Ein Ooops (mit Folgen?)

17/12/2007 - 09:53 von Martin J | Report spam
Hallo Gemeinde,

eine Warnung als erstes: làngliche Schilderung der Reparatur eines
Hifi-Geràts mit folgendem Ooops folgt... wen sowas langweilt,
nàchstes Posting lesen.

Vor einiger Zeit habe ich mir in der Bucht einen gut erhaltenen
Yamaha-Receiver CR-1020 geschossen. Das ist eine (fast-) TOTL-Geràt
der Jahre 1977-79 und in meinen Augen durchaus erhaltenswert
(4-fach Drehko-Tuner, genug Leistung, Echtholz-Gehàuse, wertiger Aufbau).

Wie das nach knapp 30 Jahren so ist, hat die Kiste die eine oder andere
Macke. Kratzstörungen waren mit einer Tuner-600 Anwendung zu beheben,
der Bias der Endstufe wurde eingestellt, die Birnchen erneuert usw. Leider
gab es nach wie vor sporadische Ausfàlle, die nach Hinweisen in einem
einschlàgigen Forum auf das Netzteil zurückzuführen sind. Tipps in
Form eines originalen Service-Bulletins von Yamaha zum Thema gabs auch.

Also habe ich mir eine große Tüte nagelneuer 105 Grad-Elkos von Rubycon
bestellt und losgelegt. Die Austauscherei von ca. 110 Elkos ging
recht problemarm, wenn auch mit viel Gefummel verbunden, da man die
Kiste ziemlich zerlegen muss. Irgendwann war mein Pàckchen leer
und die Tüte mit Alt-Teilen voll, dann ging es an das Zusammenbauen.
Auch das ging problemarm, die Versorgungsspannung-Anschlüsse der
Baugruppen wurden auf Kurzschlüsse durchgemessen und schliesslich
mit erwartungsvoller Spannung der Netzschalter betàtigt.

Ein Klick, die Làmpchen gehen an, nach ca. 2s klickt auch das
Schutzrelais der Lautsprecher, was will man mehr. Kurz mal die
stabilisierten Spannungen gemessen, alles im grünen Bereich.
Zwei 6 Ohm-Lastwiderstànde an den Ausgang angeschlossen, 1000Hz-Sinus
auf den Eingang, mal sehen, was der Oszi sagt. Ein bildschöner
Sinus am Ausgang, bei ca 35Vss beginnt die untere Halbwelle zu klippen.

35Vss? An 6 Ohm (ich hab halt zwei dicke 6Ohm-R...)? Bisschen wenig,
das sind gerade mal 25 Watt... die Kiste sollte an 6 Ohm minimal
100W/Kanal bringen.

Hmmm... messen wir mal die Versorgungsspannung. Naja, ca. 2Vss Ripple
auf der Versorgung des Endverstàrkers bei Vollast, ist ja ok. Spannung
an UB+ und UB- der Endstufe +88V bzw. -89V.

WIEVIEL?

+88 bzw. -89V... Notaus.


Dascha man bisschen viel, oder? Wo kommt das denn her? Spannungsregler steht
auf 230V... Kurz eingeschaltet, Spannung an den Trafoanschlüssen gemessen,
da stehen 2 x 35V an (klassische Schaltung mit Brückengleichrichter und
Mittenanzapfung). Spannung an den beiden Elkos je knapp 90V. Ooops, das
sind 15.000yF-63V Typen...

Kopfkratzen...

Ok, alles ablöten, bis man die Netzteilplatine nackt in der Hand hat.
Da sind jetzt nur noch drei Kabel angeschlossen, die 2x35V des Trafo und
die Mittenanzapfung. Einschaltet, im Leerlauf knapp +/- 95V auf den Ladeelkos.

WTF!

Ok, wir werfen einen genaueren Blick ins Schaltbild... Sieh da, der Lötkünstler
(ich) hat sich vertan. Der Trafo hat zwei Sekundàrwicklungen, eine davon die
Versorgung der Endstufen mit Mittenanzapfung. Die andere hat keine, es sind zwei
blaue Kabel. Die Endstufenwicklung hat zwei rote Kabel (die beiden àusseren
Anschlüsse) und ein schwarzes (die Mittenanzapfung). Diese fünf Kabel kommen
aus einem Isolierschlauch heraus, die (dickeren) roten bzw. das schwarze kommen
an drei Lötösen oben an der Platine, die beiden anderen an zwei andere Lötösen.
Die Kabel sind recht knapp bemessen, sie sind unterschiedlich abgelàngt und
passen recht gut in der Reihenfolge rot (ganz kurz), rot (kurz) und schwarz (etwas
lànger) an die drei Lötösen an der Platine.

