Forums Neueste Beiträge
 

PowerPoint und Rhetorik

12/12/2007 - 16:52 von Rudolf Goeldner | Report spam
Hallo,

in dem Buch "PowerPoint-Pràsentationen" aus dem UVK-Verlag
von 2007 bin ich auf den Aufsatz "PowerPoint aus
rhetoriktheoretischer Sicht" des Tübinger
Rhetorik-Professors Joachim Knape gestoßen, in dem folgendes
zu lesen ist:

„Formulargestützte Kommunikation, also auch die mit
PowerPoint-Formatvorlagen, sind die Kommunikationskrücken,
auf die sich die Gebrechlichen und Hilflosen, aber
Ambitionierten in der Welt des Kommunikationsstresses
stützen. Hier habe ich also durchaus Verstàndnis für den
PowerPoint-Pauperismus geplagter Abteilungsleiter, die ihr
Heil in der computertechnischen Lösung ihrer rhetorischen
Probleme suchen. Ab einer bestimmten Stufe der Gewöhnung und
Professionalisierung werden diese Krücken aber
erfahrungsgemàß abgeworfen; der weiterhin nur elementar mit
PowerPoint arbeitende Rest bleibt im Zustand des
kommunikativen Pauperismus.“

Sieht man einmal von der Überheblichkeit dieser Aussage ab,
bleibt halt doch ein wahrer Kern:
Aus den Erfahrungen der Rhetorik aus über 2000 Jahren und
den Erkenntnissen der modernen Psy­chologie wissen wir, dass
Menschen sich in erster Linie nicht von Medien, sondern
allein von ande­ren Menschen beeindrucken und überzeugen
lassen. Dem Auftreten des Vortragenden einer
Power­Point-Pràsentation fàllt infolgedessen eine
Schlüsselrolle zu.

Bei den meisten PowerPoint-Pràsentationen haben die
projizierten Folien den absoluten Vorrang. Damit hat der
Vortragende nicht mehr die Möglichkeit, das Publikum durch
sein Auftreten und seine Persönlichkeit zu beeinflussen.

Ich hatte nun gehofft, dass die Rhetorik, die klassische
Wissenschaft von der Kunst des Vortrags und der Überzeugung
der Zuhörer, sich auch dem modernen Medium "Folien-Vortrag"
öffnen würde - aber weit gefehlt, wie obige Aussage belegt.

Daraus habe ich die Konsequenz gezogen: Wenn die Rhetorik
nicht zu PowerPoint kommt, muss halt PowerPoint zur Rhetorik
kommen.

Also habe ich mich daran gemacht, und versucht, aus den
Grundlagen der Rhetorik und Erkenntnissen der modernen
Psychologie "Grundsàtze für gute PowerPoint-Pràsentationen"
abzuleiten.

Wenn sich jemand dafür interessiert:
http://powerpointrhetorik.de/Produk...adien.html

Viele Grüße
Rudolf Göldner
 

Lesen sie die antworten

#1 Werner Markus
12/12/2007 - 20:12 | Warnen spam
Guten Abend Rudolf,

Dein Wunsch, Anstöße zur Verbesserung von Vortràgen zu geben, ist an
sich begrüßenswert. Deine Web-Seite werde ich weiterempfehlen.

Ich vermisse aber auch einige "handwerkliche" Gesichtspunkte. Wie ordne
ich Gedanken auf der Folie an? Wie visualisiere ich sie? Was muss ich
tun, damit sie auch lesbar sind (Fontgröße!). Wieviel Information darf
ich auf eine Folie bringen? Was muss ich unternehmen, um meine Zuhörer
auf den Gesichtspunkt auf der Folie zu konzentrieren, den ich gerade
erlàutere?

Bei Ingenieuren, Naturwissenschaftlern, Mathematikern,
Wirtschaftswissenschaftlern und anderen sind auch oftmals sehr abstrakte
Dinge zu visualisieren, die oft der mathematischen Unterstützung bedürfen.

Wann darf ich Gleichungen einsetzen? Was muss ich bei ihrer Pràsentation
beachten (niemals vorlesen!). Was kann ich tun, um die Gleichungen
nachverfolgbar zu entwickeln? Welche Lösungsschritte führe ich vor,
welche lasse ich für den auszuteilenden Umdruck (neudeutsch: Handout)?
(Das ist durchaus anders als bei der Pràsentation an der Tafel). Wann
und in welchem Umfang setze ich statt dessen visualisierende Grafiken
ein? (Nein, nicht immer!)

