Das Kalenderblatt 110206 (KFM65)

05/02/2011 - 09:38 von WM | Report spam
Krieg der Frösche und der Màuse (65)

{{Born fàhrt in seinem Brief an Einstein fort:}} Hilbert ist es
durchaus sehr ernst mit seiner Aktion gegen Brouwer. Er hat auch zu
mir vor einigen Wochen mal darüber gesprochen, ganz im allgemeinen nur
und ohne auf Einzelheiten einzugehen. Er hàlt Brouwer für einen
exzentrischen und unausgeglichenen Menschen, dem er das Erbe der
Leitung der Mathematischen Annalen nicht anvertrauen will. Ich glaube,
daß gerade die letzten Schritte Brouwers gezeigt haben, wie richtig
Hilberts Beurteilung des Mannes ist. Überhaupt ist nach meinen
Erfahrungen Hilberts Urteil nicht nur in mathematischen, sondern auch
in menschlichen Angelegenheiten fast immer treffend und sicher. {{Hier
war es nicht sicher. Brouwers neues Journal Compositio Mathematica hat
kaum intuitionistische Beitràge veröffentlicht.}}
Die Vorgeschichte der ganzen Sache, den Streit um den Besuch des
Kongresses in Bologna, habe ich nur von fern verfolgt. [...] Das
Verhalten Brouwers in der Sache, der nationalistischer auftrat wie die
Deutschen selber, hielt Hilbert wie wir alle für eine Narretei, aber
das Schlimme war eben, daß die Berliner Mathematiker auf Brouwers
Unsinn her.eingefallen sind. Ich möchte hinzufügen, daß die Bologna-
Frage für Hilberts Entschluß, Brouwer zu entfernen, nicht
ausschlaggebend, nur ein Anlaß war. {{Das ist sicher richtig
beobachtet und sollte unbedingt festgehalten werden. Die Bologna-Frage
war lediglich ein Vorwand, die in den Augen Hilberts falsche und für
die Matheologie gefàhrliche Einstellung Brouwers aus dem Fokus des
öffentlichen Interesses zu entfernen. Die heutige "tolerante"
Einstellung der Matheologen gegenüber den Intuitionisten war also
keineswegs "schon immer" als einer gleichberechtigten Anschauung
geschuldet vorhanden, sondern sie ist allein der geschrumpften Macht
der Matheologie zu verdanken - derselben Ursache also, die die
katholischen Kirche daran gehindert hat, Kant, Laplace oder Darwin zu
verbrennen.}} Bei Erhard Schmidt kann ich das verstehen, er war immer
politisch rechts und zwar wirklich aus ursprünglichen Gefühlen heraus.
Bei Bieberbach und Mises aber ist es ein recht beklagenswertes
Symptom.

[Max Born an Albert Einstein, 20. 11. 1928, zitiert nach "Albert
Einstein - Max Born, Briefwechsel 1916-1955", Erbrich, Frankfurt
(1982) p. 138]

Gruß, WM
 

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#1 wernertrp
05/02/2011 - 11:29 | Warnen spam
On 5 Feb., 09:38, WM wrote:
Krieg der Frösche und der Màuse (65)

{{Born fàhrt in seinem Brief an Einstein fort:}} Hilbert ist es
durchaus sehr ernst mit seiner Aktion gegen Brouwer. Er hat auch zu
mir vor einigen Wochen mal darüber gesprochen, ganz im allgemeinen nur
und ohne auf Einzelheiten einzugehen. Er hàlt Brouwer für einen
exzentrischen und unausgeglichenen Menschen, dem er das Erbe der
Leitung der Mathematischen Annalen nicht anvertrauen will. Ich glaube,
daß gerade die letzten Schritte Brouwers gezeigt haben, wie richtig
Hilberts Beurteilung des Mannes ist. Überhaupt ist nach meinen
Erfahrungen Hilberts Urteil nicht nur in mathematischen, sondern auch
in menschlichen Angelegenheiten fast immer treffend und sicher. {{Hier
war es nicht sicher. Brouwers neues Journal Compositio Mathematica hat
kaum intuitionistische Beitràge veröffentlicht.}}
   Die Vorgeschichte der ganzen Sache, den Streit um den Besuch des
Kongresses in Bologna, habe ich nur von fern verfolgt. [...] Das
Verhalten Brouwers in der Sache, der nationalistischer auftrat wie die
Deutschen selber, hielt Hilbert wie wir alle für eine Narretei, aber
das Schlimme war eben, daß die Berliner Mathematiker auf Brouwers
Unsinn her.eingefallen sind. Ich möchte hinzufügen, daß die Bologna-
Frage für Hilberts Entschluß, Brouwer zu entfernen, nicht
ausschlaggebend, nur ein Anlaß war. {{Das ist sicher richtig
beobachtet und sollte unbedingt festgehalten werden. Die Bologna-Frage
war lediglich ein Vorwand, die in den Augen Hilberts falsche und für
die Matheologie gefàhrliche Einstellung Brouwers aus dem Fokus des
öffentlichen Interesses zu entfernen. Die heutige "tolerante"
Einstellung der Matheologen gegenüber den Intuitionisten war also
keineswegs "schon immer" als einer gleichberechtigten Anschauung
geschuldet vorhanden, sondern sie ist allein der geschrumpften Macht
der Matheologie zu verdanken - derselben Ursache also, die die
katholischen Kirche daran gehindert hat, Kant, Laplace oder Darwin zu
verbrennen.}} Bei Erhard Schmidt kann ich das verstehen, er war immer
politisch rechts und zwar wirklich aus ursprünglichen Gefühlen heraus.
Bei Bieberbach und Mises aber ist es ein recht beklagenswertes
Symptom.

[Max Born an Albert Einstein, 20. 11. 1928, zitiert nach "Albert
Einstein - Max Born, Briefwechsel 1916-1955", Erbrich, Frankfurt
(1982) p. 138]

Gruß, WM



Politische Mathematik oder mathematische Politik.
Ich habe sie nicht gewàhlt
hàtte sie lieber gequàlt.

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