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30/07/2011 - 18:41 von Aguirre | Report spam
Ich habe niemals jemand gekannt, der so sehr zu Scherz und Spaß
aufgelegt war wie der König; es war geradezu sein Lebenselement. Eine
lustige Geschichte gut erzàhlen – das war der sicherste Weg, sich bei
ihm in Gunst zu setzen. So kam es, daß seine sieben Minister alle
dafür bekannt waren, vollendete Spaßmacher zu sein. Sie glichen auch
sonst dem König: sie waren nicht nur unvergleichliche Witzbolde,
sondern auch große, korpulente, fette Mànner. Ob die Leute vom
Scherzen fett werden oder ob die Veranlagung zu Spaß und Scherz bei
fetten Leuten besonders stark entwickelt ist, habe ich nie ganz genau
feststellen können; Tatsache aber ist, daß ein magerer Spaßmacher ein
seltener Vogel ist. Aus den Feinheiten oder, wie er sagte, dem »Geist«
des Witzes machte der König sich wenig. Er bewunderte hauptsàchlich
die Breite eines Scherzes, und um ihretwillen ließ er sich auch die
Lànge gefallen. Feinheiten langweilten ihn, und alles in allem gefiel
es ihm noch besser, einen Streich auszuführen, als einen erzàhlt zu
bekommen.
Zu der Zeit, in der meine Geschichte spielt, waren berufsmàßige
Spaßmacher bei Hofe noch nicht ganz aus der Mode gekommen. Mehrere
Màchte des Kontinents hatten noch ihre Narren, in Narrenkleid und
Schellenkappe, die zum Dank für die Brosamen, die ihnen an des Königs
Tische zufielen, stets zu Spott und Witz bereit sein mußten.
Unser König hatte selbstverstàndlich auch seinen Hofnarren. Tatsache
ist, daß er ein wenig Narrheit um sich brauchte – sei es auch nur als
Gegengewicht gegen die ungeheure Weisheit der sieben weisen Mànner,
seiner Minister – von ihm selbst gar nicht zu reden.
Sein Narr war jedoch nicht nur ein Narr. Sein Wert wurde in den Augen
des Königs dadurch verdreifacht, daß er außerdem ein Zwerg und ein
Krüppel war. In jenen alten Tagen waren Zwerge am Hof nicht seltener
als Narren, und viele Herrscher hàtten es schwer gefunden, die Tage
hinzubringen – und bei Hofe sind die Tage lànger als sonstwo – ohne
einen Spaßmacher, mit dem sie lachen, und einen Zwerg, über den sie
lachen konnten. Doch wie ich schon bemerkte, sind in neunundneunzig
von hundert Fàllen die Witzbolde fett, rund und schwerfàllig, so daß
unser König sich wirklich gratulieren konnte, in Hopp-Frosch, das war
des Narren Name, in einer Person einen dreifachen Schatz zu besitzen.
Ich glaube nicht, daß der Zwerg schon bei der Taufe den Namen Hopp-
Frosch erhielt, er verdankte ihn vielmehr dem weisen Rat der sieben
Minister und seiner eigenen Unfàhigkeit, wie andere Menschen aufrecht
einherzugehen. Hopp-Frosch konnte sich nur mittels eines ganz
absonderlichen Verfahrens vorwàrts bewegen, es war halb ein Sprung,
halb ein schlàngelndes Vorschleudern des Körpers, eine Gangart, die
allen bei Hofe unglaublichen Spaß machte und dem König ein rechter
Trost war, denn im Vergleich zu seinem Narren galt er selbst trotz
seines gewaltigen vorspringenden Bauches und seines màchtigen
Wasserkopfes für einen schöngebauten Mann.
Obgleich Hopp-Frosch infolge seiner mißgestalteten Beine sich nur
mühsam und unter Schmerzen vorwàrts zu bewegen vermochte, so konnte
er, wenn es sich ums Klettern handelte, ganz Außergewöhnliches
leisten. Die Natur hatte ihn für die Unvollkommenheit seiner unteren
Gliedmaßen mit einer unerhörten Muskelkraft der Arme ausgestattet.
Wenn er so auf Bàumen und an Seilen herumkletterte, glich er eher
einem Eichhörnchen oder einem kleinen Affen als einem Frosch. Ich bin
nicht imstande, mit Bestimmtheit anzugeben, aus welchem Lande Hopp-
Frosch stammte. Jedenfalls war es irgendeine unwirtliche Gegend, von
der niemand etwas wußte und weit entfernt vom Hofe unseres Königs.
