Wieder kein Ig-Nobelpreis für CERN

05/10/2008 - 19:51 von Philo | Report spam
Derzeit werden die Ig-Nobelpreise vergeben, doch regelmàßig und für
mich unverstàndlich geht die CERN-Organisation wieder einmal leer aus.
Dabei hàtte sie es wirklich verdient.

In einem Zeitungsartikel lese ich eine Beschreibung des angeblich
"größten Experiments der Menschheit", zumindest quantitativ, an dessen
Auswertung tausende von Wissenschaftlern in hunderten von Instituten
beteiligt sind: Teilchen rasen aufeinander zu und (eine lustige
Formulierung) "beim Aufprall werden die Daten frei", nàmlich etwa eine
Milliarde "Schnappschüsse der Natur" pro Sekunde, wobei eine gute
Aufnahme in zehn Billionen Schnappschüssen gesucht wird. Ja, da muss
man richtig Zeit und Geld investieren, um in den freigewordenen Daten
nach dem gewünschten Ergebnis zu wühlen. Wie man hört betrugen die
Baukosten rund 3 Milliarden Euro. Nicht viel allerdings, wenn man
bedenkt, was andere bisher als seriös geltende Fachleute einer anderen
Branche gerade sinnlos verbrennen.

Und wozu der Aufwand? Nun ja, die Forscher sind unbekannten Teilchen
und dem Urknall auf der Spur! Wozu das? Äh, nun ja, àh...

Also was soll das? Darüber gibt es eine schöne Darstellung.

Leon Lederman beschreibt in seinem Heldengedicht "Das schöpferische
Teilchen" (1993) auch die Geschichte des Superconducting Super
Collider (SSC) in hemdsàrmelig-komischer Weise, nur bleibt einem das
Lachen im Halse stecken. Von ihm und seinesgleichen erdacht, von
Politikern wie Pràsident Reagan nicht verstanden, wurde die Sache
angeschoben. Doch dann, nachdem Milliarden buchstàblich in den Sand
gesetzt wurden, kam das Aus für das größenwahnsinnige Projekt.
Lederman gibt einen kurzen Einblick in die Anhörung im US-Senat [S.
272]. Senator Pastore stellt dem Fermilab-Direktor Wilson nahezu eine
Suggestivfrage:

Ist von diesem Beschleuniger etwas zu erwarten, das in irgendeiner
Weise die Sicherheit dieses Landes betrifft?

Wilson: Nein, Sir, das glaube ich nicht.

Pastore: Gar nichts?

Wilson: Gar nichts.

Pastore: Er ist in dieser Hinsicht wertlos?

Wilson: Er hat nur zu zu tun mit der Achtung, mit der wir einander
begegnen, der Menschenwürde, unserer Liebe zur Kultur. Er hat zu tun
mit der Frage: Sind wir gute Maler, gute Bildhauer, gute Dichter? Ich
meine all die Dinge, die wir in unserem Land verehren und achten und
auf die wir stolz sind. Mit der Verteidigung unseres Landes hat er
direkt nichts zu tun, er tràgt nur dazu bei, dass es wert ist,
verteidigt zu werden.

Der Senator hatte offenbar andere Vorstellungen, liefert Wilson sogar
noch das Stichwort, doch es kommt nichts. Lederman schreibt am Schluss
des Buchs, offenbar bei der Abfassung noch unklar über den
bevorstehenden Baustopp:

"Wenn diese beiden Maschinen [in USA und Europa] wirklich gebaut
werden, werden sie eine ungeheure Investition an menschlichen und
finanziellen Ressourcen verschlingen. Und dabei steht sehr viel auf
dem Spiel. Was, wenn sich die Higgs-Idee als falsch herausstellt?
Selbst das wird nicht das Bestreben schwàchen, 'Beobachtungen im 1-TeV-
Massenbereich' zu machen, unser Standardmodell muß entweder
modifiziert oder verworfen werden. Es ist wie bei Kolumbus, der nach
Indien aufbrach. Wenn er es nicht erreicht, meinten die wahren
Glàubigen, wird er etwas anderes finden, vielleicht etwas noch
Interessanteres." [S. 514]

