Spiegel-Artikel von heute zu Hypercard

02/06/2012 - 22:13 von usenet | Report spam
»Wie Apple beinahe das Web erfand«

<http://www.spiegel.de/netzwelt/web/...rowser-wir
d-25-a-836237.html>

Grüße
Götz
http://www.knubbelmac.de/
 

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#1 usenet
02/06/2012 - 23:56 | Warnen spam
Goetz Hoffart wrote:

»Wie Apple beinahe das Web erfand«



Und (m)eine Antwort:
http://www.knubbelmac.de/blog/hyper...owser.html

-8<-8<-8<-8<-
Blog: Hypercard statt Web-Browser?

Der Spiegel schreibt heute in einem Artikel »Wie Apple beinahe das Web
erfand« zum 25. Geburtstag von Hypercard, dass Apple drauf und dran war,
ein Informationsnetz zu begründen, wie es nur vier Jahre spàter mit dem
WWW in Erscheinung trat. Und wie wir alle wissen: es nicht gemacht hat.
Warum?


*Frühe Chancen*

Richtig ist, dass Apple damals eine große Chance vergab: Hypercard hàtte
viel größer werden können, als es wurde. Es revolutionierte die
Hypertext-Dokumentkreation, viele Amateure und Profis konnten endlich
ohne tiefere technische Kenntnisse selbst Hypertext-Dokumente
zusammenklicken und mittels einfacher Code-Schnippsel in einer leicht
verstàndlichen Sprache erweitern. Nachdem Apple Hypercard den Macs
kostenlos beilegte, entstanden innerhalb von wenigen Monaten eine
Vielzahl von großen und kleinen Werken, von Enzyklopàdien, kleinen
Spielchen, Infosysteme über Dinosaurier bis zu Vereinsverwaltungen,
Bibliotheks-Ausleihsystemen und Firmenpràsentationen.

Windows tritt auf

Doch der Mikrokosmos war auf Macs beschrànkt, was 1987-89 kein großes
Wunder war. Windows war praktisch nicht existent, alternative Systeme
wie AmigaOS und GEM für den Atari ST nahm man in Cupertino trotz ihrer
Verbreitung nicht ernst. Im Forschungsbereich traf man meist auf
Workstations mit UNIX oder DomainOS mit recht rudimentàren grafischen
Oberflàchen. Heute wissen wir, dass sich das Spiel ab 1990 stark
ànderte, als Windows 3.0 auf den Markt kam und schnell Erfolg hat. Aus
damaliger Sicht war man sich der eigenen Überlegenheit wohl zu sehr
bewusst.

Windows gewann langsam Marktanteile, und spàtestens 1992 mit Windows 3.1
nahm das Tempo zu. Gleichzeitig zu den Anfàngen dieses Erfolgs hatte
Apple Hypercard nicht mehr kostenlos beigelegt: dem Mac mitgelieferte
wurde nur noch der kostenlose Betrachter. Das Autorenwerkzeug Hypercard
musste nun für 400 DM gekauft werden.


*Nicht für Nachbars Rechner*

Diese zwei Entwicklungen wurden flankiert durch die Nichtentscheidung,
Hypercard gut netzwerkfàhig zu machen und auf eine breitere technische
Basis für andere Plattformen zu stellen. Apple produzierte damals keinen
Hypercard-Betrachter für UNIX/X11 oder Windows. Wollte man also für
viele Menschen publizieren, dann war Hypercard eine Sackgasse - man
konnte es nur durch Download einzelner Hypercard-Anwendungen (Stacks)
verteilen, die aber untereinander nicht über das Internet verknüpft sein
konnten. Und UNIX-/Windows-Anwender konnten es gar nicht betrachten.

Prinzipiell war das noch nicht schlimm, denn Alternativen gab es wenig:
das Internet war 1989 noch nicht öffentlich für jedermann zugànglich,
alternative Netze wie GEnie oder Compuserve glichen eher riesigen
Mailboxen (BBS) als dem, was wir heute als Netz betrachten.


*Keine Vorstellung von den Möglichkeiten*

Apple war damals auf AppleTalk fixiert - ein in sich geschlossenes, für
die Zeit geniales Netzwerksystem, das keine Konfiguration benötigte. Man
steckte seinen Mac mit einem Kabel ans Netzwerk und war dran. Dies
musste fast zu einem Überlegenheitsgefühl führen, das ich für Apple
annehme, denn bei PCs musste man zu der Zeit eine Karte einstecken,
meist Jumper für hexadezimale Speicheradressen sowie ggfs. Interrupts
setzen, Treiber in der richtigen Reihenfolge für DOS laden, TSR starten
und kryptisch adressieren. Im UNIX-Umfeld war es nur wenig besser,
TCP/IP kannte noch kein DHCP und alles war sehr, sehr rau. So war es
wohl fast zwangslàufig, dass man TCP/IP bei Apple nur màßig ernst nahm.
Und doch wurde TCP/IP mit seinem Eigenschaften, plattformübergreifend
und weltweit vernetzbar zu sein, eine der Grundvoraussetzungen für den
Erfolg des WWW.

Eine fehlende Vision zur Vernetzung von Hypercard-Stacks über das
langsam entstehende öffentliche Internet (oder zumindest AppleTalk - das
fiel Apple auch nicht ein), mangelnde Cross-Plattform-Fàhigkeiten, zu
kurz verstandenes Profitdenken und schlechte Weiterentwicklung von
Hypercard sorgten dafür, dass der Nàhrboden für Konkurrenzsysteme
exzellent war. Die entstehende Informationsgesellschaft war mit Postings
im Usenet, Uploads auf FTP-Servern oder allerhöchstens ein paar
zusammengewürfelten Dateien auf Gopher nicht mehr zufrieden.


*Der dann fast zwangslàufige Erfolg des WWW*

Und so konnte das WWW schnell erfolgreich werden: es war gemischt
textuell-grafisch wie Hypercard, vernetzt wie Gopher, kostenlos und für
fast jedes Betriebssystem verfügbar.

Leider war es gràsslich umstàndlich, dafür angereicherte Inhalte zu
erstellen. Zwar gab es früh Autorensysteme - aber logische
Verknüpfungen, Abfragen oder auch nur Validierung von Benutzer-Eingaben
gab es fürs WWW erst 1996, gute Multimedia-Eigenschaften erst 2012.

Hàtte Apple Hypercard größer machen können, als es war? Ja.

Hàtte Apple das WWW durch Hypercard überflüssig machen können? Wohl
kaum. Dafür waren die Anlagen von Hypercard in die falsche Richtung
vorgegeben. Und doch hàtte das WWW viele der guten Eigenschaften von
Hypercard früher erben sollen.

Apple stellte jegliche Unterstützung für Hypercard im Jahr 2004 ein.
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Grüße
Götz
http://www.knubbelmac.de/

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