Das Kalenderblatt 101125

24/11/2010 - 14:20 von WM | Report spam
Wie war Mathesis doch vordem
so konkret, aber unbequem!

DMV Jahresbericht 1900
Berichte und Diskussionen über die Dezimalteilung der Winkel- und
Zeitgrößen 138 - 177 (!)

Mehmke gab im Namen der "Tafelcommission" der Deutschen Mathematiker-
Vereinigung einen Bericht (5 Druckseiten nebst Anmerkungen über 15
Druckseiten): So ist denn die Decimalteilung des Quadranten ohne Frage
die rationellste Winkelteilung.

Bauschinger: In der Astronomie kann von den bisherigen Einheiten der
Zeit und des Winkels unter keinen Umstànden abgegangen werden. Die
decimale Unterteilung der bisherigen Einheiten empfiehlt sich nicht
für den astronomischen Gebrauch im allgemeinen.

Schülke: Wie steht es aber mit der Vorbereitung der künftigen
Fachmathematiker? Für diese ist zunàchst die Sechzigteilung keine
Schwierigkeit. sondern eine Frage der Zweckmàßigkeit. Sodann verlangt
die Geodàsie die neu Teilung, die Astronomie die alte. [...] für den
Unterricht ist die Decimalteilung des Grades allen übrigen vorzuziehen
[...] Dagegen hat der Unterricht an der Decimalteilung der Zeit kein
Interesse [...] Für den Unterricht ist die Decimalteilung des alten
Grades zu empfehlen.

Seeliger: Mit der Einführung der Dezimalteilung des Quadranten müßte
notwendigerweise die jetzige Stunde als Zeiteinheit durch eine andere
Zeiteinheit ersetzt werden. Es bedarf keiner Auseinandersetzung, daß
dies aus Rücksichten auf das praktische Leben geradezu undenkbar ist.

Foerster: Recht nützlich würde es sein, wenn gerade im Hinblick auf
gemischte Anwendungen der alten Winkelteilung und der 100-Teilung des
Quadranten internationale Vereinbarungen über die zweckmàßigste, volle
und abgekürzte, Bezeichnung der letzteren Einteilungsstufen getroffen
werden könnten.

Klein [...] daß die abstracte Mathematik an der wesentlich praktischen
Frage sehr wenig beteiligt sei.

Boltzmann: scheinen [...] die Nachteile, die aus einer Störung der
gegenwàrtig herrschenden Einheitlichkeit der Kreisteilung sich ergeben
würden, viel größer als die Vorteile einer Hundertteilung des
Quadranten. Die Sekunde als Zeiteinheit aufzugeben, würden sich die
Physiker wohl nur schwer entschließen [...]

Warburg: [...] die Decimalteilung der Zeitgrößen unbedingt abzulehnen
sei, und daß auch die Decimalteilung des Quadranten eine nicht zu
empfehlende Neuerung bilde. Anders verhalte es sich mit der bereits
vielfach geübten Decimalteilung des Grades.

Schmidt: [...] teile er persönlich die [...] gegen die Einführung der
Decimalteilung geàußerten Bedenken.

Mehmke: [...] stellt, da ihm die Ausführungen des Herrn Foerster
namentlich gegen den Schluß den Eindruk erweckt zu haben scheinen, als
ob derselbe gegen die neue Winkelteilung (Decimalteilung des
Quadranten) spreche, zunàchst fest, daß derselbe dafür gesprochen
habe. Ferner führt Prof Mehmke aus, daß seines Wissens noch niemand
den Astronomen zugemutet habe, die in so großer Zahl vorhandenen (mit
Instrumenten alter Teilung gemachten) früheren Beobachtungen in
Angaben nach neuer Teilung umzuwandeln; sollten sie sich aber je dazu
entschließen, so würde dadurch auf keinen Fall, wie Herr Bauschinger
behaupte, alle wissenschaftliche Arbeit auf zehn Jahre unmöglich
gemacht werden, denn die fraglichen Umwandlung könnte durch
untergeordnete Hilfskràfte geschehen. Außerdem ließe sich für diesen
Zweck eine Specialrechenmaschine construieren von der Art, daß durch
Niederdrücken der Tasten, welche einer Winkelangabe in alter Teilung
entsprechen, im Zàhlwerk der Maschine der gesuchte Winkelausdruck
erscheint {{ein Königreich für einen Laptop}}.

Tesdorpf: Die ausführenden Techniker müßten sich in dieser
Angelegenheit neutral verhalten und dürften den Anforderungen der
Wissenschaft in keiner Weise hinderlich entgegentreten.

Der stellvertretende Vorsitzende, Herr Geheimrat F. Klein - Göttingen,
faßte das Ergebnis [...] dahin zusammen, daß sich eine weitgehende
Übereinstimmung der Ansichten ergeben habe.
{{Er war eben nicht nur ein großer Mathematiker! Sein resultierender
Antrag wurde einstimmig angenommen.}}

Gruß, WM
 

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#1 wernertrp
24/11/2010 - 16:39 | Warnen spam
On 24 Nov., 14:20, WM wrote:
Wie war Mathesis doch vordem
so konkret, aber unbequem!

