gestolpert. Die
vorwiegend mechanische Wechselwirkung zwischen Umwelt und mir ist
unmittelbar sinnlich erfahrbar, ohne jede zwischengeschaltete Instanz,
ohne jede Verstandesoperation. Die Erklàrung "Wàrme entsteht durch
Teilchenbewegung" leuchtet ein, weil wir beispielsweise durch Reibung
Wàrme erzeugen können. Ein mechanisches Modell ist immer ein
Denkmodell, eine innere Nachbildung von Erfahrungen. Ein "elektrisches
Denkmodell" kann es daher nur begrenzt in Form von Analogien geben. Um
kein Missverstàndnis zu erzeugen: Sinnesorgane und Gehirnfunktionen
sind verschiedene Dinge. Aber *ich bin* die "Gehirnfunktion",
jedenfalls in meinem Zustand als lebender Mensch, und ohne *diese*
Gehirnfunktion bin ich ein anderer. Ob ICH Produkt der Gehirnfunktion
bin oder die Gehirnfunktion mindestens teilweise ein Produkt des ICHs,
kann dahingestellt bleiben. Ein Demenzkranker ist jedenfalls nicht
mehr der, der er mal war. Für einen schweren Autisten sieht die Welt
anders aus als für einen extravertierten Partygànger.
Gehirnverletzungen können zu kompletten Charakterànderungen führen,
wie man aus der Medizingeschichte weiß. Alles außer unseren eigenen
Empfindungen ist nur indirekt zugànglich, wir selbst, unser innerer
Empfindungskern, wie ich es nennen möchte, ist dagegen über die
Sinnesverarbeitung direkt mit der Welt verbunden, jedenfalls mit
denjenigen *Aspekten der Welt*, die uns sinnlich zugànglich sind. Ein
außersinnlich begabter Hellsichtiger oder ein Chakren-Sensitiver hat
offenbar weitere Zugànge, die ein gewöhnlicher Mensch nicht
nachvollziehen kann. Wenn überhaupt irgendwo, dann ist hier in uns
selbst ein winziges Fenster zum Wesen der Welt. Die Welt ist in diesem
Sinne eine duale Erscheinung als innen und außen, "die Welt als Wille
und Vorstellung", wie Schopenhauers Hauptwerk heißt. Die uns
zugànglichen Aspekte der Welt (ihre Wechselwirkungen und das Echo, das
sie in unserem Geist erzeugen) sind nicht gleichzusetzen mit einer
numinosen "Realitàt als solcher", aber sie sind *für uns* real, so
real, wie nur irgend etwas sein kann.

Denkprozesse können sich von Sinneswahrnehmungen zwar lösen, man denke
an Logik und Mathematik, aber zur Orientierung in der àußeren Welt
sind Sinneswahrnehmungen für uns unverzichtbar. Wir setzen sie in
mentale Muster um: klein, groß, hart, weich, sauer, rot, blau.
Bestimmte Kombinationen von Mustern werden zu Gegenstànden, die sich
in bestimmter Weise verhalten. Das sind die uns zugànglichen Aspekte
der Welt. Ein Film als eine Art gesteuerte Sinnestàuschung kann
bekanntlich àhnliche Reaktionen auslösen wie eine echte Situation.
Niedere Tiere "denken" in derart einfachen Mustern, dass sie leicht zu
verwirren sind.

Kurz und gut: Eine Erklàrung als innere Empfindung gibt immer eine
Antwort auf die Frage nach dem Warum, selbst dann, wenn sie grober
Unsinn ist wie das relativistische Gummituch oder die Analogie der
Perspektive bei der Erklàrung der gegenseitigen relativistischen
Zeitdehnung. Es handelt sich in diesen Fàllen um (fehlerhafte)
Analogien, Denkmodelle, die entsprechende Aha-Empfindungen auslösen
und genau deswegen werden sie ja vorgebracht. Die Frage, welche
Erklàrung denn nun die richtige sei, ist allerdings in einer absoluten
Form gar nicht zu beantworten, weil uns die Totalitàt der Welt
unzugànglich ist. Das ist ja der Grund, weshalb "Physik ist nur
Beschreibung" so attraktiv wirkt: man zieht sich auf eine vermeintlich
mathematisch-empirische Gewissheit zurück, alles andere wird als
philosophisches Geschwàtz.diffamiert. Dabei wird übersehen, dass die
mathematische Gewissheit keine inhaltliche sondern eine rein formale
ist und die angebliche Beschreibung gar keine Beschreibung ist sondern
wie beim Fallgesetz eine reduktionistische Wenn-Dann-Beziehung
ausdrückt: Unter diesen oder jenen angenommen Umstànden ist das und
das zu erwarten. Wenn das Erwartete nicht eintritt (und in der Form
idealisierten Annahme tritt es nie ein), wenn die angebliche
Beschreibung ersichtlich keine ist, dann gibt es diverse
Rückzugsmöglichkeiten, wie gerade aktuell die Diskussion um die dunkle
Materie oder Energie beweist. Das Newtonsche Gravitationsgesetz làsst
sich eben durch die beobachtete Galaxienrotationen nicht widerlegen.
Es wird ja auch durch fallende Blàtter nicht widerlegt und natürlich
schon gar nicht durch die Merkur-Periheldrehung.

