Strassenbahnen mit Akkumulator-Antrieb

21/10/2007 - 18:46 von Ralf Kusmierz | Report spam
X-No-Archive: Yes

begin Thread


Moin!

Anlàßlich der Gewerbe- und Industrieausstellung im Bremer Bürgerpark
1890 beantragte Otto Bohlmann, Vorstandsmitglied der Bremer
Pferdebahn, 1889 beim Senat die Genehmigung für einen elektrischen
Straßenbahnbetrieb System Thomson-Houston nebst Straßenbeleuchtung mit
Bogenlampen von der Börse (am Markt) bis zum Ausstellungsgelànde (ca.
2 km Streckenlànge). Senator Schultz beauftragte deswegen Professor
Kittler aus Darmstadt <http://de.wikipedia.org/wiki/Erasmus_Kittler>
mit einem Gutachten. Kittler schrieb:

1. Die Firma Thomson-Houston in Boston zàhlt zu den anerkannt
leistungsfàhigsten Firmen der Welt.
2. Ein Gleichstrom von 500 Volt Spannung kann nicht als
lebengefàhrlich bezeichnet werden. Immerhin ist nicht ausgeschlossen,
daß bei Verwendung oberirdischer Leitungen in außergewöhnlichen Fàllen
(Feuer, Stürme oder dergleichen) die betreffende Betriebsspannung zu
unangenehmen Zwischenfàllen Anlaß geben kann.
3. Oberirdische Leitungen für Abgabe von Licht oder motorische Zwecke
halte ich in der Straße Schüsselkorb-Bahnhofstraße als eine in
mannigfacher Beziehung bedenkliche Einrichtung. Im allgemeinen ist man
bestrebt, oberirdische Leitungen nach Möglichkeit zu vermeiden, und es
ist nur eine Frage der Zeit, daß auch der Telefonbetrieb unterirdisch
erfolgt.
4. Die Genehmigung dürfte daher nur eine provisorische sein, um so
mehr, als für nicht zu ferne Zeit der in jeder Beziehung einfachere
Betrieb mit Accumulatoren erhofft werden kann.
(Aus dem Buch "Bremen und seine Straßenbahn", Bremen: Kellner, 2001,
ISBN 3-927155-47-0)

Und ich frage mich jetzt gerade, ob es eigentlich nicht eine ganz gute
Idee wàre, Straßenbahnen mit Akkus fahren zu lassen. Anstatt über
Oberleitungen versorgt zu werden, könnte sie dann über (automatische)
Steckkontakte an den Haltestellen jeweils mit Hochstromladungen
nachgeladen werden.

Eckdaten: Eine Straßenbahn wiegt etwa 40 t bei einer Antriebsleistung
von rund 350 kW - für 10 Vollastminuten braucht sie demzufolge ca. 50
kWh Speicherkapazitàt. Bei einer spezifischen Energiedichte von 80
kWh/t wàre das zusàtzliche Akkumulatorengewicht also vernachlàssigbar,
dafür könnte man das ziemlich aufwendige Oberleitungssystem nebst
Gleichrichterwerken einsparen.

Wenn man (grob) abschàtzt, daß eine Straßenbahn im Mittel 100 kW
verbraucht (wegen der Nutzbremsung eher weniger) und ca. 10-20 % der
gesamten Fahrzeit an Haltestellen (oder verkehrsbedingten
Wartepunkten) steht, dann müßten die "Ladestecker" also für eine
Ladeleistung von 1 MW (2 kA bei 500 V) ausgelegt sein - liegt durchaus
im realisierbaren Bereich. Die "schwellende" Belastung des Netzes
sollte auch kein Problem sein: Zum einen fahren die Bahnen eines
Nahverkehrsnetzes die Haltestellen nicht synchron an, so daß sich die
Belastung im Mittelspannungs-Stadtnetz wegmitteln dürfte (punktuell
kurzzeitig 1 MW dürfte es problemlos "wegstecken" können), zum anderen
könnte man durch eine stationàre Fernwirktechnik die Gesamtaufnahme
der Umrichter auf eine maximale Leistung begrenzen.

Notfalls könnte man den Antrieb auch um Hybrid-Komponenten erweitern,
z. B. eine Gasturbine, die einen Generator zum Nachladen antreibt,
oder auch die konventionellen Stromabnehmer beibehalten, aber nur in
Außenbereichen mit langen Strecken zwischen Haltestellen Oberleitungen
installieren. Notwendig wàre beides nicht unbedingt.

(Die Ausstellungs-Straßenbahn wurde als - durchaus erfolgreicher -
Versuch vom 21. Juni 1890 bis zum 16. Oktober 1890 mit sechs
Motorwagen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h betrieben und
dann wieder stillgelegt; am 27. September 1890 hatte der Vorstand aber
die Gesamt-Elektrifizierung des bis dahin als Pferdebahn betriebenen
Straßenbahnnetzes beschlossen und sich im Mai des Folgejahres von der
Gesellschafterversammlung genehmigen lassen - der regelmàßige Betrieb
mit der "Elektrischen" begann dann schon am 1. Mai 1892 auf der ca. 5
km langen Strecke vom Herdentor (am Hauptbahnhof) nach Horn.)


Gruß aus Bremen
Ralf
R60: Substantive werden groß geschrieben. Grammatische Schreibweisen:
adressiert Appell asynchron Atmosphàre Autor bißchen Ellipse Emission
gesamt hàltst Immission interessiert korreliert korrigiert Laie
nàmlich offiziell parallel reell Satellit Standard Stegreif voraus
 

Lesen sie die antworten

#1 Ole Jansen
21/10/2007 - 19:16 | Warnen spam
Moin,


Ralf Kusmierz schrieb:


Und ich frage mich jetzt gerade, ob es eigentlich nicht eine ganz gute
Idee wàre, Straßenbahnen mit Akkus fahren zu lassen. Anstatt über
Oberleitungen versorgt zu werden, könnte sie dann über (automatische)
Steckkontakte an den Haltestellen jeweils mit Hochstromladungen
nachgeladen werden.



AFAIR hatte ich in einem der letzten "American Scientist" einen Artikel
über eine neuartige Hochstrom-Akku Technologie (mit Lithium) gelesen,
finde es aber gerade nicht wieder. Weiß jemand mehr darüber?

Falls es tatsàchlich mal langlebige, bezahlbare und ausreichend leichte
für Fahrzeuge geeignete Zellen gibt, die sich in Sekunden nennenswert
laden lassen, wàre dies für alle Arten von Landfahrzeugen interessant.

Bis dahin bleiben elektische Fahrzeuge ein Nischenprodukt wegen der
bekannten Probleme von Gewicht, Kosten, Ladezeiten/Verluste,
Brandgefahren usw.

O.J.

Ähnliche fragen