BS163-Steckersystem - Vor- und Nachteile

19/03/2009 - 12:08 von Ragnar Bartuska | Report spam
Nachdem dieses Thema (auch in meiner Meinung nach romantischer
Verklàrung) immer wieder auftaucht mal ein kleiner historisch-
technischer Abriß...

Ursrpünglich gab es in GB und seinen Kolonien das Steckersystem nach
BS 546. Bauformen: 2A ohne PE, 5 A ohne PE, 5A mit PE und 15A mit PE.
2 bzw. 3 runde Stifte, bei 5A mit und ohne PE sind die Stiftabstànde
unterschiedlich, so daß die beiden Versionen komplett inkompatibel
sind. Die 15A-Version ist noch größer als die aktuellen britischen
Stecker und wird noch heute in Südafrika usw. verwendet. Die 2A-
Version entspricht fast unseren Eurosteckern, der Stiftabstand ist
aber etwas kleiner und die Stifte sind dicker. Mit etwas Gewalt passen
Eurostecker. Üblich sind diese Dinger bis heute für Rasierer und
sonstiges im Bad zu verwendendes Geràt, denn auf der Insel gilt noch
heute: "Im Bad nur Rasiersteckdosen mit Trenntrafo".

Das führte selbstverstàndlich zur Verwendung unzàhliger Adapter in
allen Bereichen.

Irland war noch besser unterwegs, dort hatte man einen Mix aus BS 546,
Schuko und den bei uns damals üblichen Lichtstromsteckdosen.

Sodann entschloß man sich, ein komplett neues Steckersystem auf dem
Reißbrett zu erfinden, das natürlich völlig inkompatibel zu allem
anderem sein sollte um die Weiterverwendung alter "gefàhrlicher"
Geràte zu verhindern. Das Resultat war BS1363, mit seinen 13A noch
wilder überdimensioniert als die BS546 15A und als absolutes Novum mit
einer internen Sicherung im Stecker.

Diese resultiert aus der Überlegung der 50erjahre, es wàre doch
wunderschön effizient in der Wand nur wenige Stromkreise verlegen zu
müssen, diese aber mit 30A absichern zu können. Das reicht natürlich
in keinster Weise für den Schutz angeschlossener Betriebsmittel, also
wird dieser Schutz in den Stecker verlagert. Sicherungen mit 2 und 5A
gibt es auch und manche Briten halten die sogar für essentiell
notwendig, im europàischen Kontext halte ich sie allerdings für
überflüssig, da Geràte heutzutage im allgemeinen für einen
mitteleuropàischen Steckdosenstromkreis mit 16A ausgelegt werden.
Einige ganz antike britische Geràte hatten allerdings
Anschlußleitungen, die an hiesigen Klingeldraht erinnern (ich glaube
das waren umgerechnet ca. 0,35mm2), da mag solch eine Sicherung
sinnvoll sein, gesetzt den Fall sie löst denn auch aus. Im
Kurzschlußfall löst aber meistens erfahrungsgemàß eher der 32A-LSS im
Verteiler, die 30A-Sicherung oder (im Falle von Irland) die 20A Diazed
gL aus als die 2A-Sicherung im Stecker.

Prinzipiell sind diese Steckersicherungen zwar in jeder Tankstelle und
in jedem Supermarkt erhàltlich, praktisch hat man sie aber wenn sie
jemals doch durchbrennen nicht zur Hand, also werden sie mit Alufolie
etc. geflickt.
Aus dem Irak habe ich ein Foto gesehen, wo jemand in den offenen
Stecker statt der Sicherung einen 5mm-Bohrer eingesetzt hat.

Verschàrft wird das Ganze dadurch, daß für diese 32A-Stromkreise nicht
4mm2 verlegt werden, sondern 2 zu einem Ring parallelgeschaltete
2,5mm2. Unterbrechungen dieses Rings sind fatal, auch ungesicherte
Zweigleitungen mit 2,5mm2 (typische Heimwerkerleistung) alles andere
als ungefàhrlich (Regel: ein solcher Abzweig darf nur eine einzige
BS1363-Steckdose enthalten, da dann die Steckersicherung den Strom im
Abzweig auf 13A begrenzen sollte).
MEistens wurde dann pro Wohnung oder Stockwerk nur ein einziger 30A-
Ring verlegt, heute ist man meist "großzügig" und legt dazu noch einen
eigenen Küchenring.