Der Anteil der wirklichen Beobachtungsdaten an physikalischen Theorien
mag manchmal nur in homöopathischen Größenordnungen auszudrücken sein,
der Rest besteht aus bearbeiteten Daten, wobei der Bearbeitung selbst
schon Theorien zugrunde liegen und/oder mehr oder minder guten
Erfindungen.

Wenn es bei einer Erklàrung aber nicht um absolute Gewissheiten geht,
um was dann? Um ein kohàrentes Weltverstàndnis, das mit unserer
sinnlichen und intellektuellen Natur in Übereinstimmung steht, um ein
Verstàndnis derjenigen Aspekte der Welt, so wie sie uns in weitestem
Sinne sinnlich zugànglich sind, also auch durch Erweiterungen der
Sinnesorgane wie Mikroskope, Fernglàser oder Geigerzàhler. Es ist gar
nicht erforderlich, dass das Denkmodell in einem absoluten Sinne wahr
ist, in einem Sinne, das vom Menschsein abstrahiert und gewissermaßen
alles vom göttlichen Niveau betrachtet. Das geht nicht. Ebensowenig
geht aber das Gegenteil, von der sinnlich-anschaulichen Natur des
Menschseins zu abstrahieren, sie zu diskreditieren, um "beschreibend"
durch logisch-mathematische Gedankenwelten zu wandern. Da verliert man
den Boden unter den Füßen und endet in abstrakten Wahnwelten. Wobei
die Wanderer die mathematische Gedankenwelt oft nur umrissartig kennen
und gern nach dem Motto verfahren: Was nicht passt, wird passend
gemacht. Aber es ist auch vom Prinzip her der reinste Unsinn, weil die
empirischen Daten nun einmal nur durch die Sinne und die "erweiterten
Sinne" der Messinstrumente zugànglich sind, die wiederum selbst so
konstruiert wurden, dass sie mit unserer anschaulich-sinnlichen
Struktur kompatibel sind: Die "Raumzeit" kann weder durch ein Teleskop
betrachten noch sich anschaulich vorstellen. Wenn also ein Relativist
von der Raumzeit redet, dann redet er nur von einer Abstraktion. Es
gibt kein Raumzeit-Messinstrument. Wenn ein Physiker von Energie
redet, dann redet er von einer Abstraktion. Energie làsst sich nicht
messen sondern nur aus bestimmten sinnlich erfahrbaren Wirkungen
errechnen, was dann salopp als Energiemessung bezeichnet wird.

Es ist wohl nicht ernsthaft zu bestreiten, dass unser
Erkenntnisvermögen gewissen Regeln folgt und gewissen Beschrànkungen
unterliegt, und zwar anderen Regeln und Beschrànkungen als das
Erkenntnisvermögen eines Pferdes, eines Insekts oder möglicherweise
einer außerirdischen.Intelligenz. Eine der elementarsten Regeln ist
übrigens das Kausalgesetz. Wer versucht, sich eine ursachenlose
Umgebung wirklich vorzustellen, der wird damit ernste Probleme haben.
Warum der weit überwiegende Teil aller Menschen nicht an eine Hohlwelt
glaubt, liegt nicht an ihrer angeblichen Kompliziertheit. Das ist eine
Rationalisierung. Es liegt primàr an der Tatsache, dass die innere
Verarbeitung der Sinnesdaten (die "Anschauung") eine ganz andere
Vorstellung erzeugt und es einer gewaltigen mentalen Anstrengung und
einer gewissen Überredungskunst bedarf, sich aus diesen Sinnesdaten
eine Hohlwelt zu basteln. Das geht natürlich, andere glauben
schließlich auch an die gekrümmte Raumzeit, studieren jahrelang diesen
Quatsch und geben entlegene Beobachtungen als fulminante Bestàtigungen
dafür aus, obwohl sie eine abenteuerliche Kette von Hypothesen
ersinnen müssen, um auch nur eine entfernte Beziehung zwischen den
Beobachtungen und der gekrümmten Raumzeit herzustellen. DIES ist eben
keine Erklàrung sondern nur mathematisierendes Gestammel, weshalb
Gummitücher und Leitern als Ersatz herhalten müssen. Ich sage hier
bewusst Gestammel, weil die Relativisten gern so tun, als ob SRT und
ART identisch sind mit den mathematischen Werkzeugen (Lorentz-Gruppe,
Pseudo-Riemannsche-Geometrie), die von ihnen verwendet werden. Nur
gegenüber Laien làsst sich damit Eindruck schinden. Diese Werkzeuge
sind schon in Ordnung, ihre Verwendung und ihre Interpretation ist es
nicht. Auch Newtons Mechanik und die euklidische Geometrie sind nicht
dieselbe Sache.

