Herdenimmunitaet

14/10/2013 - 11:25 von Ralf . K u s m i e r z | Report spam
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Moin!

Ich versuche gerade, mir sinnvolle Gedanken über den
gesellschaftlichen Wert einer individuellen Teilnahme an einer
Schutzimpfung zu machen.

Im Gegensatz zu naiven Annahmen eines individuellen Nutzens ist der
Sinn einer Impfung wie z. B. gegen Influenza der, die Herdenimmunitàt
anzustreben. Die liegt dann vor, wenn es nicht zu einem
epidemiologischen Infektionsverlauf kommen kann, also jeder Infizierte
im Mittel nur noch weniger als eine weitere Person ansteckt.

(Wenn die Weitergabequote q < 1 betràgt, dann werden durch eine
einzelne Infektion in der Folge statistisch insgesamt 1/(1-q) Personen
infiziert.)

Man müßte wohl im Prinzip abschàtzen, wie eine einzelne Impfung das q
insgesamt veràndert. Liegt es nahe bei 1, dann ist die Wirkung relativ
groß; ist es hingegen schon ziemlich klein, also der Durchimpfungsgrad
bereits hoch, dann ist der gesellschaftliche Nutzen vergleichsweise
niedrig, übrigens auch der individuelle für den Geimpften, selbst
dann, wenn der zu einer Risikogruppe bzgl. der Erkrankung zàhlen
sollte: Ein bereits vorhandener hoher Durchimpfungsgrad senkt auch für
ungeimpfte Risikopersonen die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung.

Verkompliziert wird das Ganze wohl dadurch, daß sowohl das Risiko,
infiziert zu werden, als auch, einen Erreger selbst weiterzugeben,
individuell ziemlich unterschiedlich sein dürfte - wer mit dem eigenen
Auto fàhrt (möglichst allein), dann wird er vermutlich weniger am
Infektionsgeschehen beteiligt sein, als wenn er öffentliche
Verkehrsmittel benutzt oder an Versammlungen (z. B. Konzerten oder
Sportveranstaltungen) teilnimmt, zudem dürfte das Risiko eines
schweren Erkrankungsverlaufs im Fall einer Infektion sowie die
Vertràglichkeit der Impfung (Impfschàden) individuell unterschiedlich
sein.

Gibt es sinnvolle Lösungsstrategien für das Problem, auch unter
Berücksichtigung des Allmendeproblems?

(Ich habe gerade mit Erstaunen festgestellt, daß sich Risiken doch
gewaltig akkumulieren können:

Wenn jemand alle fünf Tage eine potentiell riskante Entscheidung zu
treffen hat (also ein individuelles Risiko einzugehen oder zu
vermeiden) und er sich vornimmt, daß die Wahrscheinlichkeit, durch
vermeidbares riskantes Verhalten ums Leben zu kommen, innerhalb eines
70-jàhrigen Lebens nur ein Gesamtrisiko von 1 % ergeben soll, dann muß
er ca. 5000 Risikoentscheidungen überleben. Zur Erzielung des
angestrebten Gesamtrisikos darf jede einzelne Entscheidung dann nur
ein Restrisiko von 2e-6 aufweisen.

Allerdings gilt das nur für die Betrachtung im vorhinein: Mit
zunehmendem Lebensalter nimmt die Azahl der noch zu bestehenden
Risikosituationen ab, so daß die Größe der in Kauf nehmbaren Risiken
Einzelrisiken mit der Zeit reziprok zunehmen kann.)

Dieses Risikolevel betrifft dann z. B. Verhaltensentscheidungen im
Straßenverkehr, aber eben auch die Größe des individuellen
Impfrisikos, wobei man das natürlich auch gegen das vermiedene
Erkrankungsrisiko gegenrechnen muß.

