Das Kalenderblatt 110426

25/04/2011 - 11:23 von WM | Report spam
Das Weltbild Georg Cantors (16): Jakob Böhme

Krankhaft waren möglicherweise auch die Bemühungen Cantors,
verschiedene andere "Autorenschaftsprobleme" zu lösen, so etwa die
"wahre Identitàt" des Görlitzer Schumachers und Philosophen Jakob
Böhme aufzuklàren, die wahre Bedeutung "des hervorragendsten
englischen Mathematikers dieser Zeit ... John Dee" darzulegen [...]
Zur "Klàrung" der "Dee-Frage" wollte Cantor sogar nach England reisen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_B%C3%B6hme
http://en.wikipedia.org/wiki/John_Dee

Zu derartigen Problemen hatte er auch zweimal an der Universitàt Halle
Vorlesungen angekündigt: Sommersemester 1898 über "Francis Bacon, sein
Leben und seine Werke"; Sommersemesster 1900 "Ueber den wahren Autor
der sogenannten Böhmeschen Schriften und das Wesen seiner Theosophie".
Auch mit Jacob Böhme hatte sich Cantor einen bedeutenden Autor
ausgewàhlt. Hegel würdigte ihn in seinen Vorlesungen über die
Geschichte der Philosophie ausführlich und sagte von ihm: "Jacob Böhme
ist der erste deutsche Philosoph; ...". Freilich finden wir im
Aufwerfen der Autorschaftsfrage der Böhmeschen Schriften gewissermaßen
dieselbe reaktionàre Tendenz wie in der Bacon-Shakespeare-Theorie. Sie
besteht in der Behauptung, daß ein einfacher Mann aus dem Volke so
bedeutende geistige Leistungen nicht vollbringen könne.
[W. Purkert, H.J. Ilgauds" "Georg Cantor 1845 - 1918", Birkhàuser,
Basel (1987)]

Der Professor Dr. Cantor, der wegen seiner Erkrankung für das
abgelaufene Winterhalbjahr beurlaubt war, hat mir vorgestern mündlich
mitgeteilt, daß er sich noch nicht über den Zeitpunkt für den Beginn
seiner Sommer-Vorlesungen entscheiden könne. Nach seinem Aussehen und
seiner gedrückten Sprechweise ist er offenbar aus dem früheren
Zustande hochgradiger Erregung in das Stadium der Depression bis zur
Willenlosigkeit, ganz nach Analogie seiner früheren Krankheitsvorgànge
übergegangen. Wie lange dieser Zustand anhalten wird, ist nicht
vorauszusehen; er ist jedenfalls einstweilen leistungsunfàhig, weshalb
ich ihn zu seiner Beruhigung ermàchtigt habe, den Anfang seiner
Vorlesungen noch hinauszuschieben.
Indem Eure Excellenz ich um geneigte nachtràgliche Genehmigung
dieser Urlaubsverlàngerung bitte, bemerke ich gehorsamst, daß
vorlàufig der Zeitpunkt seiner völligen Genesung nicht zu bestimmen
ist. Einer besonderen Vertretung des pp Cantor wird es nicht bedürfen,
zumal die eine der angekündigten Privatvorlesungen über den wahren
Autor der Jak. Böhmeschen Schriften auf haltlosen Hypothesen beruht,
auch schwerlich Zuhörer gefunden haben würde [...]
[Universitàtskurator Schrader, Halle, 26. 4. 1900]

Merkwürdig, dass die auf mindestens ebenso haltlosen Hypothesen
beruhende Vollendung des Unendlichen auch von manchen geistig gesunden
Menschen bis heute noch akzeptiert wird. Dabei bràuchte ein von seinen
Lehrern damit misshandelter Schüler doch nur den Mut zu folgender
Frage aufzubringen:

Wenn das vollendete Unendliche existiert, wenn zum Beispiel der (wo
auch immer existierende) Dezimalbruch für 1/9 aktual unendlich viele
Ziffern besitzt, d.h. mehr als alle endlichen Dezimalbrüche der Form
0,1
0,11
0,111
...
an welcher Stelle weicht er erstmals von diesen allen ab? Und wenn er
sie nicht besitzt, dann besitzen doch vermutlich alle anderen
unendlichen Dezimalbrüche auch keine vollendet-unendliche Anzahl von
Ziffern. Und dann gibt es nicht überabzàhlbar viele Dezimalbrüche.

Ist diese einfache Überlegung bei Infektion mit dem aktual Unendlichen
wirklich vollstàndig blockiert?

Gruß, WM
 

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#1 Roland Franzius
25/04/2011 - 11:45 | Warnen spam
Am 25.04.2011 11:23, schrieb WM:

Merkwürdig, dass die auf mindestens ebenso haltlosen Hypothesen
beruhende Vollendung des Unendlichen auch von manchen geistig gesunden
Menschen bis heute noch akzeptiert wird. Dabei bràuchte ein von seinen
Lehrern damit misshandelter Schüler doch nur den Mut zu folgender
Frage aufzubringen:

Wenn das vollendete Unendliche existiert, wenn zum Beispiel der (wo
auch immer existierende) Dezimalbruch für 1/9 aktual unendlich viele
Ziffern besitzt, d.h. mehr als alle endlichen Dezimalbrüche der Form
0,1
0,11
0,111
...
an welcher Stelle weicht er erstmals von diesen allen ab? Und wenn er
sie nicht besitzt, dann besitzen doch vermutlich alle anderen
unendlichen Dezimalbrüche auch keine vollendet-unendliche Anzahl von
Ziffern. Und dann gibt es nicht überabzàhlbar viele Dezimalbrüche.

Ist diese einfache Überlegung bei Infektion mit dem aktual Unendlichen
wirklich vollstàndig blockiert?



Im Prinzip ja. In jeder Cafete in jedem Jahr fàngt typischerweise ein
von Bissen des Gewissens geplagter Physik- oder Informatikstudent im
zweiten Semester mit diesem uralten Kàse an, der im dritten Reich, in
der deutschen Physik und darüber hinaus noch weit lànger im II.
physikalischen Institut Hochkonjunktur hatte.

Die anderen gehen dann relativ schnell.

Das Unbehagen über die Abstraktionen der Mathematik und theoretischen
Physik treibt auch die anderen eine zeitlang um. Bis man dann sieht,
dass die tarnsfiniten exakten Beweismethoden auf trivialen
Rechenschemata und Algorithmen beste Ergebnisse auch im tàglichen Leben
liefern. Ob ma die Anwendung irrationaler komplexer Zahlen im tàglichen
Leben noch begründen muss, diese Frage hat sich im Verlauf der
Geschichte der Physik vollstàndig erledigt.

Angreifbar ist das Gebàude der "Zahlen" in der Analysis und Algebra
nicht, da sie dort nicht vorkommen.

Ob jemandem eine spezielle Axiomatik, aufbauend auf allein auf
Dezimalfolgenrepràsentanten von Cauchyfolgen, gelingt oder mislingt,
wird nun wirklich nimanden mehr hinterm Ofen heervorholen, es sei denn
die Teaparty vereinigt sich mit den Cantor- und Einsteinzerschmetterern
und übernimmt neben dem Kongress auch noch den Vatikan und die Akademie.


Roland Franzius

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