Smolin: Nichts erreicht

28/09/2009 - 09:05 von Philo | Report spam
Nur selten liest man jenseits von Selbstbeweihràucherung und
gegenseitigem Schulterklopfen nachdenklichere Töne in der
Wissenschaft. Noch seltener legt ein Insider den Finger in die Wunde.
Hier zwei Zitate aus Lee Smolins Buch "Die Zukunft der Physik" :

http://www.randomhouse.de/content/e.../35182.pdf

"Um es ganz offen zu sagen – und um die Pointe vorwegzunehmen – wir
sind gescheitert. Wir haben eine naturwissenschaftliche Disziplin, die
Physik, geerbt, die so lange so rasante Fortschritte erzielt hat, dass
sie hàufig als Vorbild für die Methoden in anderen wissenschaftlichen
Disziplinen galt. Zweihundert Jahre lang, bis in die Gegenwart, hat
unser Verstàndnis der Naturgesetze rapide zugenommen. Doch heute sind
wir, trotz größter Anstrengungen, in Hinblick auf das, was wir über
diese Gesetze mit Sicherheit wissen, keinen Schritt weiter als in den
Siebzigerjahren. Wie ungewöhnlich ist es, dass in drei Jahrzehnten
kein größerer Fortschritt in der physikalischen Grundlagenforschung
erzielt wurde? Selbst wenn wir mehr als zweihundert Jahre
zurückblicken, in eine Zeit, als die naturwissenschaftliche Forschung
überwiegend von wohlhabenden Amateuren betrieben wurde, hat es so
etwas nicht gegeben."

"Ich gehöre zur ersten Generation der Physiker, die ihre Ausbildung
nach Entwicklung des Standardmodells der Teilchenphysik erhielten.
Wenn ich alte Freunde aus College- oder Unizeiten treffe, fragen wir
uns gelegentlich: »Was haben wir entdeckt, worauf unsere Generation
stolz sein könnte?« In Hinblick auf neue grundlegende Entdeckungen,
durch Experimente bestàtigt und durch Theorien erklàrt – also
Entdeckungen von der oben beschriebenen Bedeutung –, muss unsere
Antwort lauten: »Nichts.« "

Haben wir richtig gelesen? Nichts? Gar nichts? Aha. Die
wichtigtuerischen Verlautbarungen und Ankündigungen, die vielen
"Papers", der ganze Konferenzzirkus der letzten 40 Jahre: das alles
ergab also NICHTS wesentlich Neues. Sieht man deswegen allerorten
betretene Mienen? Nein. Die Stimmung ist bei weitem besser als die
Leistung. Warum auch nicht, solange die Geldgeber nicht die Hoffnung
verlieren, solange man substanzloses mathematisches Getratsche als
aufregende Neuerung verkaufen kann, solange man Bekanntes elegant neu
verpackt unter die Leute bringen kann.

Wie konnte es dazu kommen?

Die Antwort ist komplex und hat in erster Linie mit den menschlichen
Denk- und Verhaltensmustern zu tun, vor allem mit dem Nachahmungs- und
Herdentrieb, den man überall besichtigen kann. Von diesem
Problemknàuel sei nur eine einzige Facette kurz behandelt: die
Verkümmerung des kritisch-rationalen Denkens durch ein Übermaß von
Mathematik, oft sogar halb- und unverstandener Mathematik. Ohne
Sinnesorgane und ohne Verarbeitung der Sinnesempfindungen zu einem
kohàrenten Muster der Umgebung könnten wir über die Welt nichts
wissen. Die neuzeitliche Physik ist gekennzeichnet durch die
Verbindung zwischen àußeren und inneren Mustern, wie ich sie nennen
möchte, zwischen den Sinnesmustern und den mathematischen Mustern. Die
neuzeitliche Physik konnte sich lange Zeit an der durchschlagend
erfolgreichen und ebenso durchschlagend einsichtigen Mechanik Newtons
entlanghangeln. Die mathematische Fantasie war dadurch lange Zeit
blockiert, obwohl sie immer wieder vernehmlich rumorte. Aber bei der
Wàrme und erst recht bei den elektrischen Erscheinungen war es anders,
die Mechanik geriet dort in heftige Probleme. Diese beiden Gebiete
warteten also auf eine gründliche theoretische Bearbeitung, doch
leider bescherte uns das Schicksal nicht etwa einen neuen Newton
sondern bloß Clausius und Boltzmann, Einstein und Bohr. Nach den
ersten traurigen Exzessen (Entropie, Wàrmetod des Universums) kam
begrifflich alles ins Rutschen. Die Rolle der inneren und àußeren
Muster kehrte sich um, Heuristik, Rabulistik und "kühne Postulate"
traten an die Stelle ernsthafter, gründlicher Überlegungen. Wie in der
Finanzbranche war der kurzfristige (Schein-)Erfolg wichtiger als
Substanz. Wer solches anmahnte, galt als veraltet.