Hopp-Frosch und ein junges Màdchen von fast ebenso zwerghafter Gestalt
wie er selbst – nur daß sie wohlproportioniert und eine wunderbare
Tànzerin war – waren aus ihrer Heimat gewaltsam in benachbarte
Provinzen verschleppt worden, von wo einer seiner stets siegreichen
Generale sie dem König zum Geschenk sandte.
Unter solchen Umstànden ist es nicht verwunderlich, daß zwischen den
beiden kleinen Gefangenen eine innige Freundschaft erwuchs. Hopp-
Frosch, der trotz seiner Kurzweiligkeit keineswegs beliebt war, war
nicht in der Lage, Tripetta große Dienste erweisen zu können; sie aber
wurde trotz ihrer Zwergengestalt, dank einer seltenen Anmut und
Lieblichkeit allgemein verehrt und verhàtschelt; sie hatte also eine
große Macht und versàumte nie, sich ihrer, sobald es not tat,
zugunsten von Hopp-Frosch zu bedienen.
Anlàßlich irgendeines großen Staatsereignisses – was es war, habe ich
vergessen – hatte der König beschlossen, ein Maskenfest zu geben, und
wann immer ein Maskenfest oder dergleichen an unserem Hofe stattfinden
sollte, rief man die Talente Hopp-Froschs und Tripettas zu Hilfe. Denn
der Zwerg war so erfinderisch in der Zusammenstellung von Festaufzügen
und wußte so pràchtige Masken zu ersinnen, daß es war, als sei ohne
ihn nichts zu machen.
Die Festnacht war gekommen. Eine glànzende Halle war unter Tripettas
Aufsicht mit allem ausgeschmückt worden, was geeignet schien, einen
stimmungsvollen Hintergrund für ein Maskenfest zu schaffen. Der ganze
Hof war in fieberhafter Erwartung. Was die Wahl der Masken und Kostüme
anlangte, so hatten viele schon Wochen ja Monate vorher beschlossen,
welche Rolle sie zu spielen gedachten, und wirklich gab es auch keine
Unentschlossenheit mehr – ausgenommen beim König und seinen sieben
Ministern. Warum gerade sie noch zögerten, wüßte ich nicht zu sagen,
es sei denn, weil ihnen dies spaßhaft vorkam. Wahrscheinlich ist, daß
es ihnen schwer fiel, für ihre fetten Gestalten eine passende
Verkleidung zu finden. Kurzum, die Zeit entfloh, und als letzte
Rettung ließen sie Tripetta und Hopp-Frosch rufen.
Als die beiden kleinen Freunde kamen, fanden sie den König mit den
sieben Mitgliedern seines Kabinettsrates beim Weine sitzen. Aber der
Herrscher schien übler Laune zu sein. Er wußte, daß Hopp-Frosch den
Wein nicht liebte, da das Trinken stets den armen Krüppel bis zum
Wahnsinn aufregte, und Wahnsinn ist kein angenehmer Zustand. Aber dem
König, der es liebte, jemand einen Schabernack zu spielen, machte es
Spaß, Hopp-Frosch zum Trinken zu zwingen und ihn – wie der König es
nannte – lustig zu machen.
»Komm her, Hopp-Frosch«, sagte er, als der Spaßmacher und seine kleine
Gefàhrtin ins Zimmer traten. »Leere diesen Becher auf die Gesundheit
deiner fernen Freunde – hier seufzte Hopp-Frosch – und dann begnade
uns mit deiner Erfindungsgabe. Wir brauchen Rollen, Rollen, Mann,
irgend etwas Neues, noch nicht Dagewesenes! Wir haben das ewige
Einerlei satt. Komm, trink! Der Wein wird dich erleuchten.« Hopp-
Frosch versuchte wie immer so auch diesmal des Königs wohlwollende
Ansprache mit einem Scherz zu beantworten, aber die Anstrengung war zu
groß. Gerade heute nàmlich war des armen Zwerges Geburtstag, und der
Befehl, seinen »abwesenden Freunden« zuzutrinken, zwang ihm Trànen in
die Augen. Große und bittere Tropfen fielen in den Kelch, den er
demütig aus der Hand des Tyrannen entgegennahm.
»Ah! Ha! ha! ha!« grölte letzterer, als der Zwerg den Becher
widerwillig leerte. »Seht, was so ein Glas guten Weins vermag!