Ich kann auch nicht ganz die amerikanische Mode der Minisàtze gutheißen.
Dort, wo einfache Gedanken auszudrücken sind, geht das sehr gut und mit
Vorteil. Aber bereits da, wo man bedingte Aussagen machen muss, kommt
man um eine Nebensatzkonstruktion kaum noch herum, oder kompliziert die
Dinge. (Ich weiß, das war jetzt kein guter Satz für eine Pràsentation,
aber wir diskutieren doch in einer deutschsprachigen Umgebung, und die
deutsche Sprache ist geradezu pràdestiniert, exakte Zusammenhànge und
Nuancen auszudrücken. Da ich auch in englischer Sprache publiziere, weiß
ich, wovon ich rede!).

Wenn Du Deine Web-Seite um solche Gedanken anreichern könntest, wàre das
sicher eine gute Idee.

Ansonsten sehe ich den "Streit" um die Verwendung von Powerpoint sehr
pragmatisch. Ich benutze Powerpoint als Werkzeug, und zwar als ein sehr
praktisches, wenn auch sehr komplexes. Es ist eben wie immer, wenn man
ein fortgeschrittenes Werkzeug benutzt: man muss sich damit vertraut
machen, sonst wird man kaum Nutzen davon haben. Die eigene Kreativitàt
kann bei guter Beherrschung unterstützt werden, aber auch nur dann, wenn
eigene Kreativitàt eingesetzt wird.

Deinen Beitrag sehe ich als Unterstützung der Bemühungen, besseren
Gebrauch von Powerpoint zu machen. In diesem Sinne wünsche ich Dir Erfolg,

Werner

Rudolf Goeldner schrieb am 12.12.2007 16:52:
Hallo,

in dem Buch "PowerPoint-Pràsentationen" aus dem UVK-Verlag
von 2007 bin ich auf den Aufsatz "PowerPoint aus
rhetoriktheoretischer Sicht" des Tübinger
Rhetorik-Professors Joachim Knape gestoßen, in dem folgendes
zu lesen ist:

„Formulargestützte Kommunikation, also auch die mit
PowerPoint-Formatvorlagen, sind die Kommunikationskrücken,
auf die sich die Gebrechlichen und Hilflosen, aber
Ambitionierten in der Welt des Kommunikationsstresses
stützen. Hier habe ich also durchaus Verstàndnis für den
PowerPoint-Pauperismus geplagter Abteilungsleiter, die ihr
Heil in der computertechnischen Lösung ihrer rhetorischen
Probleme suchen. Ab einer bestimmten Stufe der Gewöhnung und
Professionalisierung werden diese Krücken aber
erfahrungsgemàß abgeworfen; der weiterhin nur elementar mit
PowerPoint arbeitende Rest bleibt im Zustand des
kommunikativen Pauperismus.“

Sieht man einmal von der Überheblichkeit dieser Aussage ab,
bleibt halt doch ein wahrer Kern:
Aus den Erfahrungen der Rhetorik aus über 2000 Jahren und
den Erkenntnissen der modernen Psy­chologie wissen wir, dass
Menschen sich in erster Linie nicht von Medien, sondern
allein von ande­ren Menschen beeindrucken und überzeugen
lassen. Dem Auftreten des Vortragenden einer
Power­Point-Pràsentation fàllt infolgedessen eine
Schlüsselrolle zu.

Bei den meisten PowerPoint-Pràsentationen haben die
projizierten Folien den absoluten Vorrang. Damit hat der
Vortragende nicht mehr die Möglichkeit, das Publikum durch
sein Auftreten und seine Persönlichkeit zu beeinflussen.

Ich hatte nun gehofft, dass die Rhetorik, die klassische
Wissenschaft von der Kunst des Vortrags und der Überzeugung
der Zuhörer, sich auch dem modernen Medium "Folien-Vortrag"
öffnen würde - aber weit gefehlt, wie obige Aussage belegt.

Daraus habe ich die Konsequenz gezogen: Wenn die Rhetorik
nicht zu PowerPoint kommt, muss halt PowerPoint zur Rhetorik
kommen.

Also habe ich mich daran gemacht, und versucht, aus den
Grundlagen der Rhetorik und Erkenntnissen der modernen
Psychologie "Grundsàtze für gute PowerPoint-Pràsentationen"
abzuleiten.

Wenn sich jemand dafür interessiert:
http://powerpointrhetorik.de/Produk...adien.html

Viele Grüße
Rudolf Göldner







Ähnliche fragen