Theory of Anything - Theory of Everything

25/01/2013 - 18:37 von D Orbital | Report spam
Heute hat das CERN eine große Pressekonferenz abgehalten, um die neuesten LHC-Daten zu pràsentieren. Wie sehen Sie diese Veranstaltung?


Martinus Veltman
Was das CERN macht, ist meiner Meinung nach richtig doof. Es ist doch im Grunde genau das Gleiche wie mit den überlichtschnellen Neutrinos. Aus der Affàre sollten sie eigentlich gelernt haben. Wichtige Ergebnisse zu verkünden, ist Sache der Kollaborationen, ich verstehe nicht, warum das CERN extra Pressekonferenzen macht.

Das Higgs-Boson ist aber doch eine wichtige Entdeckung.

Zu den Aufgaben der Organisation gehört es, Wissenschaftlern die Gelegenheit zu ihren Experimenten zu geben und sie dabei zu unterstützen. Die CERN-Mitarbeiter selbst machen ja keine Versuche, sondern die Forscher, die von den Universitàten kommen. Aber wie ich jetzt in der "Sunday Times" gelesen habe, lud das CERN Leute ein, darunter Peter Higgs, um diese Pressekonferenz abzuhalten. Natürlich würden sie dann verkünden, dass sie jetzt das Higgs-Boson gefunden haben.

Im Grunde sind solche Veranstaltungen einfach Egotrips. In Wirklichkeit ist das alles nicht wichtig. Ich könnte mir nicht vorstellen, bei der Forschung auf so etwas zu achten – ich suche doch meine Themen nicht danach aus, ob ich damit in die Zeitung komme. Es ist überhaupt nicht wichtig, wer da wofür Öffentlichkeit bekommt. Die Physik schreitet voran und wird über all das hinweggehen.

Sollten sich also junge Wissenschaftler lieber zurückhalten und nicht versuchen, durch öffentliche Aufmerksamkeit in der Konkurrenz um Forschungsgelder und Posten besser dazustehen?

Ich persönlich habe nichts dagegen, dass junge Wissenschaftler versuchen, mit Pressekonferenzen und dergleichen Aufmerksamkeit für ihre Forschung zu erzeugen. Wissenschaft braucht Geld, aber die Menschen, die Wissenschaft finanzieren, wissen ja sehr genau, warum sie das tun. Forschung ist wichtig für die Gesellschaft. Und wir sollten uns nicht dafür schàmen, dass wir für unsere Forschungen Geld benötigen und bekommen. Aber schauen Sie sich doch die Neutrinogeschichte an: Hat es den beteiligten Forschern etwas gebracht, auf diese Weise an die Öffentlichkeit zu gehen? Nein, im Gegenteil: Der Leiter der Kollaboration hat sich zurückziehen müssen. Und Nachwuchswissenschaftler müssen verstehen, dass Publicity zwei Seiten hat. Einerseits ist sie sehr positiv, aber wenn so etwas passiert wie bei den Neutrinos, hilft ihnen das auch nicht.

Wenn am LHC nun tatsàchlich das Higgs-Boson entdeckt wurde: Wie geht es dann weiter?

Wenn es wirklich das Higgs-Boson ist, dann wird man anschließend seine Eigenschaften erforschen. Die Masse haben die Kollegen damit ja schon festgenagelt, das ist eine wichtige Sache. Anschließend müssen sie nach und nach alle möglichen Zerfallsprozesse des Teilchens untersuchen, um zu sehen, ob es sich gemàß den Vorhersagen verhàlt. Wie lange das dauert, weiß man nicht – sie fangen ja nicht bei null an, sondern sammeln seit geraumer Zeit ebenso Daten über andere Zerfallsreaktionen.

Aber das wirkliche Problem liegt ohnehin an anderer Stelle. Das Higgs-Boson ist ein dankbarer Untersuchungsgegenstand: Man sagt es voraus, macht ein großes Experiment, und am Ende findet man das Higgs. Aber die großen, wichtigen Fragen funktionieren nicht so einfach – etwa die Eigenschaften des Standardmodells, die drei Teilchengenerationen: Warum gibt es diese? Warum ist das so? Wir haben kein Experiment, das diese Fragen beantworten könnte. Ähnliches gilt für die Massen der Teilchen. Die Neutrinos sind sehr leicht, wàhrend Top-Quarks millionenfach schwerer sind. Wir wissen nicht, warum das so ist, und wir haben keine Versuche, die uns diese Frage beantworten können.


"Was das CERN macht, ist meiner Meinung nach richtig doof"
Was ist mit Ideen wie der String-Theorie?

Die String-Theorie ist ziemlich tot. Sie hat bis heute nichts dazu beigetragen, diese Fragen zu klàren.

Und die Supersymmetrie?

Die Supersymmetrie hat ebenfalls nicht geliefert, was sie versprach. Es hieß vor einer Weile, wenn wir den Messbereich erweitern, finden wir Indizien für die Supersymmetrie. Aber das ist dann nicht passiert. Wir haben bis heute nichts, was auch nur annàhernd danach aussieht.

Im Grunde zeigt sich dieses Muster bisher bei allen Beschleunigern. Sie wurden damit begründet, dass wir mit den dann möglichen neuen Messbereichen dieses oder jenes finden. Aber das geschah nie. Wenn sie jetzt das Higgs entdecken, ist der LHC meines Wissens die erste Maschine überhaupt, die tatsàchlich das geliefert hat, wofür sie gebaut wurde. Eines muss man immerhin zugeben: Die Superstring-Theoretiker waren bisher stets sehr gut darin, ihre Theorien so zu modifizieren, dass sie die jeweiligen Probleme umschiffen. Möglicherweise schaffen sie es ja noch und belegen die Supersymmetrie. Aber vielleicht werden wir uns irgendwann auch damit abfinden müssen, dass wir gewisse Dinge experimentell nicht herausfinden können. Andererseits wird die Physik auch in Zukunft Schritt für Schritt ins Unbekannte vorstoßen. Und vielleicht bekommen wir dann doch noch unsere Antworten.
"Das Gespenst von Genf wird greifbar".
 

Lesen sie die antworten

#1 Richard
25/01/2013 - 18:56 | Warnen spam
On Fri, 25 Jan 2013 09:37:55 -0800 (PST), D Orbital
wrote:


"Was das CERN macht, ist meiner Meinung nach richtig doof"



Das ist nicht doof, sonder Wirtschaft (wenngleich auch
Miss-Wirtschaft)
Die Riiiesigen Summen, die in den Bau des Versuchskellers investiert
wurden, müssen "abgeschrieben" werden.
Was in dem Keller wirklich "geleistet" wurde und wird (Unsinn) ist für
die wirtschaftliche Betrachtung völlig bedeutungslos.
Geld (!) regiert die Welt.
Ausserdem müssen auch die Glàubigen (Physikglàubige sind eine
besonders dàmliche Sippschaft) wissen, wohin sie ihre
Erlösungshoffnung focusieren sollen.

Richard

Ähnliche fragen