Damit hatte man eine gewisse Zeit einen gewissen Erfolg, aber, um mit
Blochinzew zu reden: der Erfolg war doch sehr beschrànkt. Blochinzew
forderte daher schon vor 50 Jahren "neue, irgendwie vollkommen
verrückte Ideen". Heisenbergs Weltformel jedenfalls erschien ihm als
"zu wenig verrückt". Die Hilferufe an die Adresse der vollkommen
Verrückten wurden zwar erhört, doch bekanntlich brachten die
Stringtheoretiker auch keine Besserung, alle Bemühungen
verröchelten.Wie man hört, wurde die Ankunft der Weltformel jetzt auf
das Jahr 2050 verschoben. Doch sicher wird auch 2050 ereignislos
vorübergehen. Der Gedanke, man könne die Erscheinungen der Welt in
eine einzige Formel pressen, kann wohl nur als Satire gelten. Man wird
an Douglas Adams' groteske Romane erinnert, in denen ein Supercomputer
die ersehnte Antwort liefert: 42. Mit der Weltformel ist es also wie
mit der Wiederkunft Christi. Ursprünglich als kurz bevorstehend
verkündet, warten wir nun schon mehr als 2000 Jahre.

Die Mathematik ist zu einer Art Ersatzdroge der Physiker geworden.
Schon der Ausdruck "mathematische Physik" ist, wörtlich aufgefasst,
ein Widerspruch in sich. Da sich physikalische Einsichten nicht
einstellen wollten, begnügt man sich seit langem mit formalem
Gefummel, zusammengehalten durch mehr oder minder willkürliche
Überlegungen, die an die Straßenverkehrsordnung erinnern: Gebote,
Verbote, Regeln, Prinzipien. Die Not wurde zur Tugend erklàrt:
"Prinzipiell" sei etwas anderes nicht zu erwarten, diese Methode sei
die einzig richtige und zulàssige. Doch wie jede ehemals neue und in
einer gewissen Situation erfolgreiche, doch nach einiger Zeit nur noch
schematisch eingesetzte Masche nutzt sie sich ab. Schon bei Dirac
sieht man die Tragödie in aller Deutlichkeit. Er hüpft von einem
Ansatz zum nàchsten; eine Gleichung nach der anderen wird abgeklopft,
im Stile eines Zwangsneurotikers geht es hektisch im Kreis, ohne
Erfolg. Es geht ihm nicht um physikalische Forschung sondern um die
Wiederherstellung mathematischer Schönheit. In Diracs Verstàndnis ist
natürlich beides dasselbe. Tiefe Frustration angesichts des
Misserfolgs ist die Folge. Pauli 1957: "Allmàhlich gewöhne ich mich an
den Gedanken, einen wirklichen Fortschritt nicht mehr zu erleben." Die
großen Theoretiker sind mit ihrem mathematischen Latein am Ende und
etwas anderes haben sie nicht gelernt. Heute, nach weiteren 50 Jahren
Rundweg auf den bekannten Trampelpfaden, sind ihre Enkel keinen
Schritt weiter. Nur die großartige Geste in der Öffentlichkeit und das
dröhnende Selbstbewusstsein sind geblieben. Man beschwört die
ruhmreichen Taten der Vergangenheit und vergisst die triste Gegenwart.

Wie in der Antike ist eine Selbstheilung dieser Art formalistischer
Wissenschaft ausgeschlossen. Schon die Inzucht an den Universitàten
verhindert jede Besserung. Die Kreativen werden gemobbt, verkümmern,
resignieren und bringen sich in ganz tragischen Fàllen um.
Stumpfsinnig wie eh und je werden Teilchen zertrümmert und die immer
gleichen Experimente in immer gleicher Form wiederholt. Natürlich
erfordert diese Einfallslosigkeit immer mehr Geld für immer pràzisere
Instrumente und immer stàrkere Beschleuniger. Quantitàt statt
Qualitàt.

Um auf Smolin zurückzukommen: Wer sonst in der Gesellschaft erklàrt,
er sei gescheitert, der wird abgewàhlt, rausgeworfen oder geht von
selbst. Neue Leute bekommen ihre Chance. Leider können wir nicht
hoffen, dass Smolin und Kollegen die Sache àhnlich sehen.
 

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#1 DrStupid
28/09/2009 - 14:58 | Warnen spam
Philo schrieb:

Haben wir richtig gelesen? Nichts? Gar nichts? Aha. Die
wichtigtuerischen Verlautbarungen und Ankündigungen, die vielen
"Papers", der ganze Konferenzzirkus der letzten 40 Jahre: das alles
ergab also NICHTS wesentlich Neues. Sieht man deswegen allerorten
betretene Mienen? Nein.



Warum auch? Die Aufgabe der Naturwissenschaft besteht in der
Beschreibung der Natuzr und nicht in der Unterhaltung irgend eines
Publikums durch stàndig neue Ideen. Wenn man in den letzten Jahrzehnten
nichts grundlegend neues gefunden hat, dann beweist das nur, wie gut die
bisherigen Beschreibungen der Natur sind. Was kann der Physik denn
besseres passieren?

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