Nun nimmt man bei einer Impfung auf jeden Fall ein Impfrisiko in Kauf,
ohne dabei vom gesellschaftlichen Gesamtnutzen einen angemessenen
Anteil zu bekommen - das beste Kosten-Nutzenverhalten haben zweifellos
die "Trittbrettfahrer", die von der Herdenimmunitàt profitieren, ohne
ein eigenes Impfrisiko in Kauf zu nehmen. Um diese Ungerechtigkeit
auszugleichen, wàre es eigentlich sinnvoll, den Teilnehmern an einer
Impfkampagne für ihre Risikoübernahme eine Risikopràmie auszuzahlen,
sie also mit Geld zu belohnen.

Welcher Betrag wàre denn angemessen?

(Vermutlich besteht der größte gesellschaftliche Nutzen nicht in den
einigen wenigen vermiedenen Todesfàllen, die hauptsàchlich
unproduktive Personen (Alte und Kranke) betreffen, sondern in der
Ersparnis von Arbeitsausfalltagen aufgrund der zahlreichen Fàlle mit
milden Erkrankungsverlàufen (1-2 Wochen Arbeitsunfàhigkeit).)

Problemangemessen und motivationspsychologisch sinnvoll wàre eine Art
Windhundverfahren bei der Pràmienzahlung: Da mit zunehmender Anzahl
der Geimpften der Nutzen weiterer Impfungen sinkt, sollte für die
ersten Anmeldungen zu einer Impfung vergleichsweise hohe Pràmien
bezahlt werden und der Betrag dann nach und nach abgesenkt werden.

(Zum Lesen: <http://de.wikipedia.org/wiki/Influe...pfung>,
<http://www.taz.de/!45035/>)


Gruß aus Bremen
Ralf (geimpft)
R60: Substantive werden groß geschrieben. Grammatische Schreibweisen:
adressiert Appell asynchron Atmosphàre Autor bißchen Ellipse Emission
gesamt hàltst Immission interessiert korreliert korrigiert Laie
nàmlich offiziell parallel reell Satellit Standard Stegreif voraus
 

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#1 Christian Gollwitzer
14/10/2013 - 21:16 | Warnen spam
Hi Ralf,

Am 14.10.13 11:25, schrieb Ralf . K u s m i e r z:
Ich versuche gerade, mir sinnvolle Gedanken über den
gesellschaftlichen Wert einer individuellen Teilnahme an einer
Schutzimpfung zu machen.

Im Gegensatz zu naiven Annahmen eines individuellen Nutzens ist der
Sinn einer Impfung wie z. B. gegen Influenza der, die Herdenimmunitàt
anzustreben. Die liegt dann vor, wenn es nicht zu einem
epidemiologischen Infektionsverlauf kommen kann, also jeder Infizierte
im Mittel nur noch weniger als eine weitere Person ansteckt.

(Wenn die Weitergabequote q < 1 betràgt, dann werden durch eine
einzelne Infektion in der Folge statistisch insgesamt 1/(1-q) Personen
infiziert.)



ich möchte Dich nur darauf hinweisen, dass derartige Modelle im Rahmen
der nichtlinearen Physik untersucht werden. Schlagwörter wàren
beispielsweise Percolation oder auch scale free networks. Lustige
Untersuchungen zu der Fortbewegung von Menschen gab es auch im
Zusammenhang mit einer Webadresse zum Verfolgen von Geldscheinen,

http://www.nature.com/nature/journa...04292.html
oder
http://arxiv.org/pdf/cond-mat/0605511

Offensichtlich muss man bei der Ausbreitung von Epidemien eben auch
Berücksichtigen, wie der Kontakt zwischen Menschen ràumlich verteilt
ist. Ich glaube mich zu erinnern, dass man das gut durch den Levy flight
simulieren kann. Zu Deiner Vermutung von einer Quote 1/(1-q) kann ich
leider nichts sagen, ich hab das alles nur am Rande mitbekommen. Ich
würde aber vermuten, dass das Problem in der Literatur schon gelöst ist,
also welche kritische Immunitàtsrate man braucht, um den Ausbruch zu
verhindern.

Christian

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