Open Source als E-Musik

16/11/2011 - 10:52 von Manuel Rodriguez | Report spam
In der Aufführungspraxis der Musik unterscheidet man zwischen E-Musik
und U-Musik. Besonders im öffentlich-rechtlichen Radio wird an dieser
Tradition festgehalten. Kritiker wenden ein, dass die Einteilung
làngst überholt sei. Trotzdem möchte ich den Grund dafür nàher
erlàutern.



Als ernste Musik (E-Musik) wird dasjenige musikalische Schaffen
bezeichnet, was eine klare Trennung zwischen Komponist und Orchester
aufweist. Der Komponist erfindet eine Tonfolge, z.B. ein
Klavierkonzert in D-Dur, und gibt dann die Partitur an das Orchester.
Das Orchester wiederum interpretiert die aufgeschriebene Notation und
entscheidet über die Aufführung (Blechblàser, Tempovariation, Preise
für Eintrittskarten). Meist wird mit E-Musik zugleich auch eine
wissenschaftlich-künstlerische Intention verbunden, was aber
zweitrangig ist. Vorstellbar wàre es auch, Popmusik zu komponieren, um
sie dann von einem Orchester aufführen zu lassen.


Im Gegensatz dazu steht die Unterhaltungsmusik (U-Musik), welche
gemeinhin inhaltlich mit Michael Jackson, ABBA oder den Rolling Stones
assoziiert wird. Jedoch ist der Unterscheidungspunkt nicht so sehr die
Art der Musik (Pop) sondern vielmehr die Aufführungspraxis. Eine
Trennung zwischen Komponist und Orchester ist bei U-Musik nicht
vorgesehen, vielmehr sind Komponisten und Interpreten ein und dieselbe
Person. Auch wird in der Regel auf eine formale Partiturerstellung
verzichtet zugunsten eines improvisierten Musikstiles. Ähnlich wie bei
der E-Musik kann U-Musik durchaus stilistisch neue Wege einschlagen,
indem beispielsweise eine Popgruppe einen Piano-basierten Sound
vermarktet. Aber auch dann wird daraus keine E-Musik.



Das wichtigste Unterscheidungskriterium ist das Vorhandensein einer
veröffentlichten Partitur. Nur wenn der Komponist (manche würden ihn
als Programmierer bezeichnen), die Notenfolge als wissenschaftliches
Dokument der Allgemeinheit und insbesondere dem Orchester zugànglich
macht, ist der Terminus E-Musik angebracht. Das erinnert sehr stark an
die Open Source Entwicklung, wo ebenfalls auf den Quellcode besonderer
Wert gelegt wird. Ja mehr noch, ein Orchester verliert seine
Existenzberechtigung, wenn ihm die Partitur vorenthalten wird. Was
soll es spielen, wenn Beethoven seine Noten nicht zur Verfügung
stellt? Um also ernste Musik tatsàchlich aufzuführen, ist ein
Orchester zwingend auf Input angewiesen.


Wenn man den Computer mit einem Orchester gleichsetzt, wird deutlich,
wieso Linux ernste Musik ist und Windows nur U-Musik. Nichts gegen
ABBA, die machen auch gute Musik, aber es besteht bei dieser Popgruppe
leider kein theoretischer Anspruch die Musik voranzubringen. ABBA will
einfach nur Geld verdienen und ist überhaupt nicht daran interessiert,
dass ihre Stücke von anderen Interpreten aufgeführt werden. Linux
hingegen (als E-Musik) möchte von möglichst vielen Orchestern gespielt
werden und ist explizit an Kritik interessiert.



Manche àlteren Herren urteilen generell sehr ablehnend über U-Musik
und bezeichnen sie deshalb auch als triviale Musik. Nicht, dass
Michael Jackson etwa keine Leistung erbringt, wenn er im Studio seine
Lieder singt, aber eine theoretische Grundlage haben seine Tonfolgen
nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum manche Künstler zwar sehr
viele Plattenverkàufe erzielen, in der Musikszene jedoch weitgehend
unbekannt bleiben. Schönberg hingegen hat fast überhaupt keine
Chartplatzierungen und trotzdem wird er im 1. Semester der
Musikwissenschaft bereits ausführlich erlàutert. So àhnlich könnte man
vielleicht die Verbreitung von Microsoft Windows als massenkompatible
Trivialkultur bezeichnen, die zwar den Geschmack des Konsumenten
trifft, jedoch auf wissenschaftlicher Ebene eher eine Randerscheinung
bleiben muss.


Selbstverstàndlich findet ausnahmslos eine Zurechtrückung der
Wirklichkeit statt. Da wird betont, dass Windows angeblich einem
Copyright unterliegen würde, und nur deswegen eine Verbreitung des
Quellcodes unterbleibt. Demnach geht die Initiative von der
Herstellerfirma aus. Nach dem Motto: wir könnten sehr wohl auch E-
Musik produzieren tun es aber nicht, weil wir Geld verdienen wollen.
Das ist jedoch nichts weiter als ein Euphemismus. Microsoft hat keine
Ahnung von Software und weicht deshalb auf Trivialsoftware aus. Wer in
der 1. Liga nicht punkten kann, der versucht sich eben in billigen
Spelunken mit dem Barpiano. Ein echtes Orchester würde soetwas
generell nicht aufführen, dafür fehlt das inhaltliche Niveau. Es gibt
einen klaren Unterschied zwischen E und U, und der wird durch die
Rezipienten bestimmt und nicht durch die Künstler. Ich vermute einfach
mal, dass die Fans von Michael Jackson seine Partitur überhaupt nicht
sehen wollen ...
 

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#1 Arno Welzel
16/11/2011 - 14:01 | Warnen spam
Manuel Rodriguez, 2011-11-16 10:52:

In der Aufführungspraxis der Musik unterscheidet man zwischen E-Musik
und U-Musik. Besonders im öffentlich-rechtlichen Radio wird an dieser
Tradition festgehalten. Kritiker wenden ein, dass die Einteilung
làngst überholt sei. Trotzdem möchte ich den Grund dafür nàher
erlàutern.



Und das hat mit Linux genau was zu tun?

[...]
Selbstverstàndlich findet ausnahmslos eine Zurechtrückung der
Wirklichkeit statt. Da wird betont, dass Windows angeblich einem
Copyright unterliegen würde, und nur deswegen eine Verbreitung des
Quellcodes unterbleibt. Demnach geht die Initiative von der
Herstellerfirma aus. Nach dem Motto: wir könnten sehr wohl auch E-
Musik produzieren tun es aber nicht, weil wir Geld verdienen wollen.
Das ist jedoch nichts weiter als ein Euphemismus. Microsoft hat keine
Ahnung von Software und weicht deshalb auf Trivialsoftware aus. Wer in



Manche Leute verbiegen sich offenbar die Wirklichkeit ganz nach Wunsch.

der 1. Liga nicht punkten kann, der versucht sich eben in billigen
Spelunken mit dem Barpiano. Ein echtes Orchester würde soetwas
generell nicht aufführen, dafür fehlt das inhaltliche Niveau. Es gibt
einen klaren Unterschied zwischen E und U, und der wird durch die
Rezipienten bestimmt und nicht durch die Künstler. Ich vermute einfach
mal, dass die Fans von Michael Jackson seine Partitur überhaupt nicht
sehen wollen ...



Und ich vermute, dass Du weder von Musik noch von Softwareentwicklung
etwas verstehst.


Arno Welzel
http://arnowelzel.de
http://de-rec-fahrrad.de

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