Evolution und Femizid

22/10/2011 - 16:50 von Ralf . K u s m i e r z | Report spam
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Moin!

Das sekundàre Geschlechtsverhàltnis des Menschen bei der Geburt ist
annàhernd ausgeglichen, d. h. es werden ein paar Prozent mehr Jungen
als Màdchen geboren. Ich möchte mal darüber spekulieren, warum das so
ist.

Ohne jede Wertung: Mànner bzw. Jungen genießen in der Menschheit ein
höheres Ansehen, werden besser ernàhrt und ausgebildet usw. Nehmen wir
mal an, das sei eine angeborene Verhaltensweise der Gesellschaft, und
sie sei in pràhistorischen Zeiten stàrker ausgepràgt gewesen, wodurch
die Überlebens- und Fortpflanzungschancen von Màdchen gegenüber Jungen
deutlich niedriger gewesen seien (also Existenz von indirektem oder
direktem Femizid).

Welche evolutionàren Konsequenzen hàtte das?

Man könnte postulieren, daß die Auspràgung des sekundàren
Geschlechterverhàltnisses eine vererbte Eigenschaft, also genetisch
bedingt ist. Diese Auspràgung kann unterschiedlich stark sein:
Genetisch mehr auf "mànnlich" ausgerichtete Frauen bekommen mehr
mànnlichen Nachwuchs als die anderen - deren Nachwuchs erbt diese
Pràgung, so daß Màdchen, die von Müttern abstammen, die mehr Màdchen
gebàren, selbst auch mehr Màdchen gebàren.

Was passiert jetzt, wenn eine soziale Geschlechterselektion eintritt?

Nehmen wir mal an, es gibt unter den Frauen der Gesellschaft zu je der
Hàlfte zwei verschiedene genetische Auspràgungen: Beim Typ M sind 50 %
der Kinder mànnlich, beim Typ W bei gleicher Gesamtfruchtbarkeit nur
40 %, und die weiblichen Nachkommen sollen der Einfachheit die
Typzugehörigkeit von ihren Müttern erben.

Nun soll eine soziale Selektion vorliegen, die dafür sorgt, daß 60 %
der Jungen, aber nur 30 % der Màdchen das fortpflanzungsfàhige Alter
erreichen, wobei diese Selektion zwischen den Typen M und W nicht
unterscheidet.

Dann haben wir offenbar folgende Situation:

Von 100 neugeborenen Kindern der ersten Generation sind 25 Màdchen vom
Typ M und 30 Màdchen vom Typ W, die restlichen 45 Kinder sind Jungen.
Wenn sich die Màdchen mit gleicher Wahrscheinlichkeit fortpflanzen
können, dann hat in der nàchsten Generation das Verhàltnis zwischen
den Typen M und W von 1:1 bereits zu 6:5 verschoben, d. h. es würden
immer mehr Màdchen und immer weniger Jungen geboren, bis am Schluß der
Typ M ausstirbt und sich ein stabiles Geschlechterverhàltnis von m:w 2:3 bei der Geburt einstellt. Femicid àndert daran offenbar nur dann
etwas, wenn er zwischen den postulierten Typen unterscheiden kann.

Sowas wàre immerhin denkbar: Frauen, die mehr Màdchen gebàren, werden
mit höherer Wahrscheinlichkeit verstoßen, dadurch haben deren
Nachkommen schlechtere Fortpflanzungschancen, und sie selbst auch. Im
Prinzip könnte das eine evolutionàre Überlegenheit eines postulierten
Typs W überkompensieren und dadurch eine Bevorzungung eines Typs M
durch soziale Zuchtwahl fördern.

Soziale Auswahleffekte (die ja auch die Ursache dafür sind, daß wir
alle so überaus sexuell attraktiv sind: Wàren es unsere Vorfahren
nicht gewesen, dann hàtten sie sich nicht so erfolgreich fortpflanzen
und uns ihre Attraktivitàt vererben können) können also im Prinzip
einen Selektionsdruck auf das Geschlechterverhàltnis ausüben. Aber
offenbar führt das in keine stabile Gleichgewichtssituation, denn die
genetische Bevorzugung eines Geschlechts verstàrkt sich offenbar (die
Richtung der Verstàrkung hàngt davon ab, ob die genetische Information
in der mànnlichen oder der weiblichen Linie vererbt wird: Weiblich
vererbte Differenzierungen führen zu mehr Màdchen, mànnlich vererbte
zu mehr Jungen).

