"Reine Mathematiker" im Beruf?

07/03/2009 - 14:11 von smath235 | Report spam
Hallo!

Ich habe schon oft gehört, dass die Berufsaussichten für Diplom-
Mathematiker àußerst gut seien, geringe Arbeitslosenquote, im Mittel
recht gute Gehàlter, sehr breites Spektrum an möglichen Tàtigkeiten
usw.

Allerdings scheint es mir so, dass dies vor allem für Absolventen
gilt, die sich in ihrem Studium eher auf angewandte Mathematik (etwa
Finanzmathematik, Numerik, Kryptologie, Operation Research ...)
spezialisiert haben, besondere Programmierkenntnisse aufweisen oder
Nebenfach BWL hatten.

Wie sieht es jedoch mit Absolventen aus, für die nichts von dem
zutrifft? Natürlich muss man in den meisten Unis, soweit ich weiß
zumindest ein paar Vorlesungen in angewandter Mathematik hören und
sich dort prüfen lassen (WT oder Numerik oder so...). Aber nehmen wir
mal an, jemand hàtte hier nur das absolute Minimalprogramm absolviert
und dann seine Diplomarbeit (und evtl. Doktorarbeit) in reiner
Mathematik geschrieben (z.B. im Umfeld von Geometrie, Algebra,
Operatortheorie, math. Physik^(*)). Auch wenn man dann vielleicht
Nebenfach Physik hatte und dort wesentlich mehr gehört und verstanden
hat, als man vom Studienplan her müsste, frage ich mich, inwiefern die
mit einem derartigen Studienschwerpunkt erworbenen Fàhigkeiten und
Kenntnisse außerhalb einer möglichen Universitàtskarriere nützlich
sein können.

Auf diese Bemerkung bekommt man oft gesagt, dass es vor allem wichtig
sei, dass man im Mathematikstudium "denken" gelernt hàtte und wie man
sich schnell in komplexe Sachverhalte einarbeitet. Sowie dass man etwa
fehlende BWL-, Programmier- oder sonstige Kenntnisse schnell nachholen
könne usw. Außerdem sei es für die Unternehmen einfach wichtig Leute
mit sehr unterschiedlichem Hintergrund in Teams zu haben um sozusagen
den Ideenfluss anzuregen.

Natürlich kann man solche Aussagen nicht einfach unkritisiert stehen
lassen. So fragt man sich z.B. was dieses "denken" bedeuten soll.
Vermutlich geht es darum, dass man in der Mathematik, wenn man selbst
dort Probleme löst (das fàngt ja schon bei gut gestellten
Übungsaufgaben an), einerseits extrem pràzise und genau, andererseits
sehr sehr kreativ denken lernt. Aber wir groß ist der Vorteil
gegenüber anderen Fàchern durch diese Schule wirklich? Kann er
überhaupt so "groß" sein, um den Mangel an Fachkenntnissen, die in
einem bestimmten Unternehmen verlangt werden und andere über Jahre
hart erarbeitet haben, irgendwie zu kompensieren? Das erscheint mir
doch sehr fraglich.

Und stimmt das "sich schnell einlesen können" wirklich? Natürlich
hàngt das von der persönlichen Begabung ab, aber fördert das
Mathematikstudium diese Fàhigkeit tatsàchlich? In der Mathematik hat
man es, denke ich, viel stàrker als in anderen Fàchern mit einer klar
strukturierten Sprache zu tun... (man braucht sich nur mal im
Gegensatz dazu eine gewöhnliche Physikvorlesung anhöhren, und merkt,
dass man dort mit dem aus der Mathematik gewohnten Anspruch an
begriffliche Klarheit usw. sehr schnell aneckt). Also wieso sollte
sich dann ein Mathematiker besonders gut in nicht-mathematische
Literatur einarbeiten können, die ja vermutlich begrifflich viel
schwammiger geschrieben ist und an vielen Stellen logisch vielleich
nicht so konsistent wie aus der Mathematik gewohnt?


Ich hoffe, dass einige Leute in dieser Newsgroup ein àhnliches Profil
aufweisen wie das oben skizzierte (oder zumindest andere kennen) und
vielleicht kurz etwas dazu schreiben können, wie sie damit im Beruf
konkret untergekommen sind. Außerdem würden mich persönliche
Erfahrungen aus der Berufswelt zu oben zitierten Sprüchen ("denken"
gelernt usw." ) interessieren.


^(*) Ich schlage das mal auf die "reine Mathematik"-Seite, da ich hier
eher an grundlegende mathematische Aspekte von (geom.) Mechanik, QM,
QFT usw. denke und dies wohl eher weniger "Anwendungen" sind, die in
der Wirtschaft interessant sind...



P.S. Falls doch Fachkenntnisse aus Topologie, Geometrie, Algebra oder
anderen Gebieten, die man nicht in die Schublade "angewandte
Mathematik" einsortieren würde, in der Wirtschaft/Industrie
interessant sein könnten lasse ich mich gerne belehren. Für die Luft-
und Raumfahrt könnte es evtl. interessant sein, wenn man sich mit
Differentialgeometrie auskennt, aber da sind dann doch wohl eher
elementarere Kenntnise gefragt (die man als Ing. wahrscheinlich auch
lernt), vermute ich... Könnte geometrische Mechanik für Robotik oder
so relevant sein? Vermutlich eher nicht...
 

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#1 Robin Koch
07/03/2009 - 17:43 | Warnen spam
schrieb:

Auf diese Bemerkung bekommt man oft gesagt, dass es vor allem wichtig
sei, dass man im Mathematikstudium "denken" gelernt hàtte und wie man
sich schnell in komplexe Sachverhalte einarbeitet.



Bei uns heißt es zudem, daß an Mathematikern vor allem ihre "hohe
Frustrationstoleranz" geschàtzt wird. :-)

Und stimmt das "sich schnell einlesen können" wirklich? Natürlich
hàngt das von der persönlichen Begabung ab, aber fördert das
Mathematikstudium diese Fàhigkeit tatsàchlich?



Wenn sie sie nicht fördert, dann selektiert sie sie in meinen Augen zumindest.

Mit anderen Worten: Wer ein Mathematikstudium durchsteht hat bewiesen, daß er
einiges aushalten kann. :-)

Ob er sich dieses Durchhaltevermögen im Studium angeeignet hat oder schon vorher
hatte ist dabei zweitrangig.


Aber aus gegebenem Anlass finde ich Deine Frage durchaus interessant. 0:-)

Hoffen wir, daß sie nicht von zuvielen ausgefiltert wurde, weil:

<OT>
- Du keinen Realname eingetragen hast
- Du über Google Groups postest
- Du eine googlemail-Adresse benutzt
</OT>

Robin Koch
[In Newsgroups] für Webforen zu werben hat in etwa den gleichen Effekt
wie auf einer Intensivstation für Brandverletzte Werbung für Sonnencreme
zu machen. - (Lothar Kimmeringer in drfm)

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