Forums Neueste Beiträge
 

Poincaré und der Äther

22/04/2009 - 23:15 von Homo Lykos | Report spam
Weil das Thema Äther bei Poincaré immer wieder kontrovers diskutiert wird,
habe ich hier einige Zitate aus "Wissenschaft und Hypothese" (im Handel
erhàltliche deutsche Übersetzung von Lindemann, Xenomos-Verlag, 2003)
zusammengetragen, das Einstein mit Sicherheit gründlich gelesen hatte, wie
wir von Solovine wissen (ohne ein minimales Wissen über den Sprachgebrauch
in der Zeit von etwa 1900 wird man das alles aber kaum richtig verstehen
können; Poincaré spricht schliesslich seine Zeitgenossen und nicht uns an,
auch wenn er gerade diesbezüglich seiner Zeit weit voraus war). Noch eine
Vorbemerkung: Es hat keinen Sinn diese Zitate einzeln zu kommentieren, ohne
dass man *alle* aufgeführten Zitate zuerst langsam und im gegenseitigen
Zusammenhang gelesen und überlegt hat; in eckigen Klammern stehen Lesehilfen
von mir; ungewohnt ist (beim Lesen) der hàufige Gebrauch von Strichpunkten,
wo wir eher Punkte setzen würden.

Aus dem Kapitel "Optik und Elektrizitàt" (1901/1902):

"Es kümmert uns wenig, ob der Äther wirklich existiert; das ist Sache des
Metaphysikers; wesentlich für uns ist nur, dass alles sich abspielt, als
wenn er existierte, und dass diese Hypothese für die Erklàrung der
Erscheinungen bequem ist (vergl. oben S. 118). Haben wir übrigens eine
andere Ursache, um an das Dasein der materiellen Objekte zu glauben? Auch
das ist nur eine bequeme Hypothese; nur wird sie nie aufhören zu bestehen,
wàhrend der Äther eines Tages ohne Zweifel als unnütz verworfen wird."



"Die Theorie der Wellenbewegungen beruht auf einer molekularen Hypothese;
für die einen, d.h. für diejenigen, welche glauben, auf diese Art den
Urgrund der Gesetze zu entdecken, ist es ein Vorteil; für die anderen ein
Grund mehr zum Misstrauen; aber dieses Misstrauen der letzteren scheint mir
ebensowenig gerechtfertigt zu sein wie die Illusion der ersteren.
Diese Hypothesen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Man könnte sie
opfern; man tut es gewöhnlich nicht, weil die Darstellung an Klarheit
verlieren würde [etwa in der Zeit von 1900]; aber das ist auch der einzige
Grund (vergl. S. 154).
Und wirklich, bei nàherer Betrachtung wird man sehen, dass man den
molekularen Hypothesen nur zwei Dinge entlehnt: das Prinzip von der
Erhaltung der Energie und die lineare Form der Gleichungen, welche das
oberste Gesetz für die kleinen Bewegungen wie überhaupt für alle kleinen
Verànderungen ist.
Das erklàrt, warum die meisten Schlussfolgerungen Fresnels ohne Verànderung
fortbestehen, wenn man die von Maxwell begründete elektro-magnetische
Theorie des Lichtes annimmt."

Aus dem nàchsten Kapitel "Die mechanische Erklàrung der physikalischen
Erscheinungen":

"Wenn man also dem Prinzipe der kleinsten Wirkung nicht genügen kann, so
gibt es keine mögliche mechanische [Äther-]Erklàrung; wenn man dem Prinzip
genügen kann, so gibt es nicht nur eine Erklàrung, sondern unendlich viele
Erklàrungen, woraus hervorgeht, dass es unendlich viele gibt, sobald es eine
gibt."

Etwa eine Seite spàter findet man:

"Wie soll man unter allen diesen möglichen Erklàrungen eine Wahl treffen,
für die wir in den Experimenten keinen Anhalt finden? Es wird vielleicht der
Tag kommen, an dem die Physiker diesen für die positiven Methoden
unzugànglichen Fragen kein Interesse mehr schenken und sie den Metaphysikern
überlassen. Dieser Tag [1902] ist noch nicht gekommen [diesen Gedanken
findet man in àhnlichen Formulierungen bei Poincaré immer wieder; zuletzt
bei seinem berühmten Vortrag in London 1912]; der Mensch gesteht nicht so
leicht ein, dass er den Grund der Dinge niemals erkennen kann.
Unsere Wahl kann also nur von Betrachtungen geleitet werden, bei denen der
Anteil persönlicher Neigung und Vorliebe sehr gross ist; ..."

Ich füge hinzu - weil ich mit Poincaré hier nicht ganz einig bin - dass es
für das Fortschreiten der Physik sehr wohl darauf ankommt, was man bezüglich
solcher scheinbar unwichtigen und vor allem scheinbar frei wàhlbaren
Anschauungen für eine Auswahl trifft, weil sie so etwas wie unangeschriebene
Wegweiser sind, die in verschiedene Richtungen weisen, ohne dass sie uns
Auskunft darüber geben und geben können, welche Wege die besten bzw.
zukunftstràchtigsten sind. Um eine möglichst grosse Chance zu haben die
besten Wege nicht zu verpassen, braucht es darum gerade in der Forschung
Vielfalt und nicht die heute gepredigte, globale, angelsàchsische Einfalt,
die neuerdings sogar mit rigorosen, weltweit wirksamen Zensurmethoden
und Sprachvögten durchgesetzt wird.


Homo Lykos
www.wolff.ch

Ceterum censeo: Zur Ehre Galileis,
zur Freude der Grossen der Physik von Planck, Einstein bis Heisenberg
ermögliche man auch wieder deutschsprachige Physikveröffentlichungen.
 

Lesen sie die antworten

#1 Vogel
23/04/2009 - 07:57 | Warnen spam
"Homo Lykos" wrote in
news:49ef88f7$:




Langweiliger alter Kram, der wohl zu 100% nicht mehr zu entwirren ist.



Du verfolgst die Sache mit zuviel Fanatismus und Verbissenheit,
als diese es wert ist.




Selber denken macht klug.

Ähnliche fragen