R.I.P.: Das Ende einer Newsgroup

15/10/2010 - 00:07 von Claudius | Report spam
Liebe Freunde der schönen Wissenschaften, wir stehen am Grab mehrerer
liebgewordener .sci Newsgroups. Allen Hinterbliebenen gilt mein
herzlichstes Mitleid.
Ich möchte ein paar Worte am Grab sprechen:

In einer gemütlichen Kneipe treffen sich allabendlich, manchmal auch
zum Frühschoppen, ganz unterschiedliche Leute. Bei gutem Bier, einem
Glas Wein, manchmal auch einem kleinen Imbiss sinniert man über Gott
und die Welt und was sie im Innersten zusammenhàlt und am liebsten
über den Sternenhimmel, seine Schönheit und die Ràtsel, die seit
Menschengedenken um ihn kreisen.

Manchmal sind Kinder dabei, die zum hundertsten Mal fragen, warum es
nachts dunkel und der wolkenlose Himmel meistens blau ist.

Ab und an schaut ein Astronom vorbei und làsst sich herab, den
Unterschied zwischen Alpha und Proxima Centauri zu erklàren und man
streitet sich mit Professor Lesch, was denn die Große Barriere mit der
Berylliumgrenze zu tun hat.

Das Angenehme ist die Stimmung in dieser, nicht allzu großen Kneipe,
die Laien, Fachleute und Spinner anlockt, Spinner „von der Art, die
einem Astronomen die Sterne erklàren, und zwar immer laut und immer
unter Berufung auf den gesunden Menschenverstand“. Man kann sich mit
ihnen und über sie amüsieren, auch das ist das Reizvolle an dieser
Kneipe.

Andere schleppen russische Spiegelteleskope an und àrgern die, welche
nur einen Feldstecher ihr Eigen nennen.
Aber sie alle eint – mehr oder weniger – die Liebe zur Sache und die
Poesie, schwer Verstàndliches in Worte fassen zu wollen.

Eines Tages taucht nun jemand auf und schüttet einen Karren Stalldung
in den Raum. Man ist nicht allzu irritiert, denn in diese Kneipe
werden die verrücktesten Dinge mitgebracht. Sicher wird sich das
Düngerproblem lösen lassen.
Als der gleiche Typ Tag für Tag wieder kommt und jedes Mal einen neuen
Karren Mist in die Stube kippt, wird er gefragt, was das denn solle.
Darauf beginnt er zu erklàren, wie nützlich dieser Stalldung doch sei,
wertvoll zum Wohle der Pflanzen und überhaupt die Rettung der
Menschheit vor dem drohenden Hungertode.

Schön, wird ihm entgegnet, aber hier seien die Freunde des
Sternenhimmels versammelt und was das denn mit Dünger zu tun habe.

Etwas erregt und lauter, als es in diesem Raum nötig wàre, erklàrt der
Mistkarrenschieber, dass das Kalium und der Phosphor und überhaupt
alle Elemente in dem Dung in Sternen ausgebrütet seien. So existiere
eine direkte Verbindung vom All über den Schweinedarm zur Ackerfrucht,
möge sie wachsen und gedeihen.

„Einverstanden“, meinte einer der Anwesenden. „Nur ist das hier bei
uns nicht das Thema. Wir reden hier über Physik und Gravitation und
die Roche-Grenze, über die Coulomb-Barriere und den Tunneleffekt.
Manchmal auch über Einstein.“

„Ha!“, brüllte jemand vom Nebentisch. „ART, SRT, alles Unsinn, alles
habe ich làngst widerlegt…“
Und man wandte sich wieder den üblichen Themen zu.

Nach mehreren Tagen und mehreren neuen Karren Stalldung war es schon
schwierig, noch einen Weg zwischen den Misthaufen an die Biertische zu
finden. Einige Stammgàste waren schon fortgeblieben, daheim hatte man
sie misstrauisch gefragt, warum sie denn in letzter Zeit so streng
röchen.

Endlich fasste sich der mutigsten Einer ein Herz und bat den mit einem
neuen Karren voll frischen Dunges Eintretenden, diese Ràumlichkeiten
doch fürderhin nicht mehr zu beschmutzen.
Das hàtte er nicht tun sollen.

Denn ungefragt erteilte der Düngerstreuer der verdutzten Menge ein
Privatissimum über Nutz und Frommen frischen Stallmistes. Seine
Forschungen hàtten ergeben, dass es viel sinnvoller sei, anzunehmen,
dass keine Sterne explodieren müssten, um gesunden Mist zu
produzieren, sondern dass einfach nur Schweine explodieren müssten und
so den Segen für die Flora im ganzen All zu verteilen. Er habe auch
ein Buch geschrieben, welches genaue Berechnungen enthielte, wie viel
Schweine mit welcher Geschwindigkeit wann und warum explodiert sind.
Mit explodierenden Schweinen làsst sich überhaupt alles erklàren, Wind
und Wellen, Tod und Teufel und die Gebirge seien vom großen Urschwein
mit der Schweineschnauze aufgewühlt. Beweis: Vor jedem Gebirge ist
eine Wühlfurche deutlich zu erkennen. Nur armselige Spinner, Trolle
und Denunzianten könnten seine neue Wissenschaft noch verleugnen.

Spàter konnte er haarscharf belegen, dass nicht etwa viele Trilliarden
kleiner Schweine, sondern nur wenige Trilliarden Riesenschweine
explodiert seien. Das belegte er an den Sonnenflecken, die nichts
anderes als Haut- und Knochenreste der explodierenden Riesenschweine
seien, die kurzzeitig und (Überraschung!) die Sonne genau im Maße
ihrer Rotation sprenkeln.

Inzwischen war der Boden der Kneipe knietief mit Mist bedeckt. Es
stank zum Himmel. Der Mistlieferant hatte sich noch eine Überraschung
ausgedacht. Er trat in Kleid, Stöckelschuhen und Kopftuch ein, blickte
verzückt auf den Dünger, warf sich hinein und piepste mit verstellter
Stimme: „Oh, Wunder der Natur! Göttlicher Guano! Die Welt ist ein im
Explodieren begriffenes Megaschwein.“

Die Leute hatten genug. Sie waren zu höflich und eigentlich auch gar
nicht in der Lage, den Kontrahenten schlichtweg mitsamt seinem Dreck
vor die Tür zu setzen – man hàtte sich zu sehr die Hànde beschmutzen
müssen. Also gingen sie und suchten sich einen anderen Ort, wo man
sinniert bei gutem Bier, einem Glas Wein, manchmal auch einem kleinen
Imbiss über Gott und die Welt und was sie im Innersten zusammenhàlt
und am liebsten über den Sternenhimmel, seine Schönheit und die
Ràtsel, die seit Menschengedenken um ihn kreisen.

In tiefer Trauer
Klaus-Peter
 

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#1 Marcel Müller
15/10/2010 - 00:40 | Warnen spam
Claudius wrote:
Liebe Freunde der schönen Wissenschaften, wir stehen am Grab mehrerer
liebgewordener .sci Newsgroups. Allen Hinterbliebenen gilt mein
herzlichstes Mitleid.
Ich möchte ein paar Worte am Grab sprechen:



[...]

Die Parabel hinkt in einem wesentlichen Punkt. Im Usenet kann man
Killfiles nutzen. Mit einem duzend Eintràgen ist die Kneipe weitgehend
sauber.


Marcel

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