Das Kalenderblatt 110307

06/03/2011 - 10:24 von WM | Report spam
Krieg der Frösche und der Màuse (94)

War Brouwer ein Deutschnationaler à la Ludwig Bieberbach, wie
Blumenthal, Franck und Born behaupteten? Nein, er hatte nur das Pech,
dass sein Gerechtigkeitsempfinden von seinen Gegnern bewusst oder
irrtümlich als Nationalismus angeprangert wurde. "Brouwers position on
these matters was neither political, nor nationalisic, it was dictated
by his extreme aversion of the scientific boycott of Germany.
Nonetheless, the above lines show that , wittingly or not, he ran the
risk to be associated with right wing Germans" [DD, p. 610]. Doch wie
stand es um die Beweggründe von Hilberts Gefolgschaft? "It was of
course well-known that Hilbert ran a tight ship, but it still comes as
a bit of shock to see that Blumenthal actually feared that
Carathéodory would be banned from Hilbert's circle: 'Poor Cara has, in
spite of his best intentions, got himself into a tight corner, and I
don't know yet if Hilbert will break off relations with him'"[609]. Um
Carathéodory zu schonen, hatte man Hilbert nicht über dessen Besuch
bei Brouwer informiert. Es ist zwar richtig, dass in der Behandlung
Brouwers die "rudeness seemed partially determined by Hilbert's ailing
health" [DD, p. 614] und "some uncontrolled emotions on Hilbert's
side" [615] deswegen nicht beherrscht werden konnten, doch Blumenthals
Besorgnis kann man nur dahingehend verstehen, dass ein hohes Maß an
Depotismus schon den gesunden Hilbert ausgezeichnet hat. So spricht
Landé von Hilberts extremer Egozentrizitàt [CR, p. 141]. Ein Student,
der zu viele Fragen stellte, wurde abgekanzelt: Wir sind nicht hier,
um Ihnen Informationen zu geben. Als der Student wahrheitsgemàß
feststellte: Aber dafür werden Sie bezahlt, Herr Geheimrat!, verließ
Hilbert beleidigt den Saal [CR, p. 117]. Heute ist die
Selbstbeurlaubung
http://www.odww.de/index.php?navID 2&uidB0
eines Professors ein Disziplinarvergehen. Zu Hilberts Zeiten war es
vermutlich nicht anders.

[DD: Dirk van Dalen: "Mystic, Geometer, and Intuitionist: The Life of
L.E.J. Brouwer, Vol. 2", Clarendon Press, Oxford (2005)
CR: Constance Reid: "Hilbert", Springer (1970)]

Gruß, WM
 

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#1 Ralf Bader
06/03/2011 - 11:09 | Warnen spam
WM wrote:

Krieg der Frösche und der Màuse (94)

War Brouwer ein Deutschnationaler à la Ludwig Bieberbach, wie
Blumenthal, Franck und Born behaupteten? Nein, er hatte nur das Pech,
dass sein Gerechtigkeitsempfinden von seinen Gegnern bewusst oder
irrtümlich als Nationalismus angeprangert wurde. "Brouwers position on
these matters was neither political, nor nationalisic, it was dictated
by his extreme aversion of the scientific boycott of Germany.
Nonetheless, the above lines show that , wittingly or not, he ran the
risk to be associated with right wing Germans" [DD, p. 610]. Doch wie
stand es um die Beweggründe von Hilberts Gefolgschaft? "It was of
course well-known that Hilbert ran a tight ship, but it still comes as
a bit of shock to see that Blumenthal actually feared that
Carathéodory would be banned from Hilbert's circle: 'Poor Cara has, in
spite of his best intentions, got himself into a tight corner, and I
don't know yet if Hilbert will break off relations with him'"[609]. Um
Carathéodory zu schonen, hatte man Hilbert nicht über dessen Besuch
bei Brouwer informiert. Es ist zwar richtig, dass in der Behandlung
Brouwers die "rudeness seemed partially determined by Hilbert's ailing
health" [DD, p. 614] und "some uncontrolled emotions on Hilbert's
side" [615] deswegen nicht beherrscht werden konnten, doch Blumenthals
Besorgnis kann man nur dahingehend verstehen, dass ein hohes Maß an
Depotismus schon den gesunden Hilbert ausgezeichnet hat. So spricht
Landé von Hilberts extremer Egozentrizitàt [CR, p. 141]. Ein Student,
der zu viele Fragen stellte, wurde abgekanzelt: Wir sind nicht hier,
um Ihnen Informationen zu geben. Als der Student wahrheitsgemàß
feststellte: Aber dafür werden Sie bezahlt, Herr Geheimrat!, verließ
Hilbert beleidigt den Saal [CR, p. 117]. Heute ist die
Selbstbeurlaubung
http://www.odww.de/index.php?navID 2&uidB0
eines Professors ein Disziplinarvergehen. Zu Hilberts Zeiten war es
vermutlich nicht anders.

[DD: Dirk van Dalen: "Mystic, Geometer, and Intuitionist: The Life of
L.E.J. Brouwer, Vol. 2", Clarendon Press, Oxford (2005)
CR: Constance Reid: "Hilbert", Springer (1970)]

Gruß, WM



Hilbert dürfte kein besonders gemütlicher Charakter gewesen sein. Die
Behauptung, daß so manches von dem Zeug, das Sie hier kolportieren, sich eng
am Tatbestand der Verleumdung oder üblen Nachrede befindet, scheint mir aber
nàher an der Realitàt zu liegen als die abstruse Verwechslung eines
meinetwegen sogar pflichtwidrigen Abbruchs eines Gespràchs mit der
Selbstbeurlaubung eines Arbeitnehmers. Und was Disziplinarvergehen von
Professoren anbelangt, habe ich da einen gewissen Fall im Auge, in dem man
m.E. einmal unter disziplinarischen Gesichtspunkten nachscheuen sollte,
inwieweit ein sog. Professor das Recht hat, seine Studenten, um es mal so
auszudrücken, regelrecht zu verblöden.

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