Natürliche Aufnahmen? Dummfug.

26/08/2016 - 21:58 von Holger Marzen | Report spam
Ich denke, ich ernte keinen Widerspruch, wenn ich behaupte, dass es bei
Pop- und Rockproduktionen keinen natürlichen Sound gibt, weil ganz
bewusst am Klang aller Instrumente und den Stimmen geschraubt wird.
Damit etwas herauskommt, was den Hörern gefàllt. Das ist das Maß der
Dinge, nicht Natürlichkeit.

Dann gibt es die Klassikfreunde, die sich niemal trauen würden, die
Klangregler zu benutzten und schwören, dass jeder Tonmensch mit Ahnung
das Orchester so natürlich wie möglich aufzeichnen wird. Und da kann es
gar keine Diskussion geben.

Die müssen jetzt stark sein. Eine Legende der Tonmeister gab offen zu:

Eberhard Sengpiel: Es gibt ja die be-
rühmten zwei Lager bei der Diskussi-
on über die Natürlichkeit von Tonauf-
nahmen. Die eine Seite meint, dass die
Authentizitàt über allem steht und das
höchste Ziel darstellt. Zum Glück habe
ich schon recht früh erkannt, dass die
Stereofonie nichts Gottgegebenes ist
und auch nur eine künstliche Erfindung
des Menschen darstellt. Wenn man die-
se Einsicht hat, akzeptiert man auch,
dass es keine natürlichen Aufnahmen
geben kann. Stereo ist, genau wie Sur-
round, eine Illusion und zum Erschaffen
dieser Illusion sind alle Mittel recht. Ich
habe zum Beispiel Aufnahmen in der
Berliner Philharmonie gemacht, bei de-
nen ich die Raummikrofone nicht in
den Zuhörerbereich bringen wollte, weil
ich keine Publikumsgeràusche wie Hu-
sten und Rascheln wünschte. Ich muss-
te also mit den Mikrofonen unter die
Decke über dem Orchester gehen. Dort
waren aber die Schallsegel montiert,
hinter denen ein Raumklang wie in
einem Badezimmer herrschte. Unterhalb
der Segel wurden bestimmte Instru-
mente überbetont. Man musste hier al-
so technisch eingreifen, um dem Zuhö-
rer die Illusion zu vermitteln, die Auf-
nahmen klàngen so, wie er es in der
Philharmonie beim Konzert erleben
würde.

Und damit hört es noch lange nicht auf:

Ja – ein anderes
Problem ist, dass man eine Aufnahme,
die genau so klingt wie das Konzerter-
lebnis in einem Saal, überhaupt nicht
hören möchte. In der Philharmonie ak-
zeptiere ich als Zuhörer, dass ich zum
Beispiel die meiste Zeit den Sologe-
sang nicht gut genug hören, zumindest
aber nicht den Text verstehen kann. Ei-
ne solche Produktion würde nicht eine
einzige CD verkaufen, auch wenn sie
möglicherweise natürlicher ist, als das,
was der Tonmeister mit seinen Mitteln
an Natürlichkeit erreichen könnte. Oh-
ne den optischen Eindruck muss man-
chen Instrumenten einfach immer ‚ge-
holfen‘ werden.

Oder auch:

Die Pauken sind
auch so ein Beispiel bei den Pianissimo-
Passagen. Da der Dirigent die Pauken
aus seiner Sicht stimmig wahrnimmt, ist
es meistens schwierig, ihn zu überre-
den, ihnen etwas mehr Anschlag zu er-
lauben. Also muss man technisch nach-
helfen, weil der Hörer sonst nicht unter-
scheiden kann, ob da Pauken spielen
oder ob ein Lastwagen vorbeifàhrt. Man
muss den Mut aufbringen, solche Defi-
zite auszugleichen. Natürlich ist es eine
Überwindung, die Paukenstütze in die-
sem Moment bis zu 10 dB anzuheben.
Aber wenn es der Aufnahme hilft...

Soviel zur angeblichen Klangtreue und Natürlichkeit als höchstes Ziel.
Es geht um Gefàlligkeit. Ob in der Klassik, beim Jazz, beim Pop, Rock,
Schlager oder sonstwas.
 

Lesen sie die antworten

#1 Beate Goebel
26/08/2016 - 22:05 | Warnen spam
Holger Marzen schrieb am 26 Aug 2016

Dann gibt es die Klassikfreunde, die sich niemal trauen würden,
die Klangregler zu benutzten und schwören, dass jeder Tonmensch
mit Ahnung das Orchester so natürlich wie möglich aufzeichnen
wird. Und da kann es gar keine Diskussion geben.



Als "Klassikfreund" sollte man seinen John Culshaw gelesen haben ...

Beate

"Usenet ist schon von seiner Struktur her nicht geeignet
für Gruppenkuscheln." [Katharina Bleuer in dang]

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