Dumm, daß man sie in der Reihenfolge schwarz, rot, rot anlöten muß, was mit etwas
zerren auch geht. Kaum macht man es richtig, schon liegen an den Ladeelkos die
erwarteten 50V an und alles ist glücklich. Jetzt gehen beide Endstufen bis
ca. 80Vss, ehe sie anfangen zu klippen, was etwa 130W entspricht... ich kann
keinen THD messen, sondern nur Oszi-Bilder betrachten, die Leistung entspricht
aber den angegebenen Daten.

Was mich wundert: die beiden Ladeelkos sind für ein paar Minuten satt überlastet
worden, ca 50% Überspannung. Beide wurden dabei leicht warm (ca 40 Grad). Die
Gleichrichter-Dioden im Netzteil und die Endstufen haben die Sache offenbar (*) gut
überstanden, es hat weder Treiber noch Endstufen-Transistor gefatzt. Der ganze
Rest des Geràts hàngt stabilisiert an einer eigenen Trafowicklung, hat also nichts
abbekommen.

Moral: gerade bei solchen kritischen Anschlüssen sollte man sich nicht vom Augenschein
tàuschen lassen, sondern nachsehen (und über die Schaltplan-Angaben nachdenken), bevor
man Saft drauf gibt. Man könnte natürlich auch vor dem Einschalten die Verkabelung
anhand der reichlich vorhandenen Bilder vor der Zerlegung überprüfen...


Martin



(*) Eine der beiden Endstufen hat keinen Ruhestrom durch die End-Transistoren. Laut
Servicemanual soll man zwischen Emitter des "oberen" Leistungs-Transistor und
dem Lautsprecherausgang (sprich: über dem 0.47Ohm-Emitterwiderstand des "oberen"
Transistors) eine Spannung von 10mV messen bzw. einstellen. Das geht bei einem
Kanal pràchtig, beim anderen gar nicht... da misst man 0.0mV. Ich hab also noch
etwas Arbeit, bevor ich die Kiste zuschrauben kann... Gehen tut die
Endstufe, man sieht auch keine offensichtlichen Übernahme-Verzerrungen. Genaueres
ist mangels THD-Meter nicht machbar.
 

Lesen sie die antworten

#1 Marcel Müller
17/12/2007 - 10:16 | Warnen spam
Hallo,

Martin J schrieb:
Also habe ich mir eine große Tüte nagelneuer 105 Grad-Elkos von Rubycon
bestellt und losgelegt.



für HiFi (ohne Class-D) ist 105° eigentlich völlig unnötig. (Es schadet
natürlich nicht.)

Was mich wundert: die beiden Ladeelkos sind für ein paar Minuten satt überlastet
worden, ca 50% Überspannung. Beide wurden dabei leicht warm (ca 40 Grad).



Kurzzeitig passiert da meist nichts. Aber wenn Du ihnen ein wenig Zeit
gibst und sie sich weiter erwàrmen, kommt der Sylversterknall schon.

Die
Gleichrichter-Dioden im Netzteil und die Endstufen haben die Sache offenbar (*) gut
überstanden, es hat weder Treiber noch Endstufen-Transistor gefatzt. Der ganze
Rest des Geràts hàngt stabilisiert an einer eigenen Trafowicklung, hat also nichts
abbekommen.



Das mit den Endstufen wundert mich auch etwas. Das scheint wohl noch
solide alte Technik zu sein. Mit so einem Manöver landet man zumindest
unter Last schnell mal in der Second-Breakdown-Area der Endtransistoren.


(*) Eine der beiden Endstufen hat keinen Ruhestrom durch die End-Transistoren. Laut
Servicemanual soll man zwischen Emitter des "oberen" Leistungs-Transistor und
dem Lautsprecherausgang (sprich: über dem 0.47Ohm-Emitterwiderstand des "oberen"
Transistors) eine Spannung von 10mV messen bzw. einstellen. Das geht bei einem
Kanal pràchtig, beim anderen gar nicht... da misst man 0.0mV.



Da ist sicher etwas faul. Vielleicht ist der Làngsstrom durch die
Ruhestromregelung dabei doch etwas großzügig geraten.

Ich hab also noch
etwas Arbeit, bevor ich die Kiste zuschrauben kann... Gehen tut die
Endstufe, man sieht auch keine offensichtlichen Übernahme-Verzerrungen. Genaueres
ist mangels THD-Meter nicht machbar.



Die Ohren und ein brauchbarer Mitteltöner oder Breitbànder sollten es
für den Hausgebrauch tun. Die eckigen Verzerrungen ohne Ruhestrom kann
man eigentlich ganz gut hören.


Marcel

Ähnliche fragen