Wahrhaftig, deine Augen glànzen schon!«
Armer Kerl! Seine großen Augen glànzten nicht nur, sie glühten, denn
auf sein leicht erregbares Hirn hatte der Wein nicht nur eine
gewaltige, sondern auch eine augenblickliche Wirkung. Er stellte den
Becher mit bebender Hand auf den Tisch und sah sich mit halb
irrsinnigen Blicken in der Gesellschaft um. Alle Anwesenden hatten
ihre Freude an dem sichtlichen Erfolg des königlichen »Scherzes«.
»Und jetzt an die Arbeit!« sagte der Premierminister, ein sehr fetter
Mann.
»Ja«, sagte der König. »Komm, Hopp-Frosch, leihe uns deinen Beistand.
Charakterrollen, mein hübscher Junge! Es mangelt uns an Charakteren,
uns allen, ha! ha! ha!« Und da diese Äußerung offenbar scherzhaft
gemeint war, stimmten seine sieben Minister in sein Lachen mit ein.
Hopp-Frosch lachte auch – aber nicht sehr herzhaft.
»Vorwàrts, vorwàrts«, sagte der König ungeduldig, »kannst du uns
keinen Vorschlag machen?«
»Ich bin bemüht, etwas Neues zu ersinnen«, antwortete der Zwerg
zerstreut, denn er war trunken vom Wein. »Bemüht!« schrie der Tyrann
wütend. »Was meinst du damit? Ah, ich sehe, du bist mißgestimmt und
brauchst noch mehr Wein. Hier trink!«
Und er goß einen zweiten Becher voll und bot ihn dem Krüppel, der nach
Atem rang und sich nicht rührte.
»Trink, sage ich!« brüllte der Unhold. »Oder beim Teufel –«
Der Zwerg zögerte. Der König wurde purpurrot vor Zorn. Die Höflinge
schmunzelten. Tripetta nàherte sich leichenblaß dem König, warf sich
vor ihm auf die Knie und beschwor ihn, ihren Freund zu schonen.
Der Tyrann war von ihrer Kühnheit verblüfft. Einen Augenblick sah er
sie verwundert an. Er schien in großer Verlegenheit; – was sollte er
tun, was sagen, wie seinem Zorn Luft machen? Endlich stieß er sie
wortlos zurück und schüttete ihr den ganzen Inhalt seines Bechers ins
Gesicht.
Das arme Màdchen erhob sich wankend und nahm, ohne auch nur einen
Seufzer zu wagen, ihren Platz am Fuße des Tisches wieder ein.
Eine halbe Minute lang herrschte Totenstille, man hàtte ein Blatt zu
Boden fallen hören können. Da tönte in das Schweigen ein sehr leiser,
doch scharfer und anhaltender knirschender Ton, der zu gleicher Zeit
aus allen Ecken des Raumes hervorzuknarren schien.
»Warum – warum – warum, sage ich, machst du dieses Geràusch?« wandte
sich der König an den Zwerg.
Letzterer schien sich von seiner Betrunkenheit ganz erholt zu haben;
er sah dem König scharf, doch ruhig ins Gesicht und sagte nur:
»Ich – ich? Wie könnte ich das getan haben?«
»Der Laut schien von außen hereinzudringen«, bemerkte einer der
Höflinge. »Vermutlich war es der Papagei dort am Fenster der seinen
Schnabel an den Gitterstàben des Kàfigs wetzte.«
»Möglich«, erwiderte der Herrscher und atmete befreit auf, »doch bei
meinem Ritterwort, ich hàtte schwören mögen, daß es das Zàhneknirschen
des Schurken hier war.«
Jetzt lachte der Zwerg – der König war ein zu eingefleischter
Spaßmacher, als daß er irgendeinem das Lachen verübelt hàtte – und
enthüllte zwei Reihen großer, kràftiger, abstoßend wirkender Zàhne.
Überdies gab er seine völlige Bereitwilligkeit zu erkennen, so viel
Wein zu schlucken, als man nur wünsche. Der König war befriedigt. Und
nachdem Hopp-Frosch ohne scheinbar üble Wirkung einen weiteren Becher
geleert hatte, begann er sogleich und mit Eifer sich für die geplante
Maskerade zu interessieren.
