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Fuenf Stunden Photo-Mekka

19/09/2014 - 01:23 von Joerg Tillmann | Report spam
Eben noch am Kaffeetisch, jetzt schon in der Bahn. Heute Morgen
entschloss ich mich spontan, der Photokina einen Besuch abzustatten.
Schnell dank Ermàßigungsgutschein meines Stamm-Dealers zwei Tagestickets
zum halben Preis gebucht und ab mit Frau durch die Tür.

Ankunft 12:22 Uhr in Köln-Deutz, 12:27 Uhr durch die Pforten, Wegweiser
abgegriffen und rein ins Getümmel. Warum rennen eigentlich so viele
Besucher mit ihren Kameras über die Messe? Die würden auch bestimmt
Eulen nach Athen tragen. Apropos Eulen, auf der Terasse sind wieder
Greifvögel zum fotografischen Abschuss freigegeben. Auch mit der eigenen
Kamera. BYOD (Bring your own device) gilt auch für die Photokina. Sehen
und gesehen werden.

In der ersten Halle fiel mein Blick auf zwei alte Hasselblads in
Vitrinen, die auf Texttafeln von ihrer Geburt und ihrem bewegten Leben
erzàhlten und dank einer neu entwickelten Digitalrückwand ein zweites
Leben eingehaucht bekommen hàtten. Rührend. Die ausgestellte Lunar
Hasselblad der Apollo-Mission fasziniert mich allerdings mehr. Sie war
der eigentliche Grund, weshalb ich mich überhaupt je mit dieser Marke
beschàftigt hatte. Nebenbei ist der Designer der klassischen Hasselblad
auch für die Formgestaltung meines automobilen Kulturguts
verantwortlich. Ich mag skandinavisches Design.

Der Stand von Hasselblad war brechend voll, deshalb ging es ein paar
Meter weiter zum Impossible-Stand. Dort fand gerade ein
Emulsionslifting-Workshop statt. Das muss ich unbedingt auch mal
ausprobieren. Daneben stand dieses Smartphone-Dingsbums, uninteressant,
ich habe zwei Polaroid-Kameras und überhaupt kein Smartphone. Trotzdem
nicht unwichtig, schließlich gibt es mehr Smartphone- als
Polaroid-Besitzer und die Leute sind total verzückt, als wàre die
Sofortbildfotografie gerade erst erfunden worden.

Ups, falsche Treppe, hier ist Canon. Der totale Overkill. Ich glaube,
die haben die ganze Etage gemietet. Also Treppe runter und unter Canon
durchtauchen. Auf dem Weg Richtung Ausgang làuft mir der
Voigtlànder-Stand über den Weg. Der Berater zeigt mit die dritte
Generation des Super-Wide-Heliars für Leica M. Mein Eindruck: Solider
als meins der ersten Generation mir Schraubgewinde, griffiger, aber auch
größer und schwerer bei gleicher Lichtstàrke. Die neue Rechnung soll
wohl sehr gut mit digitalen Sensoren harmonieren. Kann ich nicht
beurteilen, ich weiß ja noch nicht einmal, wie sich meins an einer
vollformatigen Digitalkamera schlàgt. Die Randschàrfe soll besser sein
und die Vignettierung nicht mehr so extrem. Letzteres wàre für mich ein
echtes Kaufargument.

Endlich, Leica! Wahnsinn! Wahnsinnspreise! Eine Fototasche (oder ist es
ein Schulranzen aus den Sechzigern?) aus feinstem Froschfotzenleder aus
Flagranti für 3.600 (in Worten: Dreitausendsechshundert) Euro. Leute,
das ist albern. Ich liebe eure Kameras, aber ich hasse eure Preise.

Die Fotoausstellung von Leica ist allerdings ein Hit und schon alleine
den Eintrittspreis wert. Die Fotos von Bryan Adams haben mich ziemlich
schockiert. Wer diese Bilder gesehen hat, wird zwangslàufig zum
Pazifisten. Auf der Bühne spielt ein Pianist melancholische Lieder.

Zurück aus der Ausstellung ging's als erstes zur S-Klasse. Klasse! Eine
Kamera wie gemacht für meine Hànde und Bedürfnisse, aber leider nicht
für meinen Geldbeutel. Weiter zur M-Klasse, eher meine Kragenweite.
Leica hat mal wieder die Bezeichnungen durchgeschüttelt. Die seit Jahren
analoge M-P (P für Professional) heißt jetzt M-A (A für Analog), dafür
gibt es jetzt eine digitale M-P. Und aus Raider wird Twix, sonst àndert
sich nix. Alles klar? Egal, eine M (seit 2012 ohne Nummer) ist mir immer
noch zu teuer.

