Nassplatten-Kollodiumfotografie (Workshopbericht, lang)

10/01/2016 - 13:10 von Ralph Aichinger | Report spam
Ich habe gestern das Glück gehabt, bei jemandem der es wirklich
kann, bei Christian Heigner (http://www.christianheigner.com, die
Homepage bringt aber IMHO nicht rüber wie beeindruckend seine
Arbeiten in Natura sind), einen Nassplattenworkshop zu machen.

In Diskussionen über die Abkündigungen diverser Filmsorten wird
ja meist mindestens einmal eingeworfen, daß wir halt irgendwann
einmal wieder selbst Platten gießen. Seit gestern halte ich das
für nicht mehr *soo* absurd wie ich es vorher gehalten habe.

Wahrscheinlich kennen viele hier diverse àltere fotografische
Verfahren, ich möchte eigentlich nur kurz meine Beschreibung der
Komplexitàt (oder nicht-Komplexitàt) eines derartigen Prozesses
darstellen, für alle die sowas noch nie live erlebt haben.

Gearbeitet wurde mit Aluminium-Platten, weil es die fertig mit
einer Folie geschützt und einer schwarzen Beschichtung gibt,
d.h. das Putzen und Schwàrzen fàllt weg. Diese "tintypes" sind
zwar nicht ganz so beeindruckend wie die beim Workshop vorgezeigten
Glasplatten, aber immer noch ganz anders als z.B. ein moderner
Abzug. Format war 13x18, aus Kostengründen und vermutlich auch
des leichteren Handlings wegen (eine 13x18-Platte kann man in
einer Hand halten, bei 20x24 wird das schon schwer).

Der Workshopleiter hat uns für die Materialien 30 Euro (für ca.
1 Bild) verrechnet, mit Platte, Chemikalien etc. Nach dem was er
an Preisen für die Materialien genannt hat fürchte ich fast, daß das
ein kleines Verlustgeschàft ist, es làppert sich dann doch (z.B.
150,- fürs Neuansetzen des Silberbads), auch das gefilterte Kolldium
und der Firnis zum Schutz ist nicht ganz gratis.

Unser Workshop hatte 4 Teilnehmer, und das war im kleinen Raum
(Dunkelkammer war das Klo einer Bar) eher schon fast das Maximum,
wenn jeder ein eigenes Bild in dem einen Nachmittag hinkriegen will.
Nach 1 Stunde theoretischer Einführung haben wir von 16.00 bis kurz
nach 7 IIRC sechs Platten gemacht gehabt, d.h. pro Platte war die
Arbeitszeit ca. eine halbe Stunde, auch wenn die Trockenzeiten etc.
sich überlappt haben. Verglichen mit einem konventionellem Schwarzweiß-
workshop ist das eigentlich gar nicht so aufwàndig von der Zeit her,
einfach weil das Verfahren ein Positivverfahren ist, und das vorherige
Entwickeln des "Films" so wegfàllt (man kann dieses Verfahren aber
auch als Negativ-Positivprozeß verwenden, für mich hat das direkte
Positiv, das wir gemacht haben aber einen besonderen Charme).

Eine kurze Beschreibung der Vorgehensweise:

Die saubere (Folie abgezogen, eventuell mit dem Blasebalg abgestaubt)
Platte wird zuerst mit Kollodium naß gemacht. Das Zeug ist etwas
dickflüssig, etwa wie Sirup. Man gießt einen Klecks in die Mitte und
verteilt es über die ganze Platte. Die Platte muß dann 10-30 Sekunden
antrocknen bis sich eine "Haut" bildet, und dann kommt sie ins Silberbad,
in dem sie lichtempfindlich gemacht wird. Das passiert schon in der
Dunkelkammer. Man stellt sie senkrecht in einen Tank der wie ein
Entwicklungstank aussieht, und làßt sie 3 Minuten oder so drin.

Man zieht die Platte anschließend vorsichtig aus dem Silberbad raus
und wischt die Rückseite ab (alles in der Dunkelkammer kann mit reichlich
Rotlicht passieren, die Platten haben fast nur Blau- oder UV-Empfindlichkeit),
und verfrachtet sie mit feuchter Vorderseite in die Kassette. Bei uns war
das eine Holzkassette einer historischen Reisekamera von ca. 1900. Bei
modernen Rückteilen wird man vermutlich basteln müssen.