»Ich kann nicht sagen, wie die Ideenverbindung mir kam«, bemerkte er
so ruhig, als habe er nie in seinem Leben einen Schluck Wein über die
Lippen gebracht. »Aber gerade nachdem Eure Majestàt das Màdchen
fortgestoßen und ihr den Wein ins Gesicht geschüttet hatten – gerade
nachdem Eure Majestàt das getan hatten und wàhrend der Papagei draußen
am Fenster das seltsame Geràusch vollführte, kam mir ein köstlicher
Spaß in den Sinn, einer der lustigen Streiche aus meiner Heimat und
bei unsern Maskenfesten sehr beliebt. Hier aber wird er sicherlich
ganz neu sein. Leider jedoch gehören dazu genau acht Personen, und –«
»Sind wir ja!«, rief der König und lachte über seine rasche Entdeckung
der Zahlenübereinstimmung. »Genau acht Mann, ich und meine sieben
Minister. Vorwàrts! Erzàhle uns deinen Streich!«
»Wir nennen ihn«, erwiderte der Krüppel, »die acht zusammengeketteten
Orang-Utans, und gut ausgeführt ist er wirklich von großartiger
Wirkung.«
»Wir wollen ihn ausführen«, bemerkte der König und stand mit schweren
Augenliedern auf.
»Der Hauptwitz des Spiels liegt in dem Entsetzen, das es bei den
Frauen verursacht«, fuhr Hopp-Frosch fort. »Ausgezeichnet!« grölten
der Monarch und seine Minister im Chor.
»Ich werde Sie also als Orang-Utans einkleiden«, sprach der Zwerg
weiter. »Überlassen Sie alles mir. Die Ähnlichkeit wird so verblüffend
sein, daß die ganze Maskengesellschaft Sie für wirkliche Tiere halten
wird – und natürlich wird man ebenso entsetzt wie erstaunt sein.«
»Oh, das ist herrlich!« rief der König. »Hopp-Frosch! Aus dir will ich
noch einen Mann machen!«
»Die Ketten dienen dazu, durch ihr Klirren die Verwirrung zu erhöhen.
Es muß so scheinen, als seien Sie alle Ihren Wàchtern entronnen.
Eure Majestàt können sich gar nicht vorstellen, wie wirkungsvoll bei
solch einer Maskerade acht zusammengekettete Orang-Utans sein müssen,
da die meisten der Gesellschaft Sie für wirkliche Bestien halten
werden, wenn Sie mit wildem Geschrei mitten zwischen all die pràchtig
und lieblich gekleideten Mànner und Frauen hineinrasen. Der Gegensatz
wird unbeschreiblich sein.«
»Das machen wir unbedingt«, sagte der König. Und der versammelte Rat
löste sich auf, denn es war schon spàt, und man mußte sich beeilen,
den Plan Hopp-Froschs zur Ausführung zu bringen.
Sein Verfahren, den König und seine Vertrauten in Orang-Utans zu
verkleiden, war einfach, aber für seine Zwecke wirkungsvoll genug.
Diese Tiere waren zu der Zeit, in der meine Geschichte spielt, in der
zivilisierten Welt noch kaum gesehen worden. Und da die von dem Zwerg
vorgenommene Verkleidung wahrhaft scheußlich und bestienhaft aussah,
so war der Erfolg der Tàuschung gesichert.
Der König und seine Minister wurden zunàchst in enganliegende, braune
wollene Hemden und Unterhosen gesteckt. Dann wurden diese mit Teer
getrànkt. Jetzt schlug einer Federn vor. Aber der Zwerg verwarf diesen
Vorschlag und überzeugte die acht, daß das Fell eines Orang-Utans weit
naturgetreuer durch Flachs dargestellt werden könne. Eine dicke
Schicht davon wurde nun auf die Teerschicht festgedrückt. Dann brachte
man eine lange Kette herbei. Sie wurde zuerst dem König um den Leib
gelegt und festgeknotet, mit den sieben andern Teilnehmern wurde genau
so verfahren. Als alle derart angekettet und so weit als möglich
voneinander entfernt aufgestellt waren, bildeten sie einen Kreis; und
um das Ganze recht naturgetreu erscheinen zu lassen, zog der Zwerg den
Rest der Kette zweimal diametral durch den Kreis. Es war ganz die Art,
in der noch heutzutage auf Borneo große Affen zusammengekoppelt
werden.
