Einsteiger-Erfahrungen mit Linux

17/04/2011 - 23:06 von Manuel Rodriguez | Report spam
Als Neueinsteiger in das Linux-Betriebssystem wollte ich mal kurz
meine persönlichen Erfahrungen mit dem System schildern, um andere zu
ermutigen ebenfalls den Schritt zu wagen der Microsoft-Welt komplett
Lebewohl zu sagen um fortan in einer heileren Welt zu leben.
Angefangen hat es bei mir, wie so oft, mit dem Kauf eines neues
Stückes Hardware: konkret einea Laptop. Da ist die Auswahl schier
grenzenlos und man liest ja so allerhand über Preise, Reklamationen,
abgestürzte Software und von Leasing-Vertràgen, die mit Blut signiert
wurden. Auf alle Fàlle sollte das gute Stück möglichst preiswert sein,
und was liegt da nàher als auf ein Sonderangebot mit vorinstalliertem
Linux zurückzugreifen. Ein bischen Ahnung hatte ich zum Glück schon,
dennoch war es ein Wagnis so ganz ohne Microsoft. Man braucht schon
ein bischen Mut um selbstbewusst ein nacktes Stück Laptop nur mit Suse
bekleidet zu erwerben.

Gesagt getan, und ich wurde nicht enttàuscht. Na ja, Suse ist nicht
unbedingt der Hit. Also erstmal Ubuntu installiert. Und voila, meine
schlimmsten Albttràume wurden wahr: plötzlich ging die Hardware nicht
mehr, der Bootloader wurde überschrieben, die WLAN-Karte war nicht
mehr online und der Zugang zum Internet komplett weg. "Hàtte ich doch
nur WIndows 7... " schoss es mir eine zehntel-Sekunde durch den Kopf.
Die Frustphase war allerdings nur kurz: einfach das traditionelle
Kabel (RJ45) Stecker an den Laptop angeschlossen und schon war auch
wieder Internet da. "Und der WLAN-Treiber?". Alles halb so schlimm,
einfach Ubuntu auf die neueste Version geupdatet und schon war der
Treiber wieder da. Mit ein bischen Suchen ging dann auch wieder der
Bootloader.

So ein bischen Nervenkitzel gleich am Anfang ist wohl der Preis dafür,
wenn man OpenSource einsetzt. Danach wurde ich allerdings doppelt
entschàdigt. Denn Ubuntu hat standardmàßig ein Flash-Plugin dabei, was
richtig gut Dampf macht. Ich also erstmal das gemacht, wofür ein
Laptop gebaut wurde: Musikvideos auf tape.tv geschaut. Die kommen
richtig fett in HD Breitbild auf den Monitor, dank der externen
Aktivlautsprecher auch mit sehr guter Soundqualitàt. Na gut, daß liegt
jetzt nicht unbedingt an Linux, daß die Musikvideos so geil sind --
aber immerhin stört der Kernel auch nicht groß, wenn ich meiner
einzigen Leidenschaft fröne. Ich schalte nachmittags so gegen 6
tape.tv ein und lasse dass dann laufen. So gegen Mitternacht sitze ich
immernoch vor der Scheibe, und hab mindestens 300 Videos gesehen.
Vielleicht auch mehr, weil ich ein paar übersprungen habe.

Wàhrenddessen ist die Prozessorauslastung natürlich auf Maximum und
der Lüfter röhrt auf volle Pulle. Na ja, Flash frist wohl ordentlich
CPU, und ich habe immerhin Dual-Core. Aber was solls, was tut man
nicht alles für 720p Medien...

Nachdem ich mich ausgiebigst an Britney Spears, Rihanna und Coldplay
satt gesehen habe, konnte ich nicht wiederstehen mir ein kleines Spiel
runterzuladen. Die Anleitung dazu habe ich unter ubuntuusers.de
gefunden. Konkret meine ich natürlich "Command & Conquer -- Red Alert
1". Bevor es allerdings lief, habe ich mein Wissen über die Dosbox auf
den neuesten Stand gebracht. Na ja, eigentlich habe ich nur die
Befehle aus der Anleitung 1:1 in meinen Rechner getippt ohne genau zu
wissen was imgmount d /opt/redalert/iso ... -t iso usw. eigentlich
bedeutet. Scheiß egal, nach einer halben Stunde war C&C voll
installiert und ich konnte beginnen, den Weltfrieden zu sichern.
Soviel Spaß hatte ich lange nicht mehr am PC, die Zeischensequenzen
sind gut (für ein DOS-Spiel) und jetzt bin ich schon im 5. Level und
muss da noch eine Basis platt machen.