Man muss sich das einmal richtig vorstellen. Da gibt es eine kleine
Gruppe von Theoretikern, die es aufgrund eines gewissen Kredits aus
der Vergangenheit und einer gewissen Ideologie auf Seiten der Politik
schaffen, den gewàhlten Vertretern der Öffentlichkeit gigantische
Investitionen aufzuschwatzen, über deren Nutzen sie bei direkter
Befragung nur angeben können, es handele sich um die Investition in
ein allgemeines Kulturgut. Gut, dann sollte die Investition aus dem
Kulturetat beglichen werden, so wie bei Bibliotheken, Opernhàusern,
Sportstàtten usw. und mit diesen Investitionen konkurrieren. Dann
hàtte man gesehen, was bevorzugt wird, ein Opernhaus, das immerhin
noch der Unterhaltung eines Teils der Bevölkerung dient, oder ein SSC
oder LHC zur (Selbst-)Befriedigung einer winzig kleinen Gruppe von
Physik-Theologen. Ledermans Vergleich mit Kolumbus ist sogar völlig
verfehlt, denn die Erforschung des Seewegs nach Indien war ein vitales
Interesse der europàischen Handelsnationen. Aus allgemein kultureller
Neugier ist Kolumbus weder losgesegelt noch wurde seine Expedition aus
diesem Grunde finanziert. Besser würde sich Lederman mit den
Alchimisten vergleichen. Auch die hatten außer Kosten und großen
Erwartungen nichts zu bieten. Dass die zwanghaften Bedürfnisse von
Physik-Theologen ("Das Standardmodell muss modifziert oder verworfen
werden") bereits ausreichen, um Geld aus dem Fenster zu schmeißen, ist
beachtlich. Und Lederman beantwortet natürlich auch nicht die selbst
gestellte Frage, was auf dem Spiel steht. Nichts nàmlich, was die
"ungeheuren Investitionen" rechtfertigen würde. Nichts außer dem
eigenen Ruf, dem Job vieler Leute und dem Geld der Steuerzahler. Ob
ein SSC oder LHC làuft oder nicht ist unwichtig, denn ob die gestellte
Frage nun so oder so beantwortet wird spielt für die Geldgeber, die
menschliche Gesellschaft, keine Rolle. Viel wichtiger ist, ob die Züge
fahren oder nicht, oder ob Deiche gebaut werden oder nicht, siehe New
Orleans.

CERN hat also den Ig-Nobelpreis mehr als verdient. Die Erkenntnis,
dass Hundeflöhe höher springen als Katzenflöhe, ist auch nicht
interessanter für die Menschheit als die Erforschung eines
hypothetischen Urknalls durch die theologische Physik. Im übrigen
zeigt der Ig-Nobelpreis nur die Spitze des Eisbergs. Denn geforscht
wird in vielen Bereichen nicht mehr, um irgendein Ergebnis zu
erzielen, sondern geforscht wird um der Forschung willen, als
Selbstzweck. Man hat nun einmal nichts anderes gelernt als forschen.
Also forscht man. Kommt dabei etwas heraus, gut. Wenn nicht, auch gut.
Und publiziert wird nicht, um etwas mitzuteilen, sondern weil man sich
der Publikation als Teil des Forschungsprozesses nicht entziehen kann.
Wer schreibt, der bleibt, wer nicht, der fliegt.
 

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#1 hwabnig
05/10/2008 - 22:11 | Warnen spam
On Sun, 5 Oct 2008 10:51:49 -0700 (PDT), Philo
wrote:



snip crap



Man hat nun einmal nichts anderes gelernt als forschen.
Also forscht man. Kommt dabei etwas heraus, gut. Wenn nicht, auch gut.
Und publiziert wird nicht, um etwas mitzuteilen, sondern weil man sich
der Publikation als Teil des Forschungsprozesses nicht entziehen kann.
Wer schreibt, der bleibt, wer nicht, der fliegt.




Tja man macht halt immer weiter mit dem was man gelernt hat.
Der Bauer ackert, das Huhn gackert.
Der Volksvertreter vertritt das Volk.
Der Forscher forscht und forscht.
Und du?
Der Philo philosophiert.
Und ich? Und die Anderen?
Was solln mer denn tun?

Sag nicht, Geld den Armen geben.
Die fressens auf, bis wir alle arm sind.

w.

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