Der weite Saal, in dem das Maskenfest stattfinden sollte, war ein
kreisrunder, sehr hoher Raum, der sein Licht durch ein einziges
Fenster im Mittelpunkt der Deckenwölbung erhielt. Bei Nacht – und
besonders für solche Feste war der Saal bestimmt – empfing er sein
Licht von einem großen Kronleuchter, der an einer Kette von der Mitte
des Kuppelfensters herniederhing. Wie üblich konnte er mittels eines
Gegengewichtes herabgelassen und wieder hinaufgezogen werden, doch
hatte man dies aus Schönheitsgründen außerhalb der Kuppel über das
Dach hinweggeführt. Die Ausschmückung des Festgemachs wurde Tripettas
Oberaufsicht überlassen; in einigen Dingen jedoch hatte sie sich der
überlegenen Umsicht ihres Freundes, des Zwerges, gefügt. Seinem Rate
folgend hatte man für diese Gelegenheit den Kronleuchter entfernt. Die
Wachstropfen, die nicht zu vermeiden gewesen wàren, würden der
kostbaren Gewandung der Gàste sehr geschadet haben, andererseits aber
konnten in einem überfüllten Raume nicht alle Leute die Mitte, also
den Platz unter dem Kronleuchter, meiden. Dafür wurden aber zahlreiche
Kandelaber ringsum an den Wànden der Halle aufgestellt und jeder der
fünfzig bis sechzig Karyatiden eine Wohlgeruch spendende Fackel in die
rechte Hand gegeben.
Die acht Orang-Utans warteten auf Hopp-Froschs Rat mit ihrem
Erscheinen geduldig bis zwölf Uhr, bis der Saal von Masken gedràngt
voll sein würde. Kaum jedoch war der letzte Schlag der
Mitternachtsstunde verhallt, als sie hineinstürmten, vielmehr rollten,
denn die hindernden Ketten rissen die meisten von ihnen zu Boden, und
wer nicht fiel, stolperte.
Das Entsetzen der Maskengesellschaft war ungeheuer und erfüllte das
Herz des Königs mit Entzücken. Wie man vorausgesehen hatte, gab es
unter den Gàsten nicht wenige, die diese grimmig aussehenden Wesen,
wenn auch nicht gerade für Orang-Utans, so doch für wilde Bestien
hielten.
Viele der Frauen wurden ohnmàchtig vor Schreck, und wàre der König
nicht so vorsichtig gewesen, das Waffentragen für diesen Abend zu
verbieten, so hàtten er und seine Gefàhrten den Schabernack wohl mit
ihrem Blute büßen müssen. So aber trachteten alle nach den Türen. Der
König hatte jedoch Befehl gegeben, sie gleich nach dem Eintritt der
Affenbande abzuschließen, und einer Anregung des Zwerges gemàß, hatte
man diesem selbst die Schlüssel ausgeliefert.
Als der Tumult aufs höchste gestiegen und jeder Gast nur auf seine
eigene Rettung bedacht war – denn das Gedrànge war inzwischen
lebensgefàhrlich geworden – hàtte man sehen können, wie die Kette, die
sonst den Kronleuchter trug und nach dessen Entfernung hinaufgezogen
worden war, sich allmàhlich herabsenkte, bis ihr Haken nur noch drei
Fuß überm Erdboden hing. Bald darauf geschah es, daß der König und
seine sieben Freunde, nachdem sie den Saal nach allen Richtungen
durchtaumelt hatten, sich schließlich in dessen Mittelpunkt und
unmittelbar unter der Kette befanden. Als sie so standen, ergriff der
Zwerg, der ihnen auf Schritt und Tritt gefolgt war und sie zu immer
wilderem Gebaren angefeuert hatte, die Kette, an die sie gefesselt
waren, genau an der Stelle, wo die beiden Diametrallinien
zusammentrafen. Blitzschnell hàngte er hier in das Mittelglied den
Kronleuchterhaken ein, und augenblicklich wurde durch eine unsichtbare
Kraft die Kette so hoch hinaufgezogen, daß der Haken nicht mehr
erreichbar war. Diese Aufwàrtsbewegung riß die Orang-Utans ganz nahe
zusammen; sie standen Gesicht an Gesicht gedràngt.
Inzwischen hatten die Maskengàste sich von ihrer Verblüffung erholt;
sie begannen das Ganze als einen wohlvorbereiteten Scherz anzusehen
und brachen über die sonderbare Situation der Affen in lautes
Gelàchter aus.