DMV Jahresbericht 1900
Berichte und Diskussionen über die Dezimalteilung der Winkel- und
Zeitgrößen 138 - 177 (!)

Mehmke gab im Namen der "Tafelcommission" der Deutschen Mathematiker-
Vereinigung einen Bericht (5 Druckseiten nebst Anmerkungen über 15
Druckseiten): So ist denn die Decimalteilung des Quadranten ohne Frage
die rationellste Winkelteilung.

Bauschinger: In der Astronomie kann von den bisherigen Einheiten der
Zeit und des Winkels unter keinen Umstànden abgegangen werden. Die
decimale Unterteilung der bisherigen Einheiten empfiehlt sich nicht
für den astronomischen Gebrauch im allgemeinen.

Schülke: Wie steht es aber mit der Vorbereitung der künftigen
Fachmathematiker? Für diese ist zunàchst die Sechzigteilung keine
Schwierigkeit. sondern eine Frage der Zweckmàßigkeit. Sodann verlangt
die Geodàsie die neu Teilung, die Astronomie die alte. [...] für den
Unterricht ist die Decimalteilung des Grades allen übrigen vorzuziehen
[...] Dagegen hat der Unterricht an der Decimalteilung der Zeit kein
Interesse [...] Für den Unterricht ist die Decimalteilung des alten
Grades zu empfehlen.

Seeliger: Mit der Einführung der Dezimalteilung des Quadranten müßte
notwendigerweise die jetzige Stunde als Zeiteinheit durch eine andere
Zeiteinheit ersetzt werden. Es bedarf keiner Auseinandersetzung, daß
dies aus Rücksichten auf das praktische Leben geradezu undenkbar ist.

Foerster: Recht nützlich würde es sein, wenn gerade im Hinblick auf
gemischte Anwendungen der alten Winkelteilung und der 100-Teilung des
Quadranten internationale Vereinbarungen über die zweckmàßigste, volle
und abgekürzte, Bezeichnung der letzteren Einteilungsstufen getroffen
werden könnten.

Klein [...] daß die abstracte Mathematik an der wesentlich praktischen
Frage sehr wenig beteiligt sei.

Boltzmann: scheinen [...] die Nachteile, die aus einer Störung der
gegenwàrtig herrschenden Einheitlichkeit der Kreisteilung sich ergeben
würden, viel größer als die Vorteile einer Hundertteilung des
Quadranten. Die Sekunde als Zeiteinheit aufzugeben, würden sich die
Physiker wohl nur schwer entschließen [...]

Warburg: [...] die Decimalteilung der Zeitgrößen unbedingt abzulehnen
sei, und daß auch die Decimalteilung des Quadranten eine nicht zu
empfehlende Neuerung bilde. Anders verhalte es sich mit der bereits
vielfach geübten Decimalteilung des Grades.

Schmidt: [...] teile er persönlich die [...] gegen die Einführung der
Decimalteilung geàußerten Bedenken.

Mehmke: [...] stellt, da ihm die Ausführungen des Herrn Foerster
namentlich gegen den Schluß den Eindruk erweckt zu haben scheinen, als
ob derselbe gegen die neue Winkelteilung (Decimalteilung des
Quadranten) spreche, zunàchst fest, daß derselbe dafür gesprochen
habe. Ferner führt Prof Mehmke aus, daß seines Wissens noch niemand
den Astronomen zugemutet habe, die in so großer Zahl vorhandenen (mit
Instrumenten alter Teilung gemachten) früheren Beobachtungen in
Angaben nach neuer Teilung umzuwandeln; sollten sie sich aber je dazu
entschließen, so würde dadurch auf keinen Fall, wie Herr Bauschinger
behaupte, alle wissenschaftliche Arbeit auf zehn Jahre unmöglich
gemacht werden, denn die fraglichen Umwandlung könnte durch
untergeordnete Hilfskràfte geschehen. Außerdem ließe sich für diesen
Zweck eine Specialrechenmaschine construieren von der Art, daß durch
Niederdrücken der Tasten, welche einer Winkelangabe in alter Teilung
entsprechen, im Zàhlwerk der Maschine der gesuchte Winkelausdruck
erscheint {{ein Königreich für einen Laptop}}.

Tesdorpf: Die ausführenden Techniker müßten sich in dieser
Angelegenheit neutral verhalten und dürften den Anforderungen der
Wissenschaft in keiner Weise hinderlich entgegentreten.

Der stellvertretende Vorsitzende, Herr Geheimrat F. Klein - Göttingen,
faßte das Ergebnis [...] dahin zusammen, daß sich eine weitgehende
Übereinstimmung der Ansichten ergeben habe.
{{Er war eben nicht nur ein großer Mathematiker! Sein resultierender
Antrag wurde einstimmig angenommen.}}

Gruß, WM



Nur brutalste Revolutionen (Danton, Marat, Robespierres) führen zur
vollkommenen Dezimierung und Dezimalisierung.

Alle Maße auch die Stunden und Bogen.

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