Damit bleibt dann die Frage offen, welche Faktoren eigentlich
stabilisierend wirken. Klar ist, daß ein deutlicher Überschuß eines
Geschlechts evolutionàr nachteilig ist: Entweder fehlen Frauen, um
genügend Nachkommen zu gebàren, oder es fehlen Mànner, um sie bzw. den
Nachwuchs zu beschützen und zu ernàhren. Also sterben Sippen mit
unausgeglichenem Geschlechterverhàltnis tendenziell aus. (So ganz muß
das nicht stimmen: Wenn sich zwei Sippen mit in entgegengesetzter
Richtung unausgeglichemen Geschlechterverhàltnis begegnen, liegt eine
Vermischung der unterschiedlichen Genome nahe: Die überzàhligen Mànner
der einen Sippe paaren sich mit den überzàhligen Frauen der anderen.
Außerdem kann in Gesellschaften mit Frauenüberschuß ein Teil der
Frauen die sozialen Aufgaben von Mànnern (jagen und kàmpfen)
übernehmen - außerhalb der spàten Schwangerschaftsphasen können auch
die Mütter "arbeiten" (Nahrung sammeln, Viehhaltung und
Feldbearbeitung). Bei den anderen Primaten schleppen die Weibchen
ihren Nachwuchs mit, wenn die Horde durch die Gegend streift.)

Die Tatsache, daß Frauen für die Fortpflanzung erforderlich sind, wird
also in jedem Fall dazu geführt haben, daß Màdchen nicht allzuschlecht
behandelt wurden, sonst wàren die betreffenden Gemeinschaften
ausgestorben (hat nichts mit Moral zu tun). (Mànner sind für die
Fortpflanzung von minderer Wichtigkeit, weil deren biologischer
Beitrag wesentlich geringer ist. Man sollte also eigentlich stets
einen hohen Frauenüberschuß erwarten - tatsàchlich ist es aber gerade
andersherum.) Was aber sorgt denn dann nun eigentlich für ein stabiles
Verhàltnis?

Oder ist es vielleicht gar nicht stabil, sondern es liegt real ein
Mechanismus vor, bei dem das Verhàltnis fortwàhrend weglàuft, die
betreffende Gemeinschaft dann ausstirbt, und die freigewordene
ökologische Nische dann von der nàchsten Sippe, bei der das Verhàltnis
(noch) nicht aus dem Ruder gelaufen ist, besetzt wird?

Weiß dazu jemand etwas Erhellendes?


Gruß aus Bremen
Ralf
R60: Substantive werden groß geschrieben. Grammatische Schreibweisen:
adressiert Appell asynchron Atmosphàre Autor bißchen Ellipse Emission
gesamt hàltst Immission interessiert korreliert korrigiert Laie
nàmlich offiziell parallel reell Satellit Standard Stegreif voraus
 

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#1 Jutta Gut
22/10/2011 - 19:29 | Warnen spam
"Ralf . K u s m i e r z" schrieb im Newsbeitrag
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Moin!

Das sekundàre Geschlechtsverhàltnis des Menschen bei der Geburt ist
annàhernd ausgeglichen, d. h. es werden ein paar Prozent mehr Jungen
als Màdchen geboren. Ich möchte mal darüber spekulieren, warum das so
ist.

Ohne jede Wertung: Mànner bzw. Jungen genießen in der Menschheit ein
höheres Ansehen, werden besser ernàhrt und ausgebildet usw. Nehmen wir
mal an, das sei eine angeborene Verhaltensweise der Gesellschaft, und
sie sei in pràhistorischen Zeiten stàrker ausgepràgt gewesen, wodurch
die Überlebens- und Fortpflanzungschancen von Màdchen gegenüber Jungen
deutlich niedriger gewesen seien (also Existenz von indirektem oder
direktem Femizid).



Ich konnte deine Rechnungen noch nicht ganz nachvollziehen, aber ich kenne
eigentlich bis jetzt nur folgende Erklàrung: Die Sàuglingssterblichkeit ist
bei Jungen eetwas höher als bei Màdchen, und dadurch gleicht sich der
leichte Jungenüberschuss bei der Geburt wieder aus. Offenbar istfür den
Menschen ein ausgeglichenes Geschlechterverhàltnis evolutionàr von Vorteil.

(Prinzipiell wàre ja auch eine polygame Gesellschaft denkbar, wo jeder Mann
mehrere Frauen versorgt, denn wie du ja schreibst, ist der Anteil der Mànner
an der Fortpflanzung ziemlich gering.)

Grüße
Jutta

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