In der Physik geht es eben nicht um logische Widerspruchslosigkeit,
die sollte eine Selbstverstàndlichkeit sein, aber nicht mal die bringt
die RT zustande. Es geht auch nicht um Einfachheit, denn darunter
verstehen verschiedene Leute Verschiedenes, ein allgemein
verbindliches Kriterium gibt es nicht. Es geht auch nicht
ausschließlich um möglichst gute Rechenergebnisse, je genauer, desto
besser die Theorie. All das spielt eine Rolle, wer wollte es
bestreiten, aber nichts davon ist allein maßgebend. Letztlich und
endlich maßgebend ist die Verbindung bekannter Tatsachen mit der
inneren Anschauung, die uns sagt: so könnte es sein, so sieht es
richtig aus. Es gibt ausreichend Studien von Wissenschaftshistorikern,
die zeigen, dass der Wechsel wissenschaftlicher Meinungen manchmal so
wenig rational verstehbar ist wie der plötzliche Richtungswechsel
eines ganzen Vogelschwarms. Erst hinterher wird der Wechsel
rationalisiert: aus diesem oder jenem Grunde wàre er zwingend gewesen.
Eine Erklàrung ist also eine für uns verstehbare, sinnlich-
intellektuell, vielleicht aber nur in Analogien nachvollziehbare
Begründung für die Regelhaftigkeit der àußeren Welt. Das ist etwas
ganz anderes als eine reine Beschreibung, vor allem etwas anderes als
eine mathematische Beschreibung, die einerseits immer irgendwelche
Zutaten enthàlt, andererseits bestimmte Sachverhalte weglàsst und
überhaupt nur reine Größenbeziehungen kennt, keine Kausalbeziehungen.

Hier noch ein anderer Aspekt, aus dem ebenfalls hervorgeht, wie wenig
eine reine Beschreibung einem Menschen bedeutet. Die Beschreibung
eines Verbrechens ist himmelweit verschieden von seiner Erklàrung. Wir
können uns ein Verbrechen erklàren, wenn wir die Motive des Tàters
verstehen. Und die verstehen wir vor allem dann, wenn uns selbst diese
Motive vertraut sind: Hass, Rache, Gier, Not. Weniger verstàndlich
sind Taten, deren Motive für uns höchstens intellektuell
nachvollziehbar sind, nicht gefühlsmàßig. Wer noch nie Hunger hatte,
der kann den Diebstahl eines Apfels eventuell nicht verstehen.
Gerichte interessieren sich daher nicht nur für den Hergang einer Tat
sondern immer auch für die Motive des Tàters. Sie haben Einfluss auf
das Strafmaß.

Wissenschaftler, speziell Naturwissenschaftler, haben die Angewohnheit
entwickelt, sich das Màntelchen der Objektivitàt umzuhàngen, sich als
"exakte Wissenschaftler" zu geben, als strenge Logiker und
mathematisch geschulte Rationalisten, die alles von sich weisen, was
irgendwie den Geruch der Subjektivitàt tràgt: Esoterik, Astrologie,
Scharlatanerie in jeder Form. Scharlatane sind insbesondere
diejenigen, die meinen, in der exakten Wissenschaft gebe es noch
anderes als bloß exakte Messungen, durchrationalisierte Theorien und
mathematische Beschreibungen. Solche Ansichten blenden die
Wirklichkeit des Menschseins aus, auch die Wirklichkeit der Forschung.
Ein solcher Mensch verleugnet im Grunde sein eigenes Wesen, er gibt
sich als etwas aus, was er nicht ist und nie sein kann. Ein
Wissenschaftler bemerkte mir gegenüber, er selbst sei eine Art
intelligenter Schleim. Ich finde nicht, dass diese Aussage von
besonderer Intelligenz zeugt.




Phyiker schàtzen auch, wenn man sich knapp und pràzise ausdrückt. Ein
früherer Chef sagte mal zu mir folgendes. Zitat:"Sie dürfen alles
Schreiben, nur nicht mehr als eine DIN A4 Seite". Gut, hiermit war
natürlich nur der administrative Schriftwechsel gemeint. Jedoch kann man
davon ausgehen, das zu umfangreiche Texte sowieso nicht gelesen werden.
Genauso ist es auch mit Deinem Text. Ich habe angefangen zu lesen, dann
gescrollt, gescrollt und nochmals gescrollt und dann die Lust verloren.
Versuch Doch mal Deine Gedanken zu sammeln und die Quintessenz Deines
geistigen Ergusses in maximal 30 Zeilen zusammen zu fassen.

MFG Stefan

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