Entscheidungsmethoden (Bundestagswahl)

05/09/2013 - 11:10 von Ralf . K u s m i e r z | Report spam
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Moin!

Nach meiner persönlichen Einschàtzung wird die Bundestagswahl mit
absteigender Wahrscheinlichkeit eines der folgenden Ergebnisse für die
Regierungsbildung haben:

1. Große Koalition (CDU/CSU/SPD)
2. Schwarz-gelb (CDU/CSU/FDP)
3. Rot-rot-grün (SPD/Grüne/Linke)
4. Rot-grün (SPD/Grüne)
5. Neuwahlen

Nun sollte der gemeine Wàhler ja nicht unbedingt stumpf die Partei
seiner Pràferenz wàhlen, sondern verantwortungsbewußt aufs vermutliche
Ergebnis schauen und deswegen strategisch wàhlen, also so, daß die
Wahrscheinlichkeit für das mögliche Ergebnis nach seinem Wunsch
maximiert wird. (Als Beispiel war es für Anhànger der
McAllister-Regierung in Niedersachsen sinnvoll, FDP zu wàhlen, damit
die schwarzgelbe Koalition eine Parlamentsmehrheit bekommt, und das
haben sie dann auch getan, und beinahe erfolgreich, es fehlten nur
eine Handvoll Wàhlerstimmen.)

Meine Frage wàre jetzt, wie man eigentlich systematisch zu einer
Entscheidung kommt, die für das gewünschte Ziel die höchste
Realisierungswahrscheinlichkeit verspricht (wobei es wohl auch noch
ein Unterschied ist, ob man das Wunschergebnis befördern oder den
schlimmstmöglichen Ausgang verhindern möchte).

Meine Parteipràferenz zu kennen nützt mir dabei wenig. (Wobei ich
durchaus eine bzw. eine Rangordnung habe. Ich habe dann übrigens mal
den Wahl-o-mat benutzt (der fragt inhaltliche Pràferenzen zu einigen
politischen Themen ab und vergleicht auf Übereinstimmung mit den
programmatischen Absichten der einzelenen Parteien) und, für mich
verblüffenderweise, unter sieben Parteien genau die Rangordnung der
inhaltlichen Pràferenzen ausgeworfen erhalten, die ich subjektiv, wenn
ich meine Pràferenzordnung anzugeben gehabt hàtte, auch angegeben
hàtte. Insofern orientiere ich mich offenbar nicht alleine am
Gesichtsausdruck auf Wahlkampfpkakaten oder tagespolitischen
Aufregern, sondern tatsàchlich an inhaltlichen Positionen - danke,
Wahl-o-mat!)

Für dieses Entscheidungsproblem gibt es unterschiedliche Sichtweisen:

A) Es ist sowieso egal - auf meine eine Stimme wird es ganz bestimmt
nicht ankommen. Ich kann also genauso gut nicht an der Wahl
teilnehmen.
B) Man kann - s. Niedersachsen - das Wahlergebnis ganz wesentlich
dadurch beeinflussen, daß man das Entscheidungsproblem öffentlich
bekannt macht und dadurch viele Wàhler dazu bringt, über die Folgen
der konkreten Stimmabgabe nachzudenken. Dadurch geht das vermutete
strategische Verhalten der anderen Wàhler aber ganz entscheidend als
Voraussetzung in das Entscheidungsproblem ein.

Verkompliziert wird die Geschichte auch noch dadurch, daß es für drei
Parteien (FDP, AfD und Piraten) unsicher bzw. fraglich ist, ob sie die
5-%-Hürde schaffen und überhaupt ins Parlament kommen. Und das ist
kritisch: Unabhàngig von der individuellen Pràferenz ist es unsinnig,
eine Partei zu wàhlen, von der man annimmt, daß sie das Quorum nicht
erreichen wird - andersherum ist es àußerst sinnvoll, eine
"gefàhrdete" Partei zu wàhlen, wenn deren Einzug in den Bundestag für
die gewünschte Regierungspràferenz notwendig ist.

Ja, wie kann bzw. muß man sich also für jeweils unterschiedliche
Pràferenzen verhalten, d. h. wie löst man eine solche
Entscheidungfindungsaufgabe eigentlich?


Gruß aus Bremen
Ralf
R60: Substantive werden groß geschrieben. Grammatische Schreibweisen:
adressiert Appell asynchron Atmosphàre Autor bißchen Ellipse Emission
gesamt hàltst Immission interessiert korreliert korrigiert Laie
nàmlich offiziell parallel reell Satellit Standard Stegreif voraus
 

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#1 Helmut Richter
05/09/2013 - 16:26 | Warnen spam
On Thu, 5 Sep 2013, Ralf . K u s m i e r z wrote:

Verkompliziert wird die Geschichte auch noch dadurch, daß es für drei
Parteien (FDP, AfD und Piraten) unsicher bzw. fraglich ist, ob sie die
5-%-Hürde schaffen und überhaupt ins Parlament kommen. Und das ist
kritisch: Unabhàngig von der individuellen Pràferenz ist es unsinnig,
eine Partei zu wàhlen, von der man annimmt, daß sie das Quorum nicht
erreichen wird - andersherum ist es àußerst sinnvoll, eine
"gefàhrdete" Partei zu wàhlen, wenn deren Einzug in den Bundestag für
die gewünschte Regierungspràferenz notwendig ist.



Es ist richtig, dass die 5%-Hürde gemeinam mit taktischen Überlegungen der
Wàhler das Wahlergebnis beliebig verfàlschen kann. Wozu die 5%-Hürde gut
sein soll, erschließt sich mit nicht. Wikipedia meint:

Die Einführung der Fünf-Prozent-Hürde wurde in der Bundesrepublik
Deutschland damit begründet, dass das Fehlen einer Sperrklausel in der
Weimarer Republik die Zersplitterung gefördert habe. Damals saßen bis zu 17
Parteien im Reichstag.

Ich dachte immer, die Weimarer Republik sei von der ab 1932 größten Partei
zerstört worden und nicht von den kleinen.

Ich neige dazu, die 5%-Hürde zu ignorieren, falls ich eine kleine Partei
inhaltlich am besten finde. Kriegt sie aufgrund meiner Stimme (und natürlich
der von Tausenden anderer, die genauso denken) 4 statt 3 Prozent, dann ist das
ein deutlicheres Signal als wenn mit eine "Volkspartei" 34 statt 33 Prozent
bekommt.

Die Aussage, eine Stimme an eine kleine Partei sei eine verlorene Stimme, ist
eine selbsterfüllende Prophezeiung: sie ist wahr, weil die Leute das glauben,
die sonst diese Partei gewàhlt hàtten (falls *das* dann 5% sind).

Helmut Richter

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