Ab da muß man dann schnell sein, die Platte muß wàhrend des ganzen Prozesses,
auch in der Kamera naß bleiben und darf nicht auftrocknen. Also schnell raus
aus der Dunkelkammer, ins Studio, und Kassette rein in die Kamera.

Belichtung ist "wie üblich", nur halt muß man von ca. ISO 1 ausgehen,
bei uns war das 6 Sekunden Belichtungzeit mit starken Lampen und einem
Tessar (von 1910 oder so ;) mit Blende 4.5. Verschluß braucht man da
keinen, das kann man bequem mit dem Objektivdeckel machen.

Entwickelt wurde in der Dunkelkammer dann "auf Sicht" mit einem
halben Schnapsstamperl Entwickler, der schnell aber gleichmàßig
drübergegossen werden sollte (wir waren alle zu zaghaft). Dann
kommt Wasser als Stoppbad und wieder im Hellen das Fixieren.

Das Fixieren ist (anders als beim heute üblichen SW) einer der
tollsten Momente. Denn da sieht man den Umschlag des entwickelten
Bilds vom Negativ zum Positiv, mit einer Phase wo ein wolkiger
Schleier abgelöst wird dazwischen. Hat jeden von uns beeindruckt.

Nach einer recht "üblichen" Wàsserung (halbe Stunde oder so ins Wasser,
mit ein paarmal Wasserwechsel, in Schalen) hat man ein fertiges Bild,
das mit einer Firnis (Schellack oder in unserem Fall Sandarak, weil
Chrsitian damit bessere Erfahrungen gemacht gehabt hat) überzogen werden
kann, damit es kratzfester ist.

Und wie sieht so ein Foto aus? Ich habe meinen Bruder als "Opfer"
abgelichtet, der in Natura nicht so ein düsterer Gesell ist ;)

https://pi.h5.or.at/drf/rene-tintype.jpg

Die düstere Grundstimmung schaut in Natura viel besser aus als am
Scan, man hat hier wirklich das Bild in der dunkleren Hàlfte des
Helligkeitsspektrums. Seine rötlichen Haare und sein rötlicher
Bart machen das ganze nochmal dunkler.

Die kometenartigen Schleier sind vermutlich Verunreinigungen im
Entwickler (oder Silberbad?) gewesen. In spàteren Bildern des
Nachmittags waren die komplett weg, eventuell hat sich was
setzen müssen.

Insgesamt ist das ganze, wenn man eine fest aufgebaute Dunkelkammer
hat sicher nicht viel aufwàndiger als klassisches SW, wenn man auch
für ganz "perfekte", schleier- und staubfreie Ergebnisse ungeleich
hàrter kàmpfen muß.

Wenn ihr mal Gelegenheit habt sowas mitzumachen: Sehr empfehlenswert.
Ich werde bestimmt nicht loslaufen und mir eine Plattenkamera kaufen,
aber könnte mir vorstellen das bei àhnlichen Gelegenheiten noch mal
zu probieren (dann mit mehr Augenmerk auf die Gestaltung und die
Pràzision de Arbeitens, bei einem Erstversuch ist man froh wenn
man überahaupt ein Bild kriegt, und nicht die Rückseite belichtet ;).

/ralph
 

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#1 Walter Schmid
10/01/2016 - 13:56 | Warnen spam
Am 10.01.2016 um 13:10 schrieb Ralph Aichinger:
Ich habe gestern das Glück gehabt, bei jemandem der es wirklich
kann, bei Christian Heigner (http://www.christianheigner.com, die
Homepage bringt aber IMHO nicht rüber wie beeindruckend seine
Arbeiten in Natura sind), einen Nassplattenworkshop zu machen.



Hattest Du das nie gemacht, als es noch gar nicht anders ging?

Meine in den 70ern selbst vergrösserten Farbfotos mit
Original-Kodak-Chemikalien sind heute arg verfàrbt. Die von mir
entwickelten Negative haben auch gelitten. Grüner Himmel und rosa
Strassen!


Gruss

Walter

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