Fwd.: Wie kommt die Gewalt ins Bild?

29/04/2014 - 09:58 von Jan S | Report spam
 

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#1 Frank Gosebruch
29/04/2014 - 12:25 | Warnen spam
Am 29.04.2014 09:58, schrieb Jan @r:
Vielleicht von Interesse:
http://www.zeithistorische-forschun...r_2012.pdf



Vielen vielen Dank fuer diesen Link. Ein wirklich interessanter Text.
Solche Diskussionen machen mich manchmal etwas hilflos und hinterlassen
bei mir dann einen ambivalenten Nachgeschmack. Wenn da z.B. ein
Akademiker im stillen Stuebchen formuliert:

"Durch die Kamera sind wir immer dort, wo wir eigentlich nicht sein
sollten, im Zentrum der Gewalt."

In dem ganzen Text wird dann gar nicht erwaehnt, dass es ja dabei
durchaus jemanden gibt, der die Kamera an diesem 'zu vermeidenden' Ort
bedient hat. Ein Horst Faas z.B. hat ja keine U-Bahn-Ueberwachungskamera
aus einem Kontrollzentrum gesteuert, sondern der war seinerzeit wirklich
vor Ort (im Zentrum der Gewalt (siehe oben)) und hat den Kopf hingehalten.

Wird der Fotograf dann automatisch Teil der veruebten Gewalt?
Trifft ihn auch eine (Mit-)Schuld daran, weil er vor Ort war und die
Gewalt dokumentiert (und damit zeigt)?

So einfach ist das sicher nicht zu beantworten.

Sicher, die "spontane" oeffentliche Ermordung der Behari-Gefangenen im
Stadion von Dhaka 1971 geschah vermutlich ausschliesslich nur deshalb,
WEIL westliche Journalisten und Fotografen anwesend waren. Man hat diese
seinerzeit ohne ihr Wissen instrumentarisiert, in der Gewissheit, dass
ihre Bilder um die Welt gehen wuerden.

Ein Bild ueber Gewalt wirkt aber u.U. erst dadurch, dass es erklaert
(und womoeglich subjektiv interpretiert) wird. Auf den einen so und auf
den andern so. Und ganz ohne Erklaerungen dann eben auch wieder ganz anders.

Der Begriff "Gewalt" wird in dem Text ja auch ausschliesslich im Sinne
von menschlicher Gewalt gegenueber anderen Menschen verwendet.

Wenn ein Fotograf die Auswirkungen von Gewalt im Bild dokumentiert, die
z.B. durch die Kollision einer Bohrplattform mit einem Eisberg im
Nordatlantik erfolgte, hat das natuerlich eine ganz andere Qualitaet von
(Natur-)Gewalt als das oben geschilderte Beispiel. Aber auch hier ist
letztlich die verfolgte Absicht, das Ziel dieser Aufnahmen nicht wertfrei.

Schon bei der fotografischen Aufnahme eines solchen Ereignisses kann
allein durch den Ausschnitt die Aussage der Aufnahme auf einen
Aussenstehenden manipuliert, zumindest aber verzerrt werden. Das gilt
fuer die Fotografie insgesamt; nicht nur in Bezug auf Gewalt.

Ein Fotograf, der ein kleines Kind fotografiert in der Absicht, dessen
Schoenheit, den bezaubernden Moment oder die einmalige Situation zu
dokumentieren, kann sich nie sicher sein, dass ein Sexualstraftaeter
genau dieses Bild spaeter - wie auch immer - misbraeuchlich verwendet.
Ist das dann die "Mitschuld" des Fotografen? Wurde hier vom Fotografen
dann bereits Gewalt ausgeuebt?

Wenn dann in dem Text weiter akademisch formuliert wird:
"An die fotografische Praxis (was wird wie fotografiert?) und an
Ausstellungs- und Darstellungsweisen (was wird wie gezeigt?) schließt
sich der teilgesellschaftliche Diskurs an, der die Gewalt, medial
codiert und vermittelt, zu ordnen versucht."

Dann sei mir die - rein persoenliche und hier gar nicht betrachtete -
Frage erlaubt: WARUM wird fotografiert (dargestellt)?
Ist der, der ein Bild macht auch mit schuldig daran, wenn es erst danach
als Darstellung von Gewalt erkannt wird?

Da gibt es jetzt sicher unendlich viele Antworten drauf. Allein unsere
abendlaendische Kultur basiert auf einer Religion, die als bildliches
Symbol die grausame Hinrichtung ihres Protagonisten darstellt.

Waere dieses Symbol eine Fotografie (haette es das damals bereits
gegeben), waere es dann heute sinnvoll, ueber eine Mitschuld des
Fotografen am Tode Christi zu sprechen?
Oder aber ueber eine Mitschuld an Verbrechen, die durch Christen unter
diesem Symbol begangen wurden?

Ich denke - auch wieder nur ganz persoenlich - Bilder, Fotografien sind
das was Dritte daraus machen und ggf. damit beabsichtigen. Dass die
Moeglichkeiten dabei in alle denk- und undenkbaren Richtungen besteht,
sollte einem als Fotograf deshalb schon im Hinterkopf bleiben. Deswegen
muss ich keine Zensurschere im Kopf mit mir rumtragen, aber auch nicht
alles muss immer und in jedem Fall im Bild festgehalten werden.

(sorry wegen der Laenge meiner Antwort)

Gruss
Frank Gosebruch
"Pessimismus ist noch viel zu optimistisch"
(Toni Grass † - 2012 in de.rec.fotografie)

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