Wieder lag der Fun-Faktor nicht unbedingt in den Hànden von Linus
Torvalds aber immerhin ist sein Betriebssystem so gut, daß ich
ungestört mein Tiberium einsammeln kann und mit den Panzern schön über
Zivilisten drüberfahren darf.

Und nachdem auch die Spieleebene durch war konnte ich der Versuchung
nicht wiederstehen ein bischen Apple-Feeling aufkommen zu lassen. Dazu
habe ich mit "sudo apt-get install wine" erstmal den Windows-Emulator
klar gemacht und anschließend das neueste iTunes auf meinen Rechner
installiert. Wieder war das nicht unbedingt die reine Lehre in Sachen
freier Software aber dafür habe ich jetzt ein lauffàhiges iTunes auf
meinem PC und kann schön durch iTunes U stöbern. Leider geht nur
Audio, kein Video -- aber das ist wohl der Preis für Freiheit. Kaufen
werde ich bei diesem Saftladen ganz bestimmt nicht, wo ich doch
tape.tv habe wàhr ich ja auch schön blöd.

Vermissen tue ich mit Linux eigentlich nichts, alles làuft perfekt und
jeden Morgen beim Hochfahren werden vollautomatisch die Updates
eingespielt. Gleichzeitig bin ich absolut gegen Trojaner geschützt und
freue mich schon auf Ubuntu 11.04. Ich brauch dann nur auf Upgrade
klicken und kriege völlig kostenfrei die nàchste Version. So
unabhàngig von den raffgierigen Softwareproduzenten (Microsoft und
Apple) habe ich mich selten gefühlt. Klar, es gibt auch
Schwachstellen: den kleinen Frustfaktor mit dem WLAN-Treiber hab ich
oben ja schon erwàhnt. Weiterhin kann ich mich bei tinychat.com nicht
einklinken (zuschauen geht, nur wenn ich meine Webcam aktivieren will
kommt so eine blöde Flash-Box). Aber Schwamm drüber, die wichtigsten
Webseiten wie Wikipedia, Youtube, Tape.tv, myvideo und
arbeitsagentur.de laufen perfekt und Langeweile kommt dank der vielen
Spiele auch nicht auf.

Verbesserungsmöglichkeiten sehe ich bei Ubuntu eigentlich keine, so
wie es heute ist, ist es perfekt. Und die kleinen Màngel die noch drin
sind liegen nicht an Ubuntu, sondern an den Hardware-Herstellern, die
einen Anti-Linux-Kurs fahren. Letztlich hat sich der Umstieg auf Linux
gelohnt, weil ich:

1.) Sehr viel Geld fürs Betriebssystem und teure Zusatzsoftware
gespart habe
2.) In der Community extrem paranoide Leute wohnen, die überall
Verschwörungen wittern, den NSA sowie versteckte Schadsoftware und
deshalb alles selbst kompilieren. Das macht Ubuntu so schön sicher.
Ich habe vollstes Vertrauen.
3.) Durch die zahlreichen Emulatoren (dosbox, wine, Android-SDK) die
meisten guten Programme ebenfalls lauffàhig sind. Ich hab grad neulich
so eine Webseite mit alten DOS-Games gefunden, da gibt es eine
Streetfighter II Demo, die lad ich mir bald mal runter.
4.) Dank Flash 90% der Internetseiten funktionieren, inklusive der
Livestreams der großen Fernsehanstalten wie n-rv, n24, bbc world news
usw.

Allerdings hatte ich anfangs schon Bedenken. Immerhin gilt Linux
gemeinhin als schwer zu durchschauen, kompliziert zu installieren und
bei Problemen muss man immer auf der Kommandozeile irgendwelche sudo
Befehle eintippen oder die IRQs der externen Geràte manuell
einstellen. Der große Vorteil ist jedoch, dass man niemals komplett
ohne System dastehen kann. Egal wie blöd man sich anstellt, mit einer
Standard-Ubuntu-CD kriegt man jeden Laptop wieder online. Im
schlimmsten Fall steckt man ihn per Kabel an den Router und muss
vielleicht das neueste Update manuell einspielen, aber beides ist
schnell erledigt. Wichtig ist, dass man genügend Vertrauen in das
System hat und mutig auf die OpenSource Jungs vertraut. Das sind zwar
manchmal ziemlich abgedrehte Typen darunter (einige sind ideologisch
vorbelastet) aber dafür làuft die Software meist irgendwann. Und die
Installtion von komplexen Programmen wie LaTeX geht mit einem simplen
Befehl völlig im Batch-Betrieb. Ich hab einfach die Full-Version
installiert und Ubuntu hat mal ebenso 1 GB an Daten auf meinen Rechner
runtergeschaufelt, ohne dass ich zwischendurch nochmal irgendwas
bestàtigen musste. Ich kenne noch die Zeiten als ich unter Windows
LaTeX installiert habe -- das war damals sehr sehr umstàndlich. Ich
glaube, damals musste man auf die Webseite von MikTeX klicken, dort
durch irgendwelche Anleitungen durchscrollen um sich dann irgendwas
manuell runterzusaugen. Na ja, die gute alte Zeit.

