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Der Klassen-Kampf

22/10/2015 - 21:48 von WM | Report spam
Im Sommer 1972 herrschte noch Optimismus in Sachen Mengenlehre. "Bei
uns làuft es", ließ ein Westberliner Oberschulrat nach den großen
Ferien den Reporter einer Wochenzeitung wissen: "Die Sorge der Eltern
ist weg, die Skepsis der Lehrer ist vorbei, die Freude überwiegt."
Bald aber mehrten sich kritische Stimmen und schlechte Nachrichten,
und nach einem Jahrzehnt war der Versuch, die Grundlagen der modernen
Mathematik in Gestalt von Wollfàden und Pappkàrtchen schon
Grundschülern einzublàuen vorbei - ein bildungspolitisches Fiasko, das
bis heute nachwirkt.
Angefangen hatte alles hundert Jahre früher an der Universitàt Halle.
Hier wirkte seinerzeit der junge Mathematiker Georg Cantor, der
zwischen 1874 und 1884 ein imposantes Theoriegebàude auftürmte: die
Mengenlehre.
Unter seinen in- und auslàndischen Mathematikerkollegen erntete
Cantors Konzept viel Zustimmung, löste aber auch heiße Diskussionen
und teilweise wüste Polemiken aus - unter anderem wurde er als
"Verderber der Jugend" gebrandmarkt. Derart geschmàht, erkrankte der
Gelehrte im Alter an manischen Depressionen und starb 1918 im
Sanatorium.
In den 1960er Jahren hielt die Einzug an den Schulen Amerikas. Der
Sputnik-Schock von 1957 setzte in den USA allerlei bildungspolitische
Reformen in Gang; eine davon war die "New Math", die mit den
Grundprinzipien der Mengen- und der Zahlentheorie ins Fach einführte.
Doch schon 1962 protestierten 64 Experten in einem offenen Brief gegen
solche reformerischen Lehrplàne [...] Die öffentlichen Debatten, bald
als "Math Wars" bezeichnet, machten der Neuen Mathematik schwer zu
schaffen, und in den frühen Siebzigern war sie in den USA so gut wie
tot. [...] Dann kamen im Februar 1972 tatsàchlich die ersten
Horrormeldungen - aus Frankreich, das die Mengenlehre im Jahr zuvor
eingeführt hatte. Gleich sieben Lehrer, schrieb das Magazin
"L'Express", hàtten als Reaktion auf den neuen Lehrstoff Selbstmord
verübt. Und bei einem Treffen der Académie des Sciences brüllten sich
die anwesenden Mathematiker so laut an, dass die Saaldiener die Türen
schließen mussten. [...] "Ein ordnungsgemàßer Mathematikunterricht
findet an vielen Schulen nicht mehr statt" zürnte der Vorsitzende des
Deutschen Lehrerverbandes: "Lehrer unterrichten mit dem Mut der
Verzweiflung."
Skepsis herrschte auch unter den Fachdidaktikern, ganz zu schweigen
von den Forschern: An der mathematischen Eliteuniversitàt Bonn wurde
die Grundschul-Mengenlehre als "Kartoffelkunde" verspottet.
Das Wendejahr war 1974. "Macht Mengenlehre krank?", fragte der SPIEGEL
in einer Titelgeschichte am 25. Màrz und rang sich zu einer
halbherzigen Verteidigung des Faches durch. Das wurde zu diesem
Zeitpunkt aber bereits Schritt für Schritt demontiert: In NRW und
Baden-Württemberg galten Hausaufgabenverbote, in Schleswig-Holstein
durfte Cantors Theorie gerade einmal 15 Prozent des
Mathematikunterrichts füllen.
Nach langer Agonie kam 1984 das Ende. "Die umstrittene Mengenlehre
verliert ihren Schrecken", meldete der SPIEGEL im November, nachdem
NRW-Kultusminister Hans Schwier (SPD) seinen Grundschulen den Verzicht
auf Sprache und Symbolik befohlen hatte. Schwiers Stuttgarter CDU-
Kollege Gerhard Mayer-Vorfelder freute sich von ganzem Herzen über
"das Aus für den pseudowissenschaftlichen Klimbim". In den übrigen
Bundeslàndern kam es zu ganz àhnlichen Regelungen.
Woran scheiterte die neue Mathematik? War es die mangelnde
Koordination der Lehrplàne? Das Unverstàndnis vieler Lehrkràfte für
abstraktes Denken? Oder mögen Kinder das Zàhlen einfach lieber als das
Ordnen oder gar Unterordnen? Tröstlich bleibt, dass die Katastrophe
nur die vereinfachte Variante der Mengenlehre traf; die
wissenschaftliche Version gehört nach wie vor zum Lehrstoff der
Gymnasien. {{Tröstlicher wàre das Umgekehrte.}}
[Ralf Bülow: "Der Klassen-Kampf", einestages.spiegel (gekürzt)]

Gruß, WM
 

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#1 Rudolf Sponsel
22/10/2015 - 23:04 | Warnen spam
Am 22.10.2015 um 21:48 schrieb WM:

