Erlebnisbericht von einer oeffentlichen Veranstaltung der amerikanischen Nuclear Regulatory Commission

18/05/2012 - 16:39 von Karl-Ludwig Diehl | Report spam
Hallo allerseits,


gestern fand in Tarrytown eine oeffentliche Versammlung statt.
Den Buergern einer Grossregion wurde Gelegenheit gegeben,
oeffentlich auszusprechen, wie mit den AKW's am Indian
Point, 25 Meilen noerdlich von New York City, umzugehen
ist. Die Mehrheit sprach sich fuer eine Schliessung der
Atomkraftwerke aus. Die Befuerworter meldeten sich mit
vorformulierten Beitraegen zu Wort. Es waren Geschaefts-
leute und Eigner von Handwerksbetrieben, die auf dem Kraft-
werksgelaende mit gelegentlichen Reparaturarbeiten be-
traut waren und sich weitere Auftraege sichern wollten. Es
war auch die Gewerkschaft, welche die Interessen der Be-
legschaft der Atommeiler zu vertreten hatte. Teile der Be-
legschaft waren anwesend. Die Vertreter der Nuclear Re-
gulatory Commission (1) hoerte denjenigen zu, die sich
zu Wort meldeten. Es gab ueber 200 Wortmeldungen.

Unter denjenigen, die sich fuer eine Schliessung von Indian
Point aussprachen, waren Japaner, die deutlich darauf hin-
wiesen, dass Japan inzwischen das letzte Atomkraftwerk
abgeschaltet hat und es an der Zeit ist, auch in den Ver-
einigten Staaten umzudenken. Der Schutz der Lebens-
raeume erfordere eine Schliessung aller Atomkraftwerke.

Es gibt in den USA erstaunlich viele Organismen, die da-
rauf hinarbeiten, Atomkraftwerke zu schliessen. An vorder-
ster Front standen an diesem Abend die ManhattanGreens,
das Occupy Wallstreet Movement, Riverkeeper (fuer Sau-
berhaltung der Fluesse) und Sprecher der Regionalparla-
mente, in deren politischen Arbeitsgebiet sich das nicht nur
unguenstig zum Metropolgebiet New York sondern auch
zu einer wertvollen Tallandschaft liegende und veraltete
Kraftwerksareal befindet.

Der Ausgang der Veranstaltung ist ungewiss. Es ist moeg-
lich, dass diese Regulierungsbehoerde sich gegen den
Mehrheitswillen der Bevoelkerung ausspricht und die
alten Meiler weiterlaufen laesst. Wird Indian Point abge-
schaltet, geht eine Welle der Erleichterung durch das
Talgebiet.

Worueber wenig gesagt wurde, waren Photovoltaik, Wind-
kraftanlagen, E-Cars o.ae., oekologischer Umbau der Ener-
gieproduktion und Industrie, usw. Wenn man den Befuer-
wortern des Weiterbetriebs der AKW's zuhoerte, spuerte
man deutlich heraus, dass sehr simple Gemueter an ihre
Geschaefte und Handwerksbetriebe dachten und den
groesseren Zusammenhang bewusst ausklammerten,
aus dem heraus sich konsequent eine Schliessung der
Atomanlagen ergibt.

Worueber viel nachgedacht wurde, war die geologische
Situation am Standort der AKW's von Indian Point.
Ein Forscher der Columbia University, der seit 40 Jah-
ren systematische seismische Forschungen in der Re-
gion betreibt, erklaerte, dass bei Beben hochfrequente
Schwingungen auftreten und man nicht wissen koenne,
ob die Beben mit noch groesserer Staerke als bisher
die Landschaft heimsuchen werden. Indian Point liegt
offensichtlich an einer sensiblen Formation der Erd-
kruste, die an die geologische Situation in Muelheim-
Kaerlich am Rhein denken laesst.

