Das Vergehen der Zeit

05/02/2010 - 02:31 von ram | Report spam
In einem Artikel unterscheidet Tegmark die Sicht eines
Wurmes von der eines Vogels:

Der Wurm sieht die Welt von innen und sieht - beispielsweise -
zwei Teilchen, die sich umkreisen (dynamisch).

Der Vogel sieht die Welt von außen und sieht
zwei Spaghettis in Form einer Doppelhelix (statisch).

Ich halte die zweite Perspektive für unphysikalisch.

Die Physik will die Welt beschreiben.

Aber in der Quantentheorie gibt es nicht-vorhersehbare
Meßwerte von Observablen. Damit sind einer Beschreibung der
Zukunft Grenzen gesetzt. Wir können nicht davon ausgehen,
daß die Zukunft schon existiert und nur noch darauf wartet,
von uns erlebt zu werden. Existenz beruht auf Vereinbarung,
aber die Existenz der Zukunft, kann nicht vereinbart werden,
weil nicht klar ist, /was/ genau da vereinbart werden soll,
weil die Zukunft zum Zeitpunkt der Vereinbarung nicht
bekannt ist (und grundsàtzlich nicht bekannt sein kann).

Wir können die Zukunft nicht beschreiben, weil wir sie nicht
kennen und grundsàtzlich nicht kennen können.

Man könnte sagen, die Zeit sei nur eine Illusion, die Wesen
innerhalb des Universums erfahren, wàhrend bei einer
Betrachtung von außen alles »statisch« sei.

Hingegen würde ich zur Gegenthese neigen: Die Zeit ist eine
objektive Realitàt, und es existiert nur die Gegenwart.

Das wirft natürlich die Frage auf, wie man global, invariant
und unabhàngig von einem Beobachter erklàren soll, was
»gegenwàrtig« ist. Das ist nicht einfach. Vielleicht kann
man erst einmal die Globalitàt fallen lassen und sagen »die
Gegenwart entlang einer Weltlinie«. Dabei muß der Beobachter
aber kein Mensch sein, es beliebiges physikalisches System
reicht - insofern ist dies noch objektiv.

Ich würde also sagen, es gibt nur die Perspektive des Wurms
und nicht die des Vogels. Wir können aus der Wurmperspektive
abstrahieren und die Perspektiven verschiedener Würmer zu
einer größeren Perspektive erweitern, erreichen damit aber
nie die Perspektive eines Vogels.

Die Annahme einer statischen Vogelperspektive erscheint fast
wie ein Abwehrmechanismus, mit dem der Schmerz des Verlusts
der Vergangenheit durch Abstreiten des Vergehens gemildert
werden soll. »Meine Frau ist nicht tot, sie lebt! (Und zwar
in der Vergangenheit.)«

Weltbild A: Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existiert.
Das Vergehen der Zeit ist eine Illusion. Die Frage, was
Gegenwart sei, ist rein subjektiv.

Weltbild B: Die Gegenwart existiert. Die Vergangenheit
existiert nicht mehr, die Zukunft existiert noch nicht.
Tempora mutantur et nos mutamur in illis.
The present now will later be past.

Ein verwandter Punkt ist die Wahrscheinlichkeit. Weizsàcker
war es wohl, der Aussagen über die Zukunft einen anderen
Modus geben wollte, weil diese Wahrscheinlichkeitsaussagen
seien, wàhrend Aussagen über die Vergangenheit wahr oder
falsch sein können. Jedoch können wir aus gegenwàrtigen
Artefakten oft auch nur mit einer gewissen Konfidenz auf
vergangene Ereignisse schließen. Durch Dissipation und
Dekohàrenz wird das meiste davon praktisch unerreichbar.
Insofern können selbst Aussagen über die Vergangenheit
- àhnlich wie die über die Zukunft - oft nur eine gewisse
»Konfidenz« (um nicht zu sagen »Wahrscheinlichkeit«) haben.

Wenn man die Gegenwart als einen Punkt ansieht, dann kann
man allerdings kaum davon sprechen oder etwas vernünftiges
darin tun. Praktisch kann man als »Gegenwart« nàherungsweise
auch ein ausgedehntes Gebildet sehen (wie einen Tag),
innerhalb dessen sich viele relevante Dinge noch nicht
veràndert haben.

»Bob determines that the Langoliers are the timekeepers
of eternity, and that their purpose is to eat what is
left of the past«

http://en.wikipedia.org/w/index.php...id37477579
 

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#1 ram
05/02/2010 - 04:59 | Warnen spam
(Stefan Ram) writes:
Weltbild A: Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existiert.
Das Vergehen der Zeit ist eine Illusion. Die Frage, was
Gegenwart sei, ist rein subjektiv.
Weltbild B: Die Gegenwart existiert. Die Vergangenheit
existiert nicht mehr, die Zukunft existiert noch nicht.
Tempora mutantur et nos mutamur in illis.
The present now will later be past.



Hierzu einmal Tegmark:

»it is arguably more natural to view our universe not
from the frog perspective as a 3-dimensional space where
things happen, but from the bird perspective as a
4-dimensional spacetime that merely is.«

Die beiden englischen Verben »to happen« and »to be« drücken
den Unterschied zwischen beiden Sichtweisen aus, die ich
oben angegeben habe.

Weiter schreibt Tegmark über einen Computer, der unsere Welt
»simulieren« könnte:

»There should therefore be no need for the computer to
compute anything at all - it could simply store all the
4-dimensional data, i.e., encode all properties of the
mathematical structure that is our universe.«

Das wàre dann die tatsàchliche Existenz von allem, was je
existiert hat und existieren wird in Form von Daten, also
Zustànden von Systemen in der simulierenden Welt - wobei
man, wenn man so spricht, viel von der Struktur unserer Welt
(Daten, Speicherung, ...) als »Voruteile« auf die Struktur
der simulierenden Welt übertràgt. Weiter Tegmark:

»Individual time slices could then be read out
sequentially if desired, and the "simulated" world
should still feel as real to its inhabitants as in the
case where only 3-dimensional data is stored and evolved«

Und hier beginnt diese Erklàrung ihre Probleme zu zeigen.
Wenn Tegmark zeitfrei beschreiben will, woher kommt dann auf
einmal der dynamische Akt des Auslesens in der simulierenden
Welt? Aber das Entscheidende kommt dann:

»the "simulated" world should still
feel as real to its inhabitants ...«

Wenn irgendwo in einer simulierenden Welt irgendwelche Daten
statisch gespeichert sind, warum sollte sich das dann für
irgendjemanden irgendwie anfühlen?

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