Aber am meisten hat mir der Sicherheitsaspekt von Linux gefallen.
Gerade als Einsteiger habe ich von Security im Grunde keine Ahnung.
Das heißt, ich bin zu einem bestimmten Punkt auf andere angewiesen.
Gerade weil ich keine Zeit habe, mich in C umfangreich einzuarbeiten
muss ich einfach darauf vertrauen was die Programmierer gottàhnlich so
programmieren. Und dieses Vertrauen habe ich einfach nicht. Ich
unterstelle der Linux-Community einfach mal, dass dort mindestens
genauso viele Schwerverbrecher, Virenschreiber und Cyberkriminelle
hausen, wie im richtigen Leben auch. Seid mal ehrlich, jeder zweite
von Euch würde am liebsten die Weltherschaft übernehmen und dazu
meinen Rechner ausspionieren um sàmtliche Kreditkarten-PINs
abzugreifen oder meine Webcam heimlich anzapfen. Und gerade weil ich
keine Ahnung von Source-Code habe wittere ich überall Gefahr. Aber
wenigstens kann ich bei steigendem Wissensstand auch einen größeren
Bereich des Betriebssystems selbst inspizieren. Und sollte ich
irgendwas finden -- und ich werde ganz genau hinschauen -- so werde
ich das ganz gewiss der Presse melden. Und dann gnade Euch Gott!
Bisher habe ich allerdings noch nichts gefunden und mir bleibt daher
nichts anderes zu tun als zu sagen "Herzlichen Glückwunsch zu dem
tollen OS, und vielen Dank dafür".

So ist Linux deshalb das bessere System, weil ich einen Verdacht je
nach meinem aktuellen Wissensstand tatsàchlich nachgehen kann. Das
heißt ich kann meine gesteigerte Paranoia in konkretes Handeln
umsetzen. Wenn ich beispielsweise im Kernel dem Bereich iptables nicht
vertraue, dann kann ich meine gesammte Energie darauf verwenden und
den Verdacht entweder bestàtigen oder wiederlegen. Das geht nur bei
OpenSource, bei Closed Source gibt es irgendwo eine verschlossene Tür
wo ich nicht durch kann.

Aber die meiste Zeit des Tages benutze ich meinen frischen Laptops als
Anti-Langeweile-Maschine und höre mir irgendwelche Audiocasts aus dem
WWW an. Auch dabei stört Linux nicht groß und làßt mir genügend
Freiraum meinen Hobbys nachzugehen. Und davon sind die meisten
außerhalb der Informatik angesiedelt. Beispielsweise interessiere ich
mich für Windràder, für Konsumkritik, für Steampunk oder für russische
Schlafmaschinen.

Gute Nacht, und good by.

Danke fürs Lesen.

Grüße an: Hannah, Erich, Uwe, Richie, den Bundeswettbewerb Informatik,
meinen Fallmanager, die Tafel, und an die netten Màdels bei
Chatroulette, die mich nach exakt einer Milisekunde wegklicken weil
sie nur auf schwule Mànner stehen.
 

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#1 Burkhard Müller
18/04/2011 - 00:47 | Warnen spam
*Manuel Rodriguez* wrote:
Als Neueinsteiger in das Linux-Betriebssystem wollte ich mal kurz
meine persönlichen Erfahrungen mit dem System schildern, um andere zu
ermutigen ebenfalls den Schritt zu wagen der Microsoft-Welt komplett
Lebewohl zu sagen um fortan in einer heileren Welt zu leben.



Nimm's nicht persönlich - aber die letzten acht Wörter dieser Einleitung
haben mich davon abgehalten, den Rest komplett zu lesen. Ich hab's kurz
überflogen und kann dir zustimmen. Aber ein Dogmatismus á la "Windows
ist böse" ist nicht mein Ding.

2cent, BM

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