Steve McCurry unter Beschuss

17/06/2016 - 12:49 von Volker Bartheld | Report spam
Hallo!

Im Nachgang zu der in de.rec.fotografie geführten Diskussion zu mehr oder
weniger umfangreichen Bildmanipulaionen, die Steve McCurrys Assistent
anlàßlich einer Ausstellung in Italien mit oder ohne Billigung des
Fotografen durchgeführt hat [1], gibt es weitere Stimmen bei anderen
Vorfàllen.

Dies betrifft beispielsweise teilweise oder ganz gestellte Aufnahmen, die
anschließend im National Geographic veröffentlicht wurden [2], wie z. B.
zur "India by Rail" Story, zu der sich nun Augenzeuge Satish Sharma
àußerte. Im konkreten Fall mußte der Zug für eine Wiederholungsaufnahme
zurückgesetzt werden, weil der erste Versuch nicht scharf genug war.

In ebendieser 1984er Ausgabe vom NG ist eine Frau mit ihrem Kind
abgebildet, rechts daneben ein Koffertràger [3]. Bei der Frau handele es
sich - so Sharma - um die Ehefrau eines befreundeten Fotografen, deren
Koffer auf dem Kopf des Tràgers seien leer, die das pràzise Arrangement
des Fotos einige Zeit beansprucht hàtte. Einer der damaligen Assistenten
Currys in Indien, Avinash Pasricha, bezeichnet die Bilder als "Staged
Candid Moments", übersetzt also "gestellte Schnappschüsse".

Prekàr wird es im Zusammenhang mit dem damals veröffentlichten
Bilduntertitel, der zumindest einen gewissen Grad an authentischem
Photojournalismus suggeriert: "[...] Die Stationen werden heimgesucht von
Verkàufern, bereit jede Last zu tragen. In Neu Delhi balanciert ein Tràger
das Gepàck einer Reisenden erster Klasse, die auf dem Weg nach Agra ist.
Unter der Lizenz der Indischen Eisenbahngesellschaft und erkennbar durch
ihre roten Jacken nebst Messingemblem bieten Tràger ihre Dienste für
üblicherweise 20ct pro Gepàckstück an. [...]".

Natürlich blieb auch das epische Bild des afghanischen Màdchens nicht vor
Manipulationen verschont, für das Poster hat man zumindest die Augenpartie
nachbearbeitet und einen Dreckkrümel weggestempelt [4] - die subtil
unterschiedlichen Farben können hingegen durchaus einem unterschiedlichen
Scanprozeß zuzuschreiben sein.

McCurry befindet sich in bester Gesellschaft, schon anno 1951 hatte Eugene
Smith seiner Fotografie "Spanisches Erwachen" eine andere Note verliehen,
indem er die Augen zweier Frauen abdunkelte und so deren direkten Blick in
die Kamera tarnte.

Weitere Fàlle der jüngeren Vergangenheit dürften noch lebhafter im
Gedàchtnis geblieben sein [6], wie auch die Entscheidung von World Press
Photo anno 2015, etwa 20% der Einreichungen zu disqualifizieren.

Es bleibt spannend.

Volker

[1] http://petapixel.com/2016/05/06/bot...p-scandal/
[2] http://www.diyphotography.net/eyes-...y-scandal/
[3] http://www.diyphotography.net/wordp...52x670.jpg
[4] http://www.diyphotography.net/wordp...70x125.png
[5] http://www.alteredimagesbdc.org/eug...nish-wake/
[6] http://www.slate.com/blogs/behold/2...ition.html
[7] http://time.com/3706626/world-press...qualified/

@: W E B 2 0 1 6 at B A R T H E L D dot N E T
3W: www.bartheld.net
 

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#1 klausesser
17/06/2016 - 13:39 | Warnen spam
Am Freitag, 17. Juni 2016 12:50:02 UTC+2 schrieb Volker Bartheld:

Im konkreten Fall mußte der Zug für eine Wiederholungsaufnahme
zurückgesetzt werden, weil der erste Versuch nicht scharf genug war.