Zigarettenpause. Wie geht's weiter? Filme! Was machen eigentlich Agfa,
Kodak und Fuji noch an Material für uns eingefleischte Analogiker? Als
erstes kreuzen wir am Agfaphoto-Stand auf. Neben Speicherkarten stehen
da doch tatsàchlich und leibhaftig Filme. "Entschuldigung, ich hàtte da
mal eine Frage zu ihren Filmen." "Ach, Sie sind also der Kàufer, der
unsere Filme kauft." "Sagen Sie mal, stimmt das tatsàchlich, das der CT
Precisa 100 in Wirklichkeit ein Fuji Sensia ist?" "Nein, nicht mehr,
mittlerweile ist es Provia-Material. Sonst noch Fragen?" "Nö."

Weiter zu Kodak. Dich Nachfrage bei S/W-Filmen steigt wohl wieder an.
Diafilm ist schon seit zwei Jahren nicht mehr im Sortiment. Hab mich
lange nicht mehr mit Kodak beschàftigt, obwohl ich früher
eingefleischter Kodak-Verbraucher war. Petition für Diafilme zwecklos.
Ich hàtte wohl doch öfters mal wieder Kodak-Filme kaufen sollen.

Last but not least, Fuji. Die Filmbegenung der besonderen Art in Form
einer Sofortbildkamera im Retro-Look. Gibt's in "Wide" (Vollformat) und
"Mini" (Halbformat). Die "Mini" hat's mir echt angetan. Bilder etwas
größer als ein Passbild in zwei Minuten. Zehn Schuss für 8 Euro. Die
Leute sind fast ausgeflippt. Echte Fotos zum Anfassen! Ansonsten gab es
Filme nur auf einem einseitigen DIN-A4-Blatt. Provia 400X ist nicht mehr
drauf, dafür gibt es jetzt einen Pro 400H. Provia 100F gibt's auch noch.
Hat der Agfa-Mann mich etwa verarscht oder hat Fuji tatsàchlich eine
Lizenz zum Kopieren des Provias an Agfaphoto vergeben? Ich will die
Geduld nicht überstrapazieren und verabschiede mich Richtung Sony.

Sony, àhnlich bombastisch wie Canon, aber hier habe ich wenigstens ein
berechtigtes Interesse. Ich will nàmlich wissen, ob man bei der Alpha 7
mit manuellen Objektiven die Sucherlupe ohne die Kamera vom Auge zu
nehmen per Knopfdruck einschalten kann. Ich weiß nicht, was der
aufgekratzte Berater eingenommen hat, aber es war definitiv nicht meine
Droge. Nachdem er mich be- und ich ihn entschleunigt hatte waren wir
endlich auf einem Level und nach ungefàhr zehn realen und gefühlten 20
Minuten Brüder im Geiste. Jetzt verriet er mir auch endlich, wie man die
Sucherlupe einschaltet. Na also, geht doch.

Was nun? Wir haben noch etwas Zeit. Da war doch diese Digitalrückwand
für die V-Serie am Hasselblad-Stand. Also zurück ins Wasa-Land. Der
Stand ist deutlich leerer als eingangs. Ich bekomme eine 500C/M mit
dieser neuen Digitalrückwand in die Hand gedrückt. Ich hatte vorher noch
nie eine Hasselblad in den Hànden. Ich sah diese Kamera eigentlich immer
nur hinter Schaufensterscheiben mit meinem Nasenabdruck. "Zu groß, zu
teuer, zu schwer, falsches Format" waren meine stàndigen Ausreden. Und
jetzt? Schwer ist sie tatsàchlich, die Handhabung gewöhnungsbedürftig.
Was die Digitalrückwand angeht: 33 x 44 mm Sensorgröße, 40 MPx, schluckt
nur CF-Karten, Firewire-Anschluss, 11.000 Euro.

Neulich sah ich hinter einer Schaufensterscheibe eine 500C/M für 500
Euro und wurde beinahe schwach. Dann kamen die Ausreden und zogen mich
schweren Herzens fort. Seit heute bereue ich den Nichtkauf nicht mehr.
Bei der Hàlfte des ausgerufenen Preises für die Digitalrückwand hàtte
ich vielleicht angefangen zu sparen. Jetzt spare ich lieber auf eine
Leica M. Die ist sowieso leichter, kleiner und billiger. Wieviel ist
eigentlich gerade im Lotto-Jackpot?

Gruß,
Jörg
 

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#1 Jürgen Gerkens
19/09/2014 - 02:01 | Warnen spam
Am 19.09.2014 um 01:23 schrieb Joerg Tillmann:

(Pfiffig geschriebener Messebericht) ... Jetzt spare ich lieber auf
eine Leica M. Die ist sowieso leichter, kleiner und billiger. Wieviel
ist eigentlich gerade im Lotto-Jackpot?



Samstag 4 Mio, Mittwoch 2. Das reicht gerade mal für Nikon oder Canon,
nicht für Leica. ;-)

Schöne Grüße
Jürgen Gerkens
...
dessen Fotokollegen mittlerweile schon synchron bleich werden, wenn ich
mit den Prospekte von der Hausmesse bei Calumet in einem schwarzen
Hasselblad-Jutebeutel beim Fotoabend durch die Tür schlendere. ;-)

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