Das Kalenderblatt 101010

09/10/2010 - 11:28 von WM | Report spam
Das Weltbild Georg Cantors (3): Julius Langbehn

Wie ich versprach, bin ich dabei den Rdt {{Rembrandt als Erzieher,
Langbehns Bestseller
http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Langbehn
}} aufmerksam durchzulesen, jede mir von meinen Arbeiten und
Verpflichtungen übrig gelassene Minute dazu verwendend; ich bin an
pag. 115 und in zwei bis drei Wochen hoffe ich fertig zu sein. Dann
werde ich Ihnen schreiben, nicht was mir daran gefàllt, dessen wàre
schon jetzt zu viel für meine Zeit, sondern was ich darin vermisse; so
werde ich Beides erreichen, Vollstàndigkeit des Wissens über meine
Meinung für Sie und Kürze der Aussprache für mich. [Cantor an
Langbehn, 31. 10. 1890]

Vor allem vielen Dank für die mir freundlichst übers. 23. Auflage
Ihres Rdt. Zu einem definitiven Urtheile über dieses inhaltlich und
stylistisch ausgezeichnete Buch werde ich wohl nicht so schnell
gelangen. Bei der sehr knappen Zeit, die ich auf die Lektüre verwenden
kann und der eigenthümlichen Gruppirung, in welcher die
allerverschiedensten Stoffe darin behandelt werden, ist mein
Fortschritt im Verstehen Ihres eigenthümlichen Gedankenganges nur ein
Langsamer. [Cantor an Langbehn, 16. 11. 1890]

Indem ich manche der von Ihnen geistvoll geschilderten Màngel in den
Verhàltnißen der Wissenschaft anerkenne, kann ich doch viele Ihrer
Urtheile über wissenschaftliche Gegenstànde nicht für zutreffend und
richtig halten. Jedenfalls erscheinen Sie mir in Sachen der Kunst
competenter als in den übrigen Gebieten. {{Zu weiterer Kritik Cantors
s. KB101008.}} Davon ganz unabhàngig ist der Eindruck, den ich von
Ihrer achtungswerthen Persönlichkeit und Ihrem Talent gewonnen habe,
womit ich die Hoffnung verbinde, daß Sie mir den Freimuth, mit dem ich
Ihnen alles dieses schreibe, nicht übel nehmen werden. [Cantor an
Langbehn, 26. 5. 1891]

Verehrter lieber Freund [...] Die Vorbereitungen zur
Naturforscherversammlung und die letztere selbst werden mich
keineswegs so sehr in Anspruch nehmen, daß ich nicht wàhrend Ihres
Hierseins ein bis zwei Stunden tàglich Ihnen, oder vielmehr meiner
eigenen Erholung bei Ihnen werde widmen können. Wàhrend Sie zu der
Erkenntniß gekommen zu sein scheinen, daß ich Sie "in einigen
Hauptpuncten ganz und gar nicht verstehe", muß ich bekennen, daß unter
den hunderten von Collegen, die sich in diesem Monate hier um mich
vereinigen werden, keiner ist, der mich so gut versteht wie Sie, und
dies ist mir genug und ich werde dankbar sein, wenn ich aus dem
Gedrànge heraus auf kurze Zeit im traulichen Zwiegespràch mit Ihnen
werde ausruhen können. [Cantor an Langbehn, 5. 9. 1891]

Soeb. erh. ich Ihren Befehl, Ihnen das mir s. Z. verehrte Exemplar der
37. Aufl. Ihres Rdt umgehends zurückzuschicken. {{Der Autor wollte
darin eine persönliche Widmung nachtragen, hat dann aber vor allem
Cantor dessen Eintràge nachgetragen. Ich trage deshalb Widmungen immer
vorher ein.}}. Da ich bis heute dasselbe als mein Eigenthum zu
betrachten Ursache hatte, so dürfen Sie sich nicht wundern, darin, wie
es meine Gewohnheit ist, Beifalls- sowohl wie Zweifelsàußerungen, in
Gestalt von Strichen und Fragezeichen zu erblicken. [Cantor an
Langbehn, 7. 9. 1891]

Was soll ich Ihnen nun auf Ihren vorletzten Brief schreiben? [...]
Ihre Mißverstàndniße beruhen der Hauptsache nach auf einem Fehler
meinerseits, daß wenn ich etwas nicht verstehe und den Grund nicht
sehe, ich oft eine sarkastische Bemerkung oder einen guten oder selbst
schlechten Witz nicht unterdrücke. [...] Wenn Sie glauben, daß ich Sie
beleidigt oder verletzt habe, werden Sie mich bei der nàchsten
Zusammenkunft so bereit wie möglich finden, Alles wieder gut zu
machen, soweit es nicht durch diese abgebrochenen Sàtze etwa schon
geschehen sein sollte. [Cantor an Langbehn, 11. 9. 1891] {{Doch das
Verhàltnis war zerrüttet. Im November 1891 schrieb Cantor EOD.}}

Ein großer Teil der Korrespondenz ist enthalten und kommentiert in:
[W. Purkert, H.J. Ilgauds: "Georg Cantor 1845-1918", Birkhàuser, Basel
(1987)]
[H. Meschkowski, W. Nilson (Herausgeber): "Georg Cantor Briefe",
Springer, Berlin (1991)]

Gruß, WM
 

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#1 Vogel
10/10/2010 - 09:50 | Warnen spam
WM wrote in news:858a5eb1-035f-4755-b996-
:

Das Weltbild Georg Cantors (3): Julius Langbehn



Eine wahrhaftig 'hochgeistige' Unterhaltung. Das war noch nicht eine so
schnelllebige Zeit wie heute. Wieviel Zeit Menschen doch verschwenden
können um sich ihre gegenseitige Gerinschàtzung und Missachtung durch
verklausulierte Beleidigungen zum Ausdruck zu bringen. Fehlt nur noch ein
meuchliger Rückenstoss mit dem Dolch gefolgt von einem herzzereissenden
"Pardon, tut mir Leid, war keine Absicht". Das nennt sich dann "Kultur".
Reinste unnötige Zeitverschwendung.



Wobei sie sich doch alles mit 7 Buchtaben, in der richtigen Reihenfolge,
A R S C H L O C H, hàtten sagen können.



Tja in unserer heutigen schnelllebigen Zeit kann man es sich nicht mehr
erlauben soviel Zeit zu verschwenden für solche Nettigkeiten.
Nettigkeiten sind heutzutage reinster Luxus.

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