Völlig legitim.

In ebendieser 1984er Ausgabe vom NG ist eine Frau mit ihrem Kind
abgebildet, rechts daneben ein Koffertràger [3]. Bei der Frau handele es
sich - so Sharma - um die Ehefrau eines befreundeten Fotografen, deren
Koffer auf dem Kopf des Tràgers seien leer, die das pràzise Arrangement
des Fotos einige Zeit beansprucht hàtte. Einer der damaligen Assistenten
Currys in Indien, Avinash Pasricha, bezeichnet die Bilder als "Staged
Candid Moments", übersetzt also "gestellte Schnappschüsse".




Solange gestellte Fotos das wiedergeben, was der Normalitàt entspricht
ist auch das legitim. Man sollte da nicht pàbstlöicher sei als der Pabst.

Das ist in Zeiten des Web regelrecht Mode.

Überleg mal: zu Zeiten der Malerei haben die Maler dokumentarische Gemàlde
ebenfalls "gestellt". Warum auc nicht - solange sie die Realitàt beschrieben.
Es werden auch Texte über die Realitàt geschrieben - sind Texte "authentisch"?
Nein.

Prekàr wird es im Zusammenhang mit dem damals veröffentlichten
Bilduntertitel, der zumindest einen gewissen Grad an authentischem
Photojournalismus suggeriert: "[...] Die Stationen werden heimgesucht von
Verkàufern, bereit jede Last zu tragen. In Neu Delhi balanciert ein Tràger
das Gepàck einer Reisenden erster Klasse, die auf dem Weg nach Agra ist.
Unter der Lizenz der Indischen Eisenbahngesellschaft und erkennbar durch
ihre roten Jacken nebst Messingemblem bieten Tràger ihre Dienste für
üblicherweise 20ct pro Gepàckstück an. [...]".

Natürlich blieb auch das epische Bild des afghanischen Màdchens nicht vor
Manipulationen verschont, für das Poster hat man zumindest die Augenpartie
nachbearbeitet und einen Dreckkrümel weggestempelt [4] - die subtil
unterschiedlichen Farben können hingegen durchaus einem unterschiedlichen
Scanprozeß zuzuschreiben sein.

McCurry befindet sich in bester Gesellschaft, schon anno 1951 hatte Eugene
Smith seiner Fotografie "Spanisches Erwachen" eine andere Note verliehen,
indem er die Augen zweier Frauen abdunkelte und so deren direkten Blick in
die Kamera tarnte.

Weitere Fàlle der jüngeren Vergangenheit dürften noch lebhafter im
Gedàchtnis geblieben sein [6], wie auch die Entscheidung von World Press
Photo anno 2015, etwa 20% der Einreichungen zu disqualifizieren.

Es bleibt spannend.



"Spannend" ist das auf jeden Fall - und es wird dazu führen, daß dokumentarische
Fotografie immer weniger werden wird. Weil sich dokumentrische Fotografen immer mehr
von Argusaugen beobachtet und überwacht fühlen.

Ich hàtte nicht die geringste Lust, als gestalerischer Fotograf die Realitàt zu interpretieren,
damit dann irgendein Wichser mir vorwirft "betrogen" zu haben, wenn ich eine
Situation nachstelle, weil ich sie vorher verpasst habe.

Ich erinnere an den "Sprung über die Pfütze" von Cartier-Bresson - da hat er solange
gewartet, bis er jemanden in DEM Moment (the decisive moment) erwischt hatte.

Das ist auch "gestellt". Mindert aber nicht die Klasse der Idee udn des Fotos.

WICHTIG ist die Idee - nicht nur der Schuss selbst. Das gilt in meinen Augen
auch für McCurry.

Viele seiner Fotos sind ebenso eindrücklich wie auch bedeutend. Es wird immer
auch Neider geben - die es selbst allerdings nicht besser bringen.

Klaus

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