»Überlaßt sie mir!«, kreischte jetzt Hopp-Frosch, mit seiner schrillen
Stimme den ganzen Làrm übertönend. »Überlaßt Sie mir! Ich glaube ich
kenne sie. Wenn ich sie mir nur einmal recht anschauen könnte, ich
würde euch gleich sagen, wer sie sind!«
Und über die Köpfe der Menge hinwegkriechend, gelangte er zur
Saalwand, nahm einer der Karyatiden die Fackel aus der Hand, kehrte
auf demselben Wege wie vorher in die Mitte zurück und sprang mit
Affengeschwindigkeit dem König auf den Kopf und kletterte von da an
der Kette hinauf. Ein paar Fuß über den Orang-Utans senkte er seine
Fackel, leuchtete ihnen ins Antlitz und schrie von neuem: »Ich werde
bald heraushaben, wer sie sind!«
Und jetzt, wàhrend alle Anwesenden – die Affen mit einbegriffen – sich
vor Lachen schüttelten, ließ der Spaßmacher einen schrillen Pfiff
ertönen. Die Kette flog etwa dreißig Fuß empor und zog die bestürzten
und um sich schlagenden Orang-Utans mit; da hingen sie nun zappelnd
genau in halber Höhe des Saales. Hopp-Frosch, der sich an die Kette
festgeklammert hatte, verharrte noch in derselben Stellung wie vorher.
So als sei nichts geschehen, senkte er seine Fackel zu ihnen hinunter,
als bemühe er sich, festzustellen wer sie seien.
So völlig verblüfft war man von diesem plötzlichen Aufstieg, daß wohl
eine Minute lang Todesstille herrschte. Da ertönte wieder das leise,
scharfe, knirschende Geràusch, das dem König, als er Tripetta den Wein
ins Gesicht schüttete, aufgefallen war. Jetzt aber konnte kein Zweifel
darüber sein, wo der Laut herkam. Er kam von den Raubtierzàhnen des
Zwerges, es war ein Knirschen aus seinem schàumenden Mund. Sein Blick
flammte mit dem Ausdruck wahnsinniger Wut in die aufwàrts gewendeten
Gesichter des Königs und seiner sieben Gefàhrten.
»Aha!« sagte der Spaßmacher. »Aha! Ich fange an zu begreifen, wer
diese Leute sind!« Und wie um den König heller zu beleuchten, nàherte
er die Fackel dem Pelz, in dem jener steckte, so daß der Flachs
augenblicklich in heller Garbe aufflammte. In weniger als einer halben
Minute brannten die acht Orang-Utans lichterloh. Und drunten kreischte
die entsetzte Menge und starrte wie gebannt zu den flammenden Körpern
empor, denen sie keine Hilfe bringen konnte.
Endlich wurden die aufwàrts leckenden Flammen so stark, daß der Narr,
um ihnen auszuweichen, höher hinaufklettern mußte, und diese Bewegung
machte die Menge einen Augenblick lang stumm. Der Zwerg ergriff die
Gelegenheit und sprach noch einmal.
»Jetzt sehe ich deutlich«, sagte er, »welcher Art Leute diese
Maskierten sind. Es ist ein großer König mit seinen sieben Ministern,
ein König, der sich kein Gewissen daraus macht, ein wehrloses Màdchen
zu schlagen, und seine sieben Berater, die seiner schmachvollen Tat
Vorschub leisten. Was mich anbetrifft, so bin ich nur Hopp-Frosch, der
Spaßmacher, und das ist mein letzter Spaß.«
Infolge der hohen Brennbarkeit sowohl des Flachses wie des Teers war
das Rachewerk schon vollbracht, als der Zwerg seine kurze Rede kaum
beendet hatte. Die acht Leichname schaukelten in ihren Ketten – eine
stinkende, geschwàrzte, ekelhafte, unkenntliche Masse. Der Krüppel
schleuderte seine Fackel auf sie herab, kletterte behende bis zur
Decke empor und verschwand durch das Kuppelfenster.
Es ist anzunehmen, daß Tripetta auf dem Dach des Kuppelsaales stand,
ihrem Freund bei seinem schauerlichen Racheakt Beihilfe leistete und
daß sie zusammen ihre Flucht in ihr Heimatland bewerkstelligten. Beide
wurden nie mehr gesehen.
 

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#1 Armin Wolf
30/07/2011 - 22:01 | Warnen spam
"Aguirre" schrieb

[Test]



Angekommen Fup²test

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