Aufgrund der eminenten Gefàhrlichkeit der recht flachen Winkelstecker
mit leicht berührbaren Stiften wurde erheblich spàter hektisch eine
Umhüllung der Stifte wie bei unseren Eurosteckern im Vergleich zu den
alten Lichtstromsteckern nachgeschoben.

Kurz zusammengefaßt:
die einzigen Vorteile der Stecker bestehen in ihrer geradezu
ungeheuren mechanischen Stabilitàt und in der Unvertauschbarkeit von L
und N.

Die Nachteile: extreme Baugröße, unsicheres Vertrauen auf
Steckersicherungen, Gefahr für die Füße im Dunkeln (die angespitzten
Stifte dieser Winkelstecker sind seeeeehr schmerzhaft!), bei àlteren
(und zahlreich vorhandenen) Steckern Gefahr der Berührung unter
Spannung stehender Stifte in halb gestecktem Zustand, Inkompatibilitàt
zu den extrem weit verbreiteten und praktischen Eurosteckern mit allen
daraus resultierenden "Heimwerkerlösungen".

Die Unvertauschbarkeit von L und N ist eigentlich bei den meisten
Geràten relativ belanglos, wirklich interessant ist sie bei den auf
den Inseln ohnehin kaum vorhandenen Tisch- und Stehleuchten mit
Edisonfassung, allerdings scheint es mir da als "mit Kanonen auf
Spatzen zu schießen", für diesen Spezialfall gleich ein inkompatibles
und sehr sperriges Steckersystem einzuführen, anstatt
Bewußtseinsbildung in der Bevölkerung zu betreiben und die klare Regel
zu propagieren: "Vor Lampenwechsel etc. Stecker raus!".

Für die Elektrotechniker: die Stecker sind auch noch làstigstens zu
verdrahten, die Schraubklemmen sind anscheinend für mindestens 4mm2
ausgelegt, feindràhtige Adern ohne Aderendhülesen lassen sich mit Mühe
klemmen, wenn man sie umschlàgt halbwegs, mit Aderendhülsen geht fast
nicht.

Das sei allen Verfechtern des BS1363-Systems ins Stammbuch geschrieben
(und ja, ich kenne dieses System aus eigener Erfahrung und kenne
Briten, die es zutiefst kritisieren).

sg Ragnar
 

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#1 Werner Holtfreter
19/03/2009 - 19:06 | Warnen spam
Ragnar Bartuska wrote:

absolutes Novum mit einer internen Sicherung im Stecker.

Diese resultiert aus der Überlegung der 50erjahre, es wàre doch
wunderschön effizient in der Wand nur wenige Stromkreise verlegen
zu müssen, diese aber mit 30A absichern zu können.



Oder mit mehr, entsprechenden Querschnitt vorausgesetzt. Mich
überzeugt dieses Argument auch heute noch, unabhàngig von
konstruktiven Unzulànglichkeiten, die man ja durch einen neuen
Stecker beheben könnte.

Zur Querschnitt sparenden aber bei Unterbrechung gefàhrlichen
Ringtopologie ist man mit dem Stecker nicht gezwungen.

Der wesentliche Vorteil ist die Sicherung im Stecker, die es
ermöglicht, dort Leistung aus dem Netz zu entnehmen, wo sie
gebraucht wird, ohne diesen Ort bei der Installation festzulegen.

Außerdem wird bei einer Störung immer der kleinstmögliche Abschnitt
abgeschaltet. Wenn die Verteilersicherung statt der
Steckersicherung abschaltet, dann wurden eben die
Selektivitàtsbedingung nicht eingehalten.
Gruß Werner
Bedingungsloses Grundeinkommen:
www.jungefreiheit.de/Single-News-Display.268+M57f5b5a1a83.0.html

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