Das Kalenderblatt 120520

19/05/2012 - 01:41 von WM | Report spam
Das Große noch so sehr erweitert, schwindet zur Unbetràchtlichkeit
zusammen; indem es sich auf das Unendliche als auf sein Nichtseyn
bezieht, ist der Gegensatz qualitativ; das erweiterte Quantum hat
daher dem Unendlichen nichts abgewonnen; dieses ist vor wie nach das
Nichtseyn desselben. Oder, die Vergrößerung des Quantums ist keine
Nàherung zum Unendlichen, denn der Unterschied des Quantums und seiner
Unendlichkeit hat wesentlich auch das Moment ein nicht quantitativer
Unterschied zu seyn. Es ist nur der ins Engere gebrachte Ausdruck des
Widerspruchs; es soll ein Großes d. i. ein Quantum, und unendlich, d.
i. kein Quantum seyn. – Eben so das Unendlichkleine ist als Kleines
ein Quantum und bleibt daher absolut d. h. qualitativ zu groß für das
Unendliche, und ist diesem entgegengesetzt. Es bleibt in beiden der
Widerspruch des unendlichen Progresses erhalten der in ihnen sein Ziel
gefunden haben sollte.
Diese Unendlichkeit, welche als das Jenseits des Endlichen
beharrlich bestimmt ist, ist als die schlechte quantitative
Unendlichkeit zu bezeichnen. Sie ist wie die qualitative schlechte
Unendlichkeit, das perennirende Herüber- und Hinübergehen von dem
einen Gliede des bleibenden Widerspruchs zum andern, von der Grenze zu
ihrem Nichtseyn, von diesem aufs neue zurück zu ebenderselben, zur
Grenze. Im Progresse des Quantitativen ist das, zu dem fortgegangen
wird, zwar nicht ein abstrakt Anderes überhaupt, sondern ein als
verschieden gesetztes Quantum; aber es bleibt auf gleiche Weise im
Gegensatze gegen seine Negation. Der Progreß ist daher gleichfalls
nicht ein Fortgehen und Weiterkommen, sondern ein Wiederholen von
einem und eben demselben, Setzen, Aufheben, und Wiedersetzen und
Wiederaufheben; eine Ohnmacht des Negativen, dem das, was es aufhebt,
durch sein Aufheben selbst als ein Kontinuirliches wiederkehrt. Es
sind zwei so zusammengeknüpft, daß sie sich schlechthin fliehen; und
indem sie sich fliehen, können sie sich nicht trennen, sondern sind in
ihrer gegenseitigen Flucht verknüpft

Anmerkung 1. Die schlechte Unendlichkeit pflegt vornehmlich in der
Form des Progresses des Quantitativen ins Unendliche, – dieß
fortgehende Ueberfliegen der Grenze, das die Ohnmacht ist, sie
aufzuheben, und der perennirende Rückfall in dieselbe, – für etwas
Erhabenes und für eine Art von Gottesdienst gehalten zu werden, so wie
derselbe in der Philosophie als ein Letztes angesehen worden ist.
Dieser Progreß hat vielfach zu Tiraden gedient, die als erhabene
Produktionen bewundert worden sind. In der That aber macht diese
moderne Erhabenheit nicht den Gegenstand groß, welcher vielmehr
entflieht, sondern nur das Subjekt, das so große Quantitàten in sich
verschlingt. Die Dürftigkeit dieser subjektiv bleibenden Erhebung, die
an der Leiter des Quantitativen hinaufsteigt, thut sich selbst damit
kund, daß sie in vergeblicher Arbeit dem unendlichen Ziele nicht nàher
zu kommen eingesteht, welches zu erreichen freilich ganz anders
anzugreifen ist.

Bei folgenden Tiraden dieser Art ist zugleich ausgedrückt, in was
solche Erhebung übergeht und aufhört. Kant z. B. führt es als erhaben
auf, (Kr. d. prakt. V. Schl.)

"wenn das Subjekt mit dem Gedanken sich über den Platz erhebt, den es
in der Sinnenwelt einnimmt, und die Verknüpfung ins unendlich Große
erweitert, eine Verknüpfung mit Sternen über Sternen, mit Welten über
Welten, Systemen über Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten
ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. – Das
Vorstellen erliegt diesem Fortgehen ins Unermeßlich-Ferne, wo die
fernste Welt immer noch eine fernere hat, die so weit zurückgeführte
Vergangenheit noch eine weitere hinter sich, die noch so weit
hinausgeführte Zukunft immer noch eine andere vor sich; der Gedanke
erliegt dieser Vorstellung des Unermeßlichen; wie ein Traum, daß einer
einen langen Gang immer weiter und unabsehbar weiter fortgehe, ohne
ein Ende abzusehen, mit Fallen oder mit Schwindel endet."