Clearwater Navigator, eine Zeitschrift, die sich mit der
Wasserqualitaet und dem Schutz des Hudson River-
Wassereinzugsgebietes und der Kultur im Hudson
River-Tal beschaeftigt, schrieb in der Fruehjahrsaus-
gabe dieses Jahres:

"Entergy has applied to renew Indian Point's licenses
for another 20 years, but this is a risky proposition.
The plant has two reactors, both approaching the end
of their designed 40-year lifespan. Their licenses ex-
pire in 2013 and 2015, after which the plant was in-
tended to be closed and decommissioned. The plant
has already experienced multiple leaks and safety
problems, and the older it gets, the greater the dan-
ger that something will go badly wrong." (2)

Riverkeeper, eine Organisation, die sich als "NY's
clean water advocate" bezeichnet, schrieb im 2012
Annual Journal:

"Adding to a dismal safety record and a litany of con-
cerns about an aging plant that terrorists have con-
sidered a target in the past, in 2012, the NRC de-
nied Indian Point the exemptions from fire-safety
procedures Entergy had sought, and requested more
information about the plant's vulnerability to earth-
quakes - refelcting concerns that Riverkeeper had
raised for years. In the past year alone, the plant
underwent at least two unscheduled shutdowns -
for a total of 18 in the last five years." (3)

Es ist zu hoffen, dass die Betriebserlaubnis fuer beide
Reaktoren nicht mehr verlaengert wird. Es gibt wesent-
lich interessantere Aufgabenfelder fuer den Grossraum
New York: ein oekologischer Umbau des Stadtgebie-
tes und der Regionen. Es gibt da sehr viel zu tun. An
Arbeit wird es keinen Mangel haben. Und alle werden
davon profitieren, wenn ein Gefahrenherd beseitigt
worden ist.

Karl-Ludwig Diehl
http://vub-virtuelleuniversittfrdas...gspot.com/

Anmerkung:
(1) Diese Kommission hat eine Homepage:
http://www.nrc.gov/
(2) zit.aus: Manna Jo Greene: New York gets Serious
about a future without Indian Point. S.16 in: Clearwater
Navigator. Spring 2012
(3) zit.aus: Dan Shapley: A Future without Indian Point.
S.18-19 in: Riverkeeper. 2012 Annual Journal.

zugl.an: dsie,defa,dsa
 

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#1 Harald Klotz
18/05/2012 - 17:22 | Warnen spam
Karl-Ludwig Diehl schrieb:

Worueber wenig gesagt wurde, waren Photovoltaik, Wind-
kraftanlagen, E-Cars o.ae., oekologischer Umbau der Ener-
gieproduktion und Industrie, usw.



Was interessiert es die Gegner?
Strom kommt aus der Steckdose und Hauptsache billig.

Wenn man den Befuer-
wortern des Weiterbetriebs der AKW's zuhoerte, spuerte
man deutlich heraus, dass sehr simple Gemueter an ihre
Geschaefte und Handwerksbetriebe dachten und den
groesseren Zusammenhang bewusst ausklammerten,
aus dem heraus sich konsequent eine Schliessung der
Atomanlagen ergibt.



Manche denken auch an Arbeitsplàtze.
Wenn der Strompreis nicht mehr stimmt, dann geht das den
Bach runter.
Manche denken auch weiter, Strom ist nicht einfach so in der
Steckdose.

Wie du oben selbst schriebst, Ersatzenergiquellen waren kein
Thema auf der Veranstaltung, dabei ist das mit Abstand die
wichtigste Frage auf die es Antworten zu finden gibt.

Wo sollen deine geleibten E-Cars den Strom herbekommen, wenn
die màchtigsten Stromerzeuger abgeschaltet werden?

Es ist zu hoffen, dass die Betriebserlaubnis fuer beide
Reaktoren nicht mehr verlaengert wird. Es gibt wesent-
lich interessantere Aufgabenfelder fuer den Grossraum
New York: ein oekologischer Umbau des Stadtgebie-
tes und der Regionen.



Mit welcher Energie soll der Umbau stattfinden.

Es gibt da sehr viel zu tun.



Stimmt, aber womit, wenn die Lichter ausgehen?

An
Arbeit wird es keinen Mangel haben. Und alle werden
davon profitieren, wenn ein Gefahrenherd beseitigt
worden ist.



Klar, die New Yorker werden davon profitieren wenn das Licht
aus geht.


Es ist schon seltsam, man stellt Forderungen, phantasiert
sich was zurecht, dass man davon profitiert, wenn man keinen
Strom mehr hat, vergisst aber Konzepte, wie das
Energieproblem gelöst werden soll vollstàndig.

Mach Vorschlàge für Lösungen wie du kontinuierliche
Gigawattmengen mit anderen Technologien sinnvoll ersetzen
willst.

Grüße Harald

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