Im Sommer 1972 herrschte noch Optimismus in Sachen Mengenlehre. "Bei
uns làuft es", ließ ein Westberliner Oberschulrat nach den großen
Ferien den Reporter einer Wochenzeitung wissen: "Die Sorge der Eltern
ist weg, die Skepsis der Lehrer ist vorbei, die Freude überwiegt."
Bald aber mehrten sich kritische Stimmen und schlechte Nachrichten,
und nach einem Jahrzehnt war der Versuch, die Grundlagen der modernen
Mathematik in Gestalt von Wollfàden und Pappkàrtchen schon
Grundschülern einzublàuen vorbei - ein bildungspolitisches Fiasko, das
bis heute nachwirkt.
Angefangen hatte alles hundert Jahre früher an der Universitàt Halle.
Hier wirkte seinerzeit der junge Mathematiker Georg Cantor, der
zwischen 1874 und 1884 ein imposantes Theoriegebàude auftürmte: die
Mengenlehre.
Unter seinen in- und auslàndischen Mathematikerkollegen erntete
Cantors Konzept viel Zustimmung, löste aber auch heiße Diskussionen
und teilweise wüste Polemiken aus - unter anderem wurde er als
"Verderber der Jugend" gebrandmarkt. Derart geschmàht, erkrankte der
Gelehrte im Alter an manischen Depressionen und starb 1918 im
Sanatorium.
In den 1960er Jahren hielt die Einzug an den Schulen Amerikas. Der
Sputnik-Schock von 1957 setzte in den USA allerlei bildungspolitische
Reformen in Gang; eine davon war die "New Math", die mit den
Grundprinzipien der Mengen- und der Zahlentheorie ins Fach einführte.
Doch schon 1962 protestierten 64 Experten in einem offenen Brief gegen
solche reformerischen Lehrplàne [...] Die öffentlichen Debatten, bald
als "Math Wars" bezeichnet, machten der Neuen Mathematik schwer zu
schaffen, und in den frühen Siebzigern war sie in den USA so gut wie
tot. [...] Dann kamen im Februar 1972 tatsàchlich die ersten
Horrormeldungen - aus Frankreich, das die Mengenlehre im Jahr zuvor
eingeführt hatte. Gleich sieben Lehrer, schrieb das Magazin
"L'Express", hàtten als Reaktion auf den neuen Lehrstoff Selbstmord
verübt. Und bei einem Treffen der Académie des Sciences brüllten sich
die anwesenden Mathematiker so laut an, dass die Saaldiener die Türen
schließen mussten. [...] "Ein ordnungsgemàßer Mathematikunterricht
findet an vielen Schulen nicht mehr statt" zürnte der Vorsitzende des
Deutschen Lehrerverbandes: "Lehrer unterrichten mit dem Mut der
Verzweiflung."
Skepsis herrschte auch unter den Fachdidaktikern, ganz zu schweigen
von den Forschern: An der mathematischen Eliteuniversitàt Bonn wurde
die Grundschul-Mengenlehre als "Kartoffelkunde" verspottet.
Das Wendejahr war 1974. "Macht Mengenlehre krank?", fragte der SPIEGEL
in einer Titelgeschichte am 25. Màrz und rang sich zu einer
halbherzigen Verteidigung des Faches durch. Das wurde zu diesem
Zeitpunkt aber bereits Schritt für Schritt demontiert: In NRW und
Baden-Württemberg galten Hausaufgabenverbote, in Schleswig-Holstein
durfte Cantors Theorie gerade einmal 15 Prozent des
Mathematikunterrichts füllen.
Nach langer Agonie kam 1984 das Ende. "Die umstrittene Mengenlehre
verliert ihren Schrecken", meldete der SPIEGEL im November, nachdem
NRW-Kultusminister Hans Schwier (SPD) seinen Grundschulen den Verzicht
auf Sprache und Symbolik befohlen hatte. Schwiers Stuttgarter CDU-
Kollege Gerhard Mayer-Vorfelder freute sich von ganzem Herzen über
"das Aus für den pseudowissenschaftlichen Klimbim". In den übrigen
Bundeslàndern kam es zu ganz àhnlichen Regelungen.
Woran scheiterte die neue Mathematik? War es die mangelnde
Koordination der Lehrplàne? Das Unverstàndnis vieler Lehrkràfte für
abstraktes Denken? Oder mögen Kinder das Zàhlen einfach lieber als das
Ordnen oder gar Unterordnen? Tröstlich bleibt, dass die Katastrophe
nur die vereinfachte Variante der Mengenlehre traf; die
wissenschaftliche Version gehört nach wie vor zum Lehrstoff der
Gymnasien. {{Tröstlicher wàre das Umgekehrte.}}
[Ralf Bülow: "Der Klassen-Kampf", einestages.spiegel (gekürzt)]

Gruß, WM



Danke, sehr interessant. Dieses Ausmaß kannte ich noch nicht. Da werde
ich wohl meine Chronologie zum Grundlagenstreit ergànzen müssen:
http://www.sgipt.org/wisms/geswis/m...m.htm#1968

Vielleicht kannst Du auch mal eine der größten Luftnummern der ML, den
Popanz mit "abzàhlbar" aufgreifen. Es ist mir bis jetzt nicht gelungen,
herauszufinden, wozu man diesen Begriff braucht. Ich sehe darin nur ein
anderes Wort für zàhlen. Oder gibt es etwas, das abzàhlbar ist, aber
nicht gezàhlt werden kann?

Gruß: Rudolf

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