Diese Darstellung, außerdem daß sie den Inhalt des quantitativen
Erhebens in einen Reichthum der Schilderung zusammendràngt, verdient
wegen der Wahrhaftigkeit vornehmlich Lob, mit der sie es angiebt, wie
es dieser Erhebung am Ende ergeht: der Gedanke erliegt, das Ende ist
Fallen und Schwindel. Was den Gedanken erliegen macht, und das Fallen
desselben und den Schwindel hervorbringt, ist nichts anderes, als die
Langeweile der Wiederholung, welche eine Grenze verschwinden und
wieder auftreten und wieder verschwinden, so immer das eine um das
andere, und eins im andern, in dem Jenseits das Diesseits, in dem
Diesseits das Jenseits perennierend entstehen und vergehen làßt, und
nur das Gefühl der Ohnmacht dieses Unendlichen oder dieses Sollens
giebt, das über das Endliche Meister werden will und nicht kann.

Auch die hallersche, von Kant sogenannte schauderhafte Beschreibung
der Ewigkeit pflegt besonders bewundert zu werden, aber oft gerade
nicht wegen derjenigen Seite, die das wahrhafte Verdienst derselben
ausmacht:

"Ich hàuffe ungeheure Zahlen,
Gebürge Millionen auf,
Ich setze Zeit auf Zeit, und Welt auf Welt zu Hauf
Und wenn ich von der grausen Höh
Mit Schwindeln wieder nach dir seh,
Ist alle Macht der Zahl, vermehrt zu tausendmalen,
Noch nicht ein Theil von dir."
"Ich zieh sie ab, und du liegst ganz vor mir."

Wenn auf jenes Aufbürgen und Aufthürmen von Zahlen und Welten als auf
eine Beschreibung der Ewigkeit der Werth gelegt wird, so wird
übersehen, daß der Dichter selbst dieses sogenannte schauderhafte
Hinausgehen für etwas Vergebliches und Hohles erklàrt, und daß er
damit schließt, daß nur durch das Aufgeben dieses leeren unendlichen
Progresses das wahrhafte Unendliche selbst zur Gegenwart vor ihn
komme.

Das /unendliche Quantum/, als /Unendlichgroßes/ oder /
Unendlichkleines/, ist selbst an sich der unendliche Progreß; es ist
Quantum als ein Großes oder Kleines, und ist zugleich Nichtseyn des
Quantums. Das Unendlichgroße und Unendlichkleine sind daher Bilder der
Vorstellung, die bei nàherer Betrachtung sich als nichtiger Nebel und
Schatten zeigen. […] Das Unendliche, welches im unendlichen Progresse
nur die leere Bedeutung eines Nichtsseyns, eines unerreichten, aber
gesuchten Jenseits hat, ist in der That nicht anderes als die /
Qualitàt/.

G.W.F. Hegel: "Wissenschaft der Logik, I. Die objektive Logik",
Duncker und Humblot, Berlin (1841), p. 257ff
http://gutenberg.spiegel.de/buch/1653/57

Gruß, WM
 

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#1 Michael Klemm
19/05/2012 - 09:03 | Warnen spam
WM wrote:

Das /unendliche Quantum/, als /Unendlichgroßes/ oder /
Unendlichkleines/, ist selbst an sich der unendliche Progreß; es ist
Quantum als ein Großes oder Kleines, und ist zugleich Nichtseyn des
Quantums. Das Unendlichgroße und Unendlichkleine sind daher Bilder der
Vorstellung, die bei nàherer Betrachtung sich als nichtiger Nebel und
Schatten zeigen. […] Das Unendliche, welches im unendlichen Progresse
nur die leere Bedeutung eines Nichtsseyns, eines unerreichten, aber
gesuchten Jenseits hat, ist in der That nicht anderes als die /
Qualitàt/.

G.W.F. Hegel: "Wissenschaft der Logik, I. Die objektive Logik",
Duncker und Humblot, Berlin (1841), p. 257ff
http://gutenberg.spiegel.de/buch/1653/57



Gut gemacht! Da hast Du ja rechzeitig, bevor die hier einzig interessanten
Abschnitte: "Kapitel 58, c. Die Unendlichkeit des Quantums.
Anmerkung 1.Die Begriffsbestimmtheit des mathematischen Unendlichen."
und "Anmerkung 2. Der Zweck des Differentialkalkuls aus seiner Anwendung
abgeleitet."
beginnen, mit dem Zitieren